Martin Ausserdorfer beginnt seine dritte Amtszeit aus einer Position, die für einen Bürgermeister komfortabel und für seine Partei zugleich anspruchsvoll ist. Bei der Gemeindewahl 2025 erhielt er 72 Prozent der Bürgermeisterstimmen. Die SVP-Liste kam auf 72,2 Prozent. Dietmar Demichiel und die Freie Liste erreichten jeweils rund 28 Prozent. Damit verfügt Ausserdorfer über ein klares persönliches Mandat und eine tragfähige Mehrheit im Gemeinderat.
Gegenüber 2020 ist sein Ergebnis dennoch zurückgegangen. Damals hatte Ausserdorfer 81,6 Prozent erreicht. Auch die Wahlbeteiligung sank von 71,5 auf 65,7 Prozent. Das ist kein Machtverlust, der seine Position akut gefährdet. Es zeigt aber, dass der Ausnahmebonus des Amtsinhabers nicht beliebig wächst. Die SVP bleibt dominant, während sich zugleich ein verlässlicher Gegenpol von gut einem Viertel der Wählerschaft etabliert hat.
Die politische Lage in St. Lorenzen ist deshalb nicht von einer offenen Regierungskrise geprägt. Sie ist von einer Nachfolgefrage geprägt, die mit jeder weiteren erfolgreichen Amtsphase größer wird. Je stärker Ausserdorfer die Gemeinde als Person zusammenhält, desto schwieriger wird für die SVP der spätere Übergang zu einer Führung, die denselben Vertrauensvorrat noch nicht besitzt.
Sichtbare Projekte, aber keine Ein-Mann-Bilanz
Ausserdorfers Amtszeit lässt sich an mehreren sichtbaren Veränderungen festmachen. Die neue Einfahrt ins Gadertal mit Kreisverkehr, Rienzbrücke und dem knapp einen Kilometer langen Tunnel wurde 2022 eröffnet. Sie verbessert Verkehrsfluss und Sicherheit an einem übergemeindlich wichtigen Knoten. Das Vorhaben war ein langjähriges Landesprojekt und wurde nicht erst von Ausserdorfer erfunden. Seine politische Leistung lag in der kommunalen Begleitung, in der Abstimmung mit Land und Nachbargemeinden und darin, St. Lorenzen in einem komplexen Infrastrukturprojekt handlungsfähig zu halten.
Deutlich unmittelbarer sichtbar ist die erneuerte Sport- und Freizeitzone. Fußball, Tennis, Padel, Beachvolleyball, Skatepark, Pumptrack und weitere Angebote wurden in den Jahren 2023 und 2024 zu einem breiten Bewegungsraum zusammengeführt. Die Auszeichnung als kinderfreundliche Gemeinde 2025 passt zu diesem Profil. Zugleich zeigt gerade dieses Projekt, dass die Bilanz nicht allein dem Bürgermeister gehört: Vizebürgermeister Dominik Huber und weitere Mitglieder der Gemeindeführung waren in der Umsetzung öffentlich sichtbar.
Hinzu kommen weniger spektakuläre, aber für den Alltag wichtige Linien. Die Gemeinde setzte auf Glasfaser, die Stärkung des Ortskerns, neue gewerbliche Perspektiven und zusätzlichen Wohnraum. Beim Wachtler Anger wurde freie Wohnkubatur geschaffen. Der Standort der Post und die Verbindung von Handel, Verwaltung und Dorfleben wurden als Teil einer lebendigen Ortsmitte behandelt. Seit 2025 speist die schon lange bestehende Biogasanlage aufbereitetes Biomethan in das Netz ein. Eine Jugendversammlung und der Aufbau eines Jugendrates verbreitern zudem die Beteiligung junger Menschen.
Daraus entsteht ein klares Führungsprofil. Ausserdorfer regiert nicht als ideologischer Solist, sondern als pragmatischer Netzwerker. Seine Stärke ist die Verbindung von Gemeinde, Landesverwaltung, Wirtschaft und Infrastrukturunternehmen. Das erklärt, warum ihm auch Projekte zugerechnet werden, die mehrere Ebenen und viele Verantwortliche haben. Für die politische Bewertung ist diese Unterscheidung wichtig: Er hat nicht alles allein geschaffen, aber er hat die Gemeinde in diesen Vorhaben sichtbar positioniert und Entscheidungen zusammengeführt.
Eine weitere Kandidatur ist rechtlich möglich
St. Lorenzen hatte Mitte 2025 insgesamt 4.012 Einwohner und liegt damit unter der gesetzlichen Schwelle von 5.000 Einwohnern. Für Gemeinden dieser Größe gibt es in Südtirol keine gesetzliche Begrenzung der Bürgermeisteramtszeiten. Ausserdorfer darf daher 2030 erneut antreten. Eine vierte Amtszeit wäre rechtlich zulässig.
Parteipolitisch ist die Lage weniger automatisch. Die SVP hat ihre internen Regeln 2025 so verändert, dass bewährte Bürgermeister über die bisherige Begrenzung hinaus kandidieren konnten. Die Nominierung für 2030 bleibt dennoch eine politische Entscheidung der Partei und der örtlichen Gremien. Sie hängt nicht nur von Ausserdorfers Bereitschaft ab, sondern auch davon, ob die SVP bis dahin einen überzeugenden Übergang vorbereitet hat.
Aus heutiger Sicht spricht mehr für einen großen Handlungsspielraum des Bürgermeisters als für einen bereits gefassten Abschiedsplan. Sein Wahlergebnis gibt ihm keinen Grund, frühzeitig auf das Amt zu verzichten. Gleichzeitig macht seine dritte Amtszeit die Frage dringlicher, ob er die Gemeinde noch einmal selbst in die Wahl führt oder seinen politischen Einfluss für einen geordneten Wechsel einsetzt.
Dominik Huber steht vorne – aber er ist noch kein Nachfolger
Innerhalb der amtierenden Gemeindeführung besitzt Dominik Huber die plausibelste Ausgangsposition. Er ist Vizebürgermeister, gehört der SVP an und war bei der Entwicklung der Sportzone sichtbar. Damit verbindet er formale Stellung, Projekterfahrung und öffentliche Präsenz. Diese drei Elemente machen ihn strukturell zum naheliegendsten internen Kandidaten.
Eine designierte Nachfolge lässt sich daraus nicht ableiten. Huber hat keine öffentlich erkennbare Bürgermeisterkandidatur angekündigt, und Ausserdorfer hat ihn nicht zum Nachfolger erklärt. Auch die Ausschussmitglieder Heidrun Hellweger und Verena Baumgartner verfügen über kommunale Verantwortung, ohne dass derzeit ein offener Anspruch auf die Spitzenfunktion erkennbar wäre. Für die SVP liegt die Aufgabe deshalb nicht in einer schnellen Krönung, sondern im planvollen Aufbau mehrerer belastbarer Persönlichkeiten.
Dietmar Demichiel bleibt der erkennbare Gegenpol. Seine 28 Prozent von 2025 sind zu wenig für einen Machtwechsel, aber zu viel, um ihn als Randerscheinung zu behandeln. Er besitzt eine stabile Ausgangsbasis für die Freie Liste. Eine realistische Bürgermeisterchance entstünde, wenn die SVP-Nachfolge umstritten wäre, ein Teil ihres bisherigen Milieus abwanderte und die Opposition über ihren bisherigen Kern hinaus anschlussfähig würde. Ohne einen solchen Bruch bleibt die SVP klarer Favorit.
Das Risiko für die Volkspartei liegt damit nicht in einem unmittelbaren Aufstand gegen Ausserdorfer. Es liegt in einer zeitlich schlecht vorbereiteten Übergabe. Ein neuer Kandidat müsste dann gleichzeitig den persönlichen Amtsbonus ersetzen, die 28-Prozent-Opposition begrenzen und innerhalb der SVP mehrere Erwartungen ausbalancieren. Je später Verantwortung und Sichtbarkeit verteilt werden, desto abrupter wird dieser Test.
Sein Wirkungskreis reicht längst über St. Lorenzen hinaus
Ausserdorfers berufliche und politische Netzwerke gehen deutlich über das Gemeindeamt hinaus. Er arbeitete über viele Jahre im Umfeld des Brennerbasistunnels, war in dessen Aufsichtsgremium tätig und wechselte 2025 in den Verwaltungsrat der Brennerautobahn. Parallel übernahm er Führungsaufgaben im Schienengüterverkehr und wird 2026 als Geschäftsführer von InRail geführt. Diese Laufbahn zeigt ein eigenständiges Machtprofil in der Verkehrs- und Infrastrukturpolitik.
Ein öffentlich erklärtes Ziel, in den Südtiroler Landtag oder nach Rom zu wechseln, ist daraus nicht abzulesen. Solange eine solche Erklärung fehlt, wäre die Behauptung einer konkreten Kandidatur Spekulation. Erkennbar ist lediglich, dass Ausserdorfer für Aufgaben außerhalb der Gemeinde anschlussfähig ist und wichtige Funktionen bereits ohne Parlamentsmandat ausübt.
Falls er irgendwann ein Wahlmandat auf höherer Ebene anstrebt, wäre der Landtag strukturell näher als die nationale Ebene. Dort ließen sich kommunale Erfahrung, Pustertaler Verankerung und das Profil in der Verkehrspolitik unmittelbar verbinden. Der konkretere Karriereweg führt derzeit jedoch nicht in ein Parlament, sondern über Führungs- und Aufsichtsfunktionen in der Infrastruktur. Diese Rollen können politisch mindestens ebenso einflussreich sein und lassen sich eher mit dem Bürgermeisteramt verbinden.
Drei realistische Wege führen bis 2030
Erstens: Ausserdorfer tritt ein viertes Mal an.Rechtlich steht dem nichts entgegen. Bleibt die Gemeinde politisch ruhig und sieht die SVP keinen gleich starken Nachfolger, wäre eine erneute Kandidatur der risikoärmste Weg. Die Partei würde ihren Amtsbonus sichern, die Nachfolgefrage jedoch um weitere fünf Jahre verschieben.
Zweitens: Die dritte Amtszeit wird zur Übergabe.Ausserdorfer verteilt Zuständigkeiten, macht Huber oder mehrere Mitglieder des Ausschusses stärker sichtbar und legt rechtzeitig einen gemeinsamen Nachfolgeprozess fest. Dieses Szenario bietet der SVP die beste Chance, persönliche Stärke in eine dauerhafte Ortsorganisation zu übersetzen. Es verlangt aber, dass der Bürgermeister politischen Raum abgibt, bevor er dazu gezwungen ist.
Drittens: Eine externe Funktion beschleunigt den Wechsel. Eine attraktive Aufgabe in Landespolitik, Verkehrsunternehmen oder einem wichtigen Aufsichtsgremium könnte Ausserdorfers Schwerpunkt vor 2030 verlagern. Ohne vorbereitete Nachfolge würde dann aus einer geordneten Personalfrage rasch ein innerparteilicher Wettbewerb. Demichiel hätte in diesem Verlauf die beste Chance, die Wahl zu einer Entscheidung über Kontinuität und Erneuerung zu machen.
Lagebefund
Martin Ausserdorfer hat St. Lorenzen weder allein neu gebaut noch jede Entwicklung selbst begonnen. Er hat aber über drei Amtsperioden ein belastbares Modell etabliert: kommunale Stabilität, pragmatische Projektpolitik und starke Verbindungen zu Land, Wirtschaft und Verkehrsinfrastruktur. Das Ergebnis von 2025 bestätigt, dass dieses Modell weiterhin eine breite Mehrheit trägt.
Für die SVP entsteht daraus heute kein akutes Wahlproblem. Ihre Herausforderung ist strategischer. Sie muss aus einer Gemeinde, die stark vom Bürgermeister profitiert, wieder eine Bürgermeisterpartei mit mehreren sichtbaren Trägern machen. Gelingt das, kann Ausserdorfer entweder selbst noch einmal antreten oder einen Nachfolger aus einer Position der Stärke übergeben. Gelingt es nicht, wird sein Abschied zum ersten offenen Machtmoment in St. Lorenzen seit 2015.
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