Knittelfeld ist damit kein Fall eines unmittelbaren Machtwechsels. Es ist der Fall einer noch starken Bürgermeisterpartei, deren strukturelles Umfeld sich bereits grundlegend verändert hat.

Die absolute Mehrheit ist nur noch ein Mandat breit

Im neuen Gemeinderat hält die SPÖ mit 54,27 Prozent 17 der insgesamt 31 Mandate. Die FPÖ stellt mit 25,16 Prozent acht Mandate. ÖVP und KPÖ verfügen mit 10,73 beziehungsweise 9,84 Prozent über jeweils drei Mandate. Die Wahlbeteiligung lag bei 47,31 Prozent.

Die SPÖ gewann 2025 insgesamt 2.610 Stimmen. Gegenüber 2020 legte sie zwar absolut um 42 Stimmen zu, verlor wegen der höheren Wahlbeteiligung aber 4,70 Prozentpunkte und drei Mandate. Ihre Mehrheit beträgt jetzt nur noch einen Sitz.

Die FPÖ erzielte 1.210 Stimmen und 25,16 Prozent. Sie gewann 861 Stimmen, 17,15 Prozentpunkte und sechs Mandate hinzu. Dieser Sprung ist mehr als ein Protestsignal. Mit Dominik Modre (FPÖ) als zweitem Vizebürgermeister und Integrationsreferenten sowie Sandro Fuchsbichler (FPÖ) als Wirtschaftsreferenten sitzt die FPÖ nun sichtbar in der politischen Führung der Stadt.

Die ÖVP fiel auf 10,73 Prozent und drei Mandate zurück. Die KPÖ verlor ebenfalls und hält mit 9,84 Prozent noch drei Sitze. Beide Parteien wurden zwischen der dominierenden SPÖ und der stark gewachsenen FPÖ zusammengedrückt.

WahlSPÖFPÖPolitische Aussage
EU-Wahl 202431,8 %34,3 %FPÖ knapp vor der SPÖ
Nationalratswahl 202427,9 %37,6 %deutlicher blauer Vorsprung
Landtagswahl 202433,3 %40,2 %FPÖ stärkste Kraft
Gemeinderatswahl 202554,3 %25,2 %SPÖ kommunal klar vor der FPÖ

Die Wahlkette zeigt zwei unterschiedliche politische Ebenen. Bei EU-, Nationalrats- und Landtagswahl lag die FPÖ jeweils vor der SPÖ. Erst bei der Gemeinderatswahl kehrte sich das Verhältnis deutlich um. Das spricht für eine starke persönliche und kommunale Bindung an Harald Bergmann, nicht für eine unverändert stabile sozialdemokratische Grundstruktur.

Bergmann gewinnt über Leistung und lokale Verankerung

Bergmann ist seit 2019 Bürgermeister. Seine politische Stärke liegt in einer sichtbaren kommunalen Leistungsbilanz. In fünf Jahren wurden fünf Schulstandorte modernisiert; mit dem Schulzentrum Lindenallee wurde dieses Programm 2026 abgeschlossen. Insgesamt investierte die Stadt rund 25 Millionen Euro in das Schulkonzept. Parallel laufen die Modernisierung des Bahnhofs, Investitionen in Straßen, Wasser- und Kanalinfrastruktur sowie Maßnahmen zur Belebung der Innenstadt.

Auch finanziell kann die Stadt derzeit Handlungsfähigkeit zeigen. Für 2026 sind Investitionen von rund 17 Millionen Euro vorgesehen. Der größte Anteil entfällt auf das Schulzentrum Lindenallee. Der laufende Haushalt weist vor Rücklagen zwar ein Minus von rund 852.000 Euro auf, fällt aber deutlich besser aus als noch 2025 prognostiziert. Rücklagen ermöglichen einen ausgeglichenen Haushalt.

Diese Projekte erklären einen wesentlichen Teil der kommunalen Differenz zur Bundes- und Landesebene. Bergmann kann konkrete Ergebnisse vorweisen. Die SPÖ wird vor Ort nicht nur als Partei, sondern als handlungsfähige Stadtführung bewertet.

Migration wird zum entscheidenden Konfliktfeld

Knittelfeld weist einen für steirische Gemeinden außergewöhnlich hohen Anteil ausländischer Staatsangehöriger auf. Anfang 2024 lag er bei 26,2 Prozent. Damit verbinden sich reale Aufgaben bei Bildung, Sprache, Integration, Wohnen und sozialem Zusammenleben – aber ebenso ein erhebliches politisches Mobilisierungspotenzial.

Bergmann betont das im Wesentlichen funktionierende Zusammenleben und den Kontakt zu den unterschiedlichen Gemeinschaften. Die FPÖ setzte im Wahlkampf dagegen auf Sicherheit, einen Asylstopp, einen verpflichtenden Verhaltenskodex und stärkere Deutschförderung. Die ÖVP verwies auf überforderte Bildungsstrukturen und eine gerechtere Verteilung der Kinder auf die Schulsprengel. Die KPÖ stellte Abwanderung, Deindustrialisierung und Arbeitsplatzverluste in den Vordergrund.

Damit stehen vier Perspektiven nebeneinander: Integration und kommunale Stabilität bei der SPÖ, Sicherheit und Begrenzung bei der FPÖ, Funktionsfähigkeit der Schulen bei der ÖVP sowie soziale und wirtschaftliche Strukturprobleme bei der KPÖ. Die FPÖ verfügt derzeit über die klarste Gegenposition zur Stadtführung. Sie kann nahezu jedes praktische Problem – von Schulklassen über Wohnumfeld bis Sicherheit – mit ihrer übergeordneten Migrations- und Ordnungserzählung verbinden.

Die FPÖ hat jetzt Personal, Ressorts und ein Wählerreservoir

Der freiheitliche Aufschwung beruht nicht nur auf einem günstigen politischen Klima. Die Fraktion verfügt mit acht Mandaten über eine belastbare Personaldecke. Dominik Modre besetzt als zweiter Vizebürgermeister ausgerechnet das Integrationsressort; Sandro Fuchsbichler verantwortet als Stadtrat den Bereich Wirtschaft. Damit kann die FPÖ zeigen, ob sie über Kritik hinaus kommunal gestalten kann.

Ihr weiteres Potenzial ist erheblich. Bei der Nationalratswahl erhielt sie 2.139 Stimmen, bei der Landtagswahl 1.960 und bei der Gemeinderatswahl 1.210 Stimmen. Die Ergebnisse sind wegen unterschiedlicher Wahlbeteiligung und Wahlmotive nicht unmittelbar übertragbar. Sie zeigen aber ein Reservoir von mehreren hundert Wählerinnen und Wählern, die auf Bundes- oder Landesebene freiheitlich, kommunal jedoch weiterhin Bergmann oder eine andere Liste wählen.

Für die FPÖ besteht die strategische Aufgabe darin, aus dieser Stimmung dauerhaft kommunales Vertrauen zu machen. Dafür muss sie ihre neuen Funktionen sichtbar und konfliktfähig, aber zugleich verlässlich ausfüllen. Gelingt ihr das, kann sie 2030 nicht nur weitere Mandate gewinnen, sondern die absolute Mehrheit der SPÖ brechen.

ÖVP und KPÖ kämpfen um eigenständige Rollen

Die ÖVP hat ihre frühere Stellung als zweite Kraft verloren. Nach dem Ausscheiden ihres bisherigen Vizebürgermeisters Wolfgang Knauseder (ÖVP) sitzt sie mit drei Mandaten ohne Stadtrat in der Opposition. Ihr mögliches Profil liegt in Wirtschaft, Bildung, Stadtentwicklung und einer sachlicheren Ordnungspolitik. Ohne klare personelle Führung droht sie jedoch zwischen SPÖ-Verwaltungskompetenz und FPÖ-Protest unterzugehen.

Die KPÖ bleibt mit Josef Meszlenyi (KPÖ) und Renate Pacher (KPÖ) personell erkennbar und kann soziale Fragen, Wohnen, Teuerung und Arbeitsplatzverluste besetzen. Ihr Verlust eines Mandats zeigt aber, dass auch ihr die Polarisierung zwischen SPÖ und FPÖ schadet. Sie braucht konkrete soziale Fälle und sichtbare kommunale Kontrollarbeit, um nicht auf eine Restrolle reduziert zu werden.

Politischer Befund

Das Schulprogramm ist abgeschlossen, der Bahnhof wird modernisiert und die Innenstadt weiterentwickelt. Politisch beginnt damit eine schwierigere Phase. Große Bauprojekte schaffen Sichtbarkeit, können aber nicht dauerhaft die gesamte Erzählung der Stadt tragen. Sobald weniger eröffnet und stärker konsolidiert werden muss, treten Alltagsfragen in den Vordergrund: Funktionieren Schulen und Integration? Bleibt die Innenstadt lebendig? Ist das Sicherheitsgefühl stabil? Sind Wohnen und kommunale Leistungen leistbar? Hält der Haushalt weitere Belastungen aus?

Die SPÖ darf sich deshalb nicht allein auf Bergmanns Bilanz verlassen. Sie muss die kommunale Leistung mit einer verständlichen Vorstellung davon verbinden, wie Knittelfeld sozial zusammenhält und wirtschaftlich handlungsfähig bleibt. Zugleich braucht sie neben dem Bürgermeister mehrere glaubwürdige politische Träger. Eine Mehrheit, die faktisch an einer Person hängt, bleibt trotz 54 Prozent verletzlich.

Harald Bergmann hat den freiheitlichen Durchmarsch in Knittelfeld vorerst gestoppt. Aber er hat die zugrunde liegende Verschiebung nicht aufgehoben. Die FPÖ ist bereits die zweite Macht der Stadt und besitzt das Wählerreservoir, um die absolute SPÖ-Mehrheit beim nächsten Mal zu brechen. Ob ihr das gelingt, entscheidet sich daran, ob Bergmann aus seiner persönlichen Stärke eine breitere sozialdemokratische Stadtführung macht – und ob die FPÖ ihre neue Verantwortung in Integration und Wirtschaft in kommunale Glaubwürdigkeit übersetzen kann.