Simon Blümcke gewann die Oberbürgermeisterwahl am 29. September 2024 bereits im ersten Wahlgang. 59,33 Prozent waren mehr als ein Sieg über den CDU-Kandidaten Johannes Henne, der auf 29,28 Prozent kam. Das Ergebnis war der Auftrag für einen persönlichen Führungswechsel: ein parteiloser Verwaltungsprofi, der zuhört, verbindet und Entscheidungen nicht an den Grenzen der Fraktionen scheitern lässt.
Seit seinem Amtsantritt im Dezember 2024 musste Blümcke diesen Auftrag unter Bedingungen erfüllen, die mit einem normalen kommunalen Neustart wenig zu tun hatten. Die Finanzierungskraft der Zeppelin-Stiftung brach ein, das Klinikum wurde zum Sanierungsfall, ZF verschärfte seinen Umbau und der Bodensee-Airport brauchte erneut öffentliche Hilfe. Statt einer Aufbruchsbilanz entstand zunächst eine Bilanz der Neuordnung.
Für die politische Einordnung ist dabei eine Verschiebung im Gemeinderat entscheidend. Joachim Krüger wurde 2024 über den Wahlvorschlag „ÖDP und Unabhängige“ gewählt, schloss sich nach der Wahl aber der CDU-Fraktion an. Die ÖDP ist daher nicht mehr als eigenständige Kraft im Rat vertreten. Die CDU verfügt nun über zwölf Sitze.
Ein starkes Mandat in einem asymmetrischen Gemeinderat
Blümckes Ausgangslage ist ungewöhnlich. Er verfügt über ein starkes persönliches Mandat, aber über keine eigene Liste im Gemeinderat. Dort sitzen 40 Mitglieder. Die CDU ist nach Krügers Anschluss mit zwölf Sitzen die mit Abstand stärkste Fraktion. Die Fraktionsgemeinschaft Freie Wähler/FDP kommt auf acht Sitze – sechs der Freien Wähler und zwei der FDP. Die AfD verfügt über vier Mandate.
Zusammen ergeben diese drei Kräfte 24 Sitze. Das ist keine formelle Koalition. Wo CDU, Freie Wähler/FDP und AfD jedoch gleich abstimmen, ist die Entscheidung bereits gefallen. Auf der anderen Seite stehen Grüne mit sechs, SPD/Linke mit sechs und das Netzwerk für Friedrichshafen mit vier Sitzen. Selbst gemeinsam erreichen sie nur 16 Mandate.
Für den Oberbürgermeister ist das zugleich Schwäche und Stärke. Er kann keine eigene Hausmacht abrufen und ist an keine Fraktion gebunden. Beim Doppelhaushalt, beim Klinikum und bei zentralen Investitionsentscheidungen gelang es ihm, deutlich breitere Mehrheiten zu organisieren. Diese Zustimmung darf aber nicht mit einer strukturell offenen Mehrheitslage verwechselt werden: Die stärkere Ausgangsposition besitzt das bürgerliche bis rechte Ratslager.
Der Haushalt beendet eine Friedrichshafener Ausnahme
Der Doppelhaushalt 2025/2026 war Blümckes erster großer Realitätstest. Der Gemeinderat beschloss ihn im März 2025 mit nur einer Gegenstimme und einer Enthaltung. Damit blieb die Stadt handlungsfähig. Zugleich endete die Vorstellung, dass Friedrichshafen seine außergewöhnlich breiten freiwilligen Leistungen dauerhaft ohne harte Prioritäten finanzieren kann.
Die Verwaltung kürzte Sachaufwendungen pauschal um zehn Prozent. Park-, Bäder- und Verwaltungsgebühren wurden erhöht. Projekte wie die Bahnunterführung in Fischbach und die Umgestaltung der Ortsdurchfahrt Kluftern mussten warten. Die Stadt investiert weiter, aber nicht mehr aus einem Gefühl dauerhafter finanzieller Überlegenheit.
Besonders tief ist der Einschnitt bei der Zeppelin-Stiftung. Für 2024 wurde ein Fehlbetrag von rund 29 Millionen Euro erwartet. Im Nachtragshaushalt 2025 wuchs der zunächst geplante Fehlbetrag von 7,8 auf 21,2 Millionen Euro, vor allem weil die Dividenden geringer ausfielen. Die Aufsichtsbehörde warnte, dass die Reserven bei unverändertem Kurs bis Ende 2029 aufgebraucht wären. Blümcke machte aus diesen Zahlen eine politische Botschaft: Friedrichshafen muss sein Wohlstandsmodell neu ordnen, bevor es von außen dazu gezwungen wird.
Das Klinikum: notwendiger Schnitt, verlorene Kontrolle
Beim Medizin Campus Bodensee traf Blümcke die folgenreichste Entscheidung seiner bisherigen Amtszeit. Im Juli 2025 beschloss der Gemeinderat einstimmig, die städtische Trägerschaft zu beenden. Stadt und Zeppelin-Stiftung konnten die Defizite nicht länger tragen. Im November folgte die Insolvenz in Eigenverwaltung.
Der Schnitt eröffnete einen geordneten Sanierungsweg, kostete Friedrichshafen aber den entscheidenden Einfluss auf die weitere Struktur. Im Mai 2026 entschied der Kreistag mit 30 zu 27 Stimmen für AMEOS und gegen den kommunalen Verbund mit der Oberschwabenklinik. Seit 1. August betreibt AMEOS das Klinikum Friedrichshafen. Die Stadt leistet weiterhin erhebliche finanzielle Beiträge, bestimmt den Betreiber aber nicht mehr.
Politisch ist das ein ambivalenter Erfolg. Blümcke half, den zentralen Klinikstandort zu erhalten und die Stiftung von einer untragbaren Dauerlast zu lösen. Gleichzeitig steht nun ein privater Träger für Qualität, Personal, Investitionen und den angekündigten Neubau ein. Wenn die Versorgung stabil bleibt, wird der Einschnitt als notwendige Rettung gelten. Wenn Leistungen ausgedünnt oder öffentliche Zuschüsse weiter steigen, bleibt die Entscheidung trotzdem mit Blümckes Amtszeit verbunden.
ZF bleibt das größte strukturelle Risiko
Die Stadt ist über die Zeppelin-Stiftung eng mit ZF verflochten. Blümcke vertritt die Stiftung im Aufsichtsrat. Er kann den Konzernumbau aber weder kommunalpolitisch steuern noch durch Haushaltsentscheidungen ersetzen. Genau darin liegt die schwierigste Abhängigkeit Friedrichshafens.
ZF verbesserte 2025 seine operative Marge auf 4,5 Prozent und startete 2026 mit weiter steigender Profitabilität. Gleichzeitig sank der Umsatz 2025 auf 38,8 Milliarden Euro, die Netto-Schulden lagen bei 10,2 Milliarden Euro und die Beschäftigtenzahl ging zurück. Der angekündigte Abbau von 11.000 bis 14.000 Stellen in Deutschland läuft weiter. Am Standort Friedrichshafen wurden Arbeitszeit und Entgelt in zentralen Bereichen zeitweise reduziert.
Das bedeutet: Die unmittelbare Alarmphase schwächt sich ab, das strukturelle Risiko bleibt. Weniger Beschäftigung trifft Kaufkraft, Wohnungsmarkt und Gewerbesteuer. Schwächere Dividenden treffen die Zeppelin-Stiftung. Für Blümcke reicht es deshalb nicht, ZF als Unternehmensproblem zu behandeln. Er muss die Stadt wirtschaftlich breiter aufstellen, ohne den industriellen Kern kleinzureden.
Der Flughafen: Erholung ist noch kein Beweis
Beim Bodensee-Airport zeigt sich ein ähnliches Muster. 2025 stiegen die Passagierzahlen um zehn Prozent auf 250.881. Neue Inlandsverbindungen sowie die Rückkehr von Ryanair mit Mallorca und Alicante geben dem Flughafen 2026 Rückenwind. Das ist ein realer Fortschritt nach dem Wegfall der Frankfurt-Verbindung.
Wirtschaftlich ist die Bewährungsprobe aber nicht bestanden. Die Stadt stellte bis zu 2,5 Millionen Euro Betriebshilfe bereit und sagte für die Jahre 2026 bis 2030 jährlich 1,5 Millionen Euro für Investitionen zu. Die Unterstützung ist an steigende Passagierzahlen bis 290.000 geknüpft. Der Flughafen muss also beweisen, dass aus einem besseren Flugplan ein dauerhaft tragfähiger Regionalstandort wird.
Wohnen, Schulen und Innenstadt müssen sichtbar werden
Krisenentscheidungen erklären, warum große Teile der bisherigen Amtszeit nach Abwehr aussehen. Politisch tragen sie Blümcke aber nicht bis zur Gemeinderatswahl 2029. Die zweite Hälfte seiner Erzählung muss im Alltag der Stadt sichtbar werden.
Beim Wohnen setzt Friedrichshafen auf neue Baugebiete und Innenentwicklung. Bis zu 1.445 Wohneinheiten sollen in den kommenden Jahren ermöglicht werden. Die Ifenstraße verbindet zusätzlichen Wohnraum mit einer Kita und einem Grünkorridor. Der Nachweis gelingt jedoch erst, wenn Planungsrecht zu gebauten und bezahlbaren Wohnungen wird.
Ähnlich ist es bei Schulen und Innenstadt. Das Raumprogramm für das Karl-Maybach-Gymnasium ist beschlossen, weitere große Sanierungen konkurrieren um knappe Mittel. Das Ideenpapier „Fokus Innenstadt“, die Aufwertung von Plätzen und mehr Grün liefern eine Richtung. Entscheidend wird, ob daraus bis 2029 mehrere sichtbare, abgeschlossene Projekte entstehen.
Die Opposition bleibt auch gebündelt in der Minderheit
Die CDU ist nicht nur die größte Fraktion. Durch Krügers Anschluss hat sie ihre Position nach der Wahl noch ausgebaut. Ihr Kandidat Johannes Henne war Blümckes klarster Konkurrent, dennoch trug die Fraktion bei Haushalt und Klinikum zentrale Entscheidungen des Oberbürgermeisters mit. Freie Wähler/FDP bilden mit acht Sitzen die zweite bürgerliche Säule.
Grüne, SPD/Linke und Netzwerk können ihre Kräfte bündeln und gemeinsam Anträge entwickeln. Mit 16 von 40 Sitzen reicht dieses Bündnis aber nicht für eine Mehrheit. Es braucht für jeden Erfolg zusätzliche Stimmen aus CDU, Freien Wählern/FDP oder AfD. Das begrenzt die Möglichkeit, gegen den Willen des bürgerlich-rechten Lagers eigene Prioritäten durchzusetzen.
Für Blümcke bedeutet das: Er ist nicht von einer festen Koalition abhängig, bewegt sich aber in einem Rat mit klarer Mehrheitsasymmetrie. Solange seine Vorlagen von CDU und Freien Wählern/FDP getragen werden, besitzt er eine belastbare Basis. Wo zusätzlich die AfD gleich abstimmt, entsteht eine komfortable Mehrheit. Für linke, grüne oder stadtgesellschaftliche Gegenentwürfe ist die Hürde deutlich höher.
Die AfD erreichte bei der Landtagswahl 2026 in Friedrichshafen 20 Prozent. Sie ist deshalb nicht nur rechnerischer Teil möglicher Ratsmehrheiten, sondern verfügt auch über ein erhebliches außerkommunales Wählerpotenzial. Das erhöht den Druck auf CDU und Freie Wähler/FDP, ihr Verhältnis zur AfD bei entscheidenden Abstimmungen politisch erkennbar zu machen.
Drei Wege bis zur Gemeinderatswahl 2029
Sanierung wird Gestaltung. Das Klinikum stabilisiert sich unter AMEOS, ZF setzt die operative Erholung fort, der Flughafen erreicht seine Zielmarke und mehrere Wohn-, Schul- und Innenstadtprojekte werden sichtbar. Dann geht Blümcke als Oberbürgermeister in die Wahl, der Friedrichshafen durch die schwierigste Phase geführt und zugleich einen neuen Aufbruch organisiert hat.
Die Mehrheitsachse wird zum politischen Lager.CDU und Freie Wähler/FDP stimmen bei zentralen Fragen dauerhaft gemeinsam; wo die AfD gleich stimmt, liefert sie die zusätzliche Mehrheit. Dann wird aus rechnerischer Nähe eine erkennbare politische Richtung. Blümcke müsste entscheiden, ob er diese Mehrheit führt oder für einzelne Projekte bewusst andere Bündnisse organisiert.
Die Krisen kippen in Protest. Neue Konflikte beim Klinikum, spürbarer Stellenabbau bei ZF, weitere Gebühren und ein ausbleibender Wohnungsbau würden den Eindruck erzeugen, dass die Bürger für den Verlust des alten Wohlstandsmodells zahlen. Davon profitieren weniger die kooperierenden Fraktionen als jene Kräfte, die sich außerhalb des bisherigen Konsenses stellen.
Der Befund
Simon Blümckes bisherige Bilanz ist stärker, als die Vielzahl der Krisen vermuten lässt. Er hat Probleme offengelegt, Entscheidungen getroffen und für schmerzhafte Einschnitte breite Zustimmung organisiert. Der Haushalt wurde neu geordnet, das Klinikum aus einer untragbaren Trägerschaft gelöst und der Flughafen an messbare Ziele gebunden.
Der Rat ist dabei weniger offen, als es die bisherigen breiten Abstimmungsergebnisse vermuten lassen. CDU, Freie Wähler/FDP und AfD verfügen zusammen über 24 Sitze. Grüne, SPD/Linke und Netzwerk kommen gemeinsam auf 16. Das ist keine feste Koalition, aber eine klare strukturelle Mehrheit rechts der Mitte.
Noch fehlt der zweite Teil von Blümckes politischer Erzählung: nicht nur, wovon Friedrichshafen sich verabschieden muss, sondern welche Stadt aus dieser Neuordnung entstehen soll. Bis 2029 entscheidet sich zugleich, ob er die bestehende Mehrheitsachse lediglich nutzt oder aus seiner Unabhängigkeit tatsächlich wechselnde, politisch breitere Bündnisse macht. Sichtbar werden muss das an Wohnungen, Schulräumen, Plätzen und wirtschaftlichen Alternativen.
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