Leopold Buchriegler ist Bürgermeister, aber noch kein Wahlsieger. Am 6. November 2025 wählte ihn der Gemeinderat mit 16 von 25 Stimmen zum Nachfolger von Gerhard Klaffner. Die ÖVP-Kandidatin Evelin Stadler erhielt sieben Stimmen, zwei Stimmen waren ungültig. Die geheime Wahl lässt keine sichere Zuordnung jeder einzelnen Stimme zu. Die Mandatsarithmetik spricht jedoch dafür, dass Buchriegler neben der SPÖ auch Unterstützung aus der Bürgerliste Weyer und zumindest eine weitere Stimme erhielt.
Damit begann in Weyer ein politischer Übergang, dessen Abschluss erst 2027 erfolgt. Buchriegler führt die Gemeinde mit den Rechten und Pflichten des Bürgermeisters. Der direkte Auftrag der Wählerinnen und Wähler fehlt ihm aber noch. Bei der nächsten Gemeinderats- und Bürgermeisterwahl muss er aus einem vom Gemeinderat übertragenen Amt eine eigene demokratische Mehrheit machen.
Klaffners 28 Jahre wirken über seinen Rücktritt hinaus
Gerhard Klaffner leitete Weyer 28 Jahre. Eine so lange Amtszeit prägt mehr als einzelne Projekte. Sie verbindet politische Entscheidungen, Verwaltung, Vereine und persönliche Beziehungen mit einem Namen. Klaffners Rücktritt beendete daher nicht nur eine Amtsperiode, sondern ein kommunales Führungsmodell.
Für Buchriegler ist dieses Erbe zugleich Schutz und Belastung. Als bisheriger Vizebürgermeister steht er für Kontinuität und kennt die Gemeindeorganisation. Er übernimmt keine zerstrittene Partei und kein unregierbares Rathaus. Gleichzeitig kann er Erfolge der vergangenen Jahrzehnte nicht einfach als eigene Bilanz verbuchen. Je näher die Wahl 2027 rückt, desto stärker wird die Frage, was er selbst begonnen, entschieden und sichtbar gemacht hat.
Die SPÖ startet stark – aber nicht dominant
Bei der Gemeinderatswahl 2021 erreichte die SPÖ 41,10 Prozent und zehn der 25 Mandate. Die ÖVP kam auf 28,03 Prozent und sieben Sitze. Die Bürgerliste Weyer erhielt 19,61 Prozent und fünf Mandate, die FPÖ 11,27 Prozent und drei Sitze. Keine Fraktion besitzt allein die Mehrheit von 13 Mandaten.
Klaffner gewann die damalige Bürgermeisterdirektwahl mit 56,62 Prozent bereits im ersten Wahlgang. Bernhard Kühholzer (ÖVP) erreichte 20,37 Prozent, Jürgen Aigner von der Bürgerliste 15,17 Prozent und Karl Haidinger (FPÖ) 7,87 Prozent. Klaffners persönliches Ergebnis lag damit deutlich über dem Stimmenanteil seiner Partei. Genau dieser persönliche Vorsprung ist für Buchriegler nicht automatisch vererbbar.
Die SPÖ besitzt weiterhin die stärkste organisatorische Ausgangsposition. Sie stellt den Bürgermeister und den Vizebürgermeister und verfügt über die größte Fraktion. Doch Buchriegler muss erst zeigen, ob er jene Wähler erreicht, die 2021 Klaffner, aber nicht die SPÖ gewählt haben.
Die Bürgerliste kann entscheiden, wer Weyer führt
Die Bürgerliste Weyer ist mit fünf Mandaten kein Zusatz am Rand, sondern das politische Scharnier des Gemeinderats. SPÖ und Bürgerliste kommen gemeinsam auf 15 Sitze. Ebenso erreichen ÖVP, Bürgerliste und FPÖ zusammen 15 Mandate. Ohne die Bürgerliste lässt sich zwar in einzelnen Fragen eine andere Mehrheit bilden, für stabile und breit getragene Entscheidungen ist sie aber der naheliegendste Partner beider großen Parteien.
Ihr Programm setzt auf unabhängige Sachpolitik, Transparenz, Bürgerbeteiligung und eine nachhaltige Gemeindeentwicklung. Das passt zu Buchrieglers Angebot einer parteiübergreifenden Zusammenarbeit. Es eröffnet der Bürgerliste zugleich die Chance, konkrete Bedingungen zu stellen und eigene Erfolge sichtbar zu machen.
Für die Wahl 2027 ist deshalb nicht nur entscheidend, ob Buchriegler die SPÖ zusammenhält. Entscheidend ist auch, ob die Bürgerliste ihn als glaubwürdigen Partner betrachtet oder einen Wechsel ermöglicht. Ihre fünf Mandate machen sie zum wichtigsten strategischen Faktor zwischen Rot, Schwarz und Blau.
Die ÖVP hat mit Stadler eine sichtbare Alternative
Evelin Stadler trat bei der Bürgermeisterwahl im Gemeinderat als Gegenkandidatin an und erhielt die sieben Stimmen der ÖVP. Das macht sie zur derzeit sichtbarsten personellen Alternative zu Buchriegler. Eine offizielle Kandidatur für die Direktwahl 2027 ist damit allerdings noch nicht bestätigt.
Die ÖVP muss bis dahin zwei Fragen beantworten. Sie braucht eine Kandidatin oder einen Kandidaten, der über die eigene Fraktion hinaus Zustimmung gewinnt. Und sie muss zeigen, wie sich ihr Angebot von der Bürgerliste unterscheidet, ohne deren mögliche Unterstützung für einen Machtwechsel zu verspielen.
Mit 28,03 Prozent besitzt die ÖVP eine solide Basis. Um Buchriegler ernsthaft zu gefährden, reicht Platz zwei aber nicht. Sie muss entweder selbst stark zulegen oder eine zweite Wahlrunde erreichen, in der sich die Stimmen gegen die SPÖ auf eine Person bündeln können.
Die FPÖ ist kommunal klein – ihr Potenzial aber deutlich größer
Die FPÖ hält im Gemeinderat drei Mandate. Bei der Nationalratswahl 2024 wurde sie in Weyer mit 30,15 Prozent jedoch stärkste Partei. Die ÖVP erreichte 25,35 Prozent, die SPÖ 22,80 Prozent. Das bundespolitische Ergebnis lässt sich nicht direkt auf eine Gemeinderatswahl übertragen. Es zeigt aber, dass das freiheitliche Wählerpotenzial weit über dem Ergebnis von 2021 liegt.
Karl Haidinger, der 2021 als Bürgermeisterkandidat antrat, gehört weiterhin dem Gemeinderat an. Eine FPÖ-Spitzenkandidatur für 2027 ist derzeit dennoch nicht öffentlich bestätigt. Entscheidend wird sein, ob die Partei ihren bundespolitischen Rückenwind mit einer kommunal verankerten Person, einem vollständigen Team und konkreten Antworten für Weyer verbinden kann.
Gelingt ihr das, verändert sie nicht nur das Kräfteverhältnis im Gemeinderat. Sie kann auch darüber entscheiden, ob die ÖVP in einer Stichwahl Stimmen gegen Buchriegler sammelt oder ob sich die Opposition auf mehrere Kandidaten verteilt und damit den Amtsinhaber schützt.
Die Umfahrung nimmt den Verkehr – und Ausreden
Die im Juli 2025 eröffnete Umfahrung ist das wichtigste Infrastrukturprojekt der jüngeren Weyrer Geschichte. Das Land Oberösterreich bezifferte die Kosten mit 53,7 Millionen Euro. Die beiden Tunnel verlagern einen großen Teil des Durchgangsverkehrs aus dem Zentrum. Verkehrszählungen zeigen eine Entlastung von 61 Prozent in der Waidhofnerstraße und 67 Prozent im Unteren Markt.
Damit verändert sich die politische Aufgabe. Jahrzehntelang war die Belastung durch den Verkehr ein nachvollziehbares Hindernis für Aufenthaltsqualität, Gastronomie und einen attraktiven öffentlichen Raum. Nun ist dieses Hindernis deutlich kleiner. Der Erfolg der Umfahrung wird künftig nicht nur an weniger Autos, sondern daran gemessen, was an ihre Stelle tritt.
Für Buchriegler ist das die größte Chance seiner kurzen Amtszeit. Er kann den Marktplatz nicht nur verwalten, sondern zum sichtbaren Projekt seiner Bürgermeisterschaft machen. Bleibt der Ortskern trotz weniger Verkehr leer oder unbelebt, wird die Entlastung politisch rasch als ungenutzte Gelegenheit wahrgenommen.
„Weyer on Fire“ muss vom Versuch zum Ergebnis werden
Mit „Weyer on Fire“ erprobt die Gemeinde von Juli 2025 bis Juli 2026 neue Nutzungen für den Marktplatz. Mobile Bäume, Straßenmalerei, die Nutzung leerer Räume und Veranstaltungen sollen zeigen, welche Funktionen das Zentrum künftig übernehmen kann. Studierende der Technischen Universität Wien und der Technischen Universität Graz entwickelten Zukunftsbilder; auch Jugendliche wurden in Workshops eingebunden.
Solche Versuche sind sinnvoll, weil sie Veränderungen sichtbar und diskutierbar machen. Politisch reichen temporäre Elemente aber nicht. Nach der Erprobungsphase braucht Weyer klare Entscheidungen: Welche Flächen bleiben frei? Wo entstehen Bäume, Sitzplätze oder Gastgärten? Wie werden Leerstände aktiviert? Wie bleibt der Marktplatz erreichbar, ohne wieder zum Verkehrsraum zu werden?
Buchriegler hat die zentralen Arbeitsfelder bereits benannt: Marktplatzgestaltung, Kanal- und Wasserprojekte, Glasfaserausbau, die Sanierung von Gemeindegebäuden und ein Leitbild für die weitere Entwicklung. Daraus muss bis 2027 eine erkennbare Prioritätenordnung entstehen. Wer alles gleichzeitig verspricht, riskiert, dass kein Projekt eindeutig mit der neuen Bürgermeisterschaft verbunden wird.
Buchriegler braucht eine eigene, sichtbare Bilanz
Die Ausgangslage ist für den neuen Bürgermeister besser, als es der fehlende Direktwahlsieg vermuten lässt. Er verfügt über das Amt, eine starke Fraktion, die Erfahrung als Vizebürgermeister und ein politisches Klima, in dem Zusammenarbeit möglich ist. Die Umfahrung schafft zudem einen seltenen Moment, in dem eine Gemeinde ihr Zentrum tatsächlich neu ordnen kann.
Sein Risiko liegt in der bloßen Fortsetzung. Wenn Buchriegler bis 2027 vor allem als Verwalter von Klaffners Projekten erscheint, wird die Wahl zur offenen Entscheidung über die Nachfolge. Wenn er dagegen beim Marktplatz, bei der Infrastruktur und beim parteiübergreifenden Arbeiten erkennbare Fortschritte erreicht, kann er aus dem übernommenen Amt einen eigenen Amtsbonus machen.
Die Wahl 2027 entscheidet deshalb über mehr als Klaffners Nachfolge. Sie wird zum Urteil darüber, ob Leopold Buchriegler aus einem übernommenen Amt eine eigene Bürgermeisterschaft gemacht hat. Die Umfahrung hat den Verkehr aus dem Zentrum gebracht. Buchrieglers politische Zukunft hängt nun davon ab, ob es ihm gelingt, neues Leben hineinzubringen.
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