Grado hat in fünf Jahren zwei sehr unterschiedliche politische Phasen erlebt. 2021 gewann Claudio Kovatsch die Bürgermeisterwahl mit 54,61 Prozent. Das von ihm geführte Mitte-rechts-Bündnis erhielt zehn der 16 Gemeinderatsmandate und schien damit für die gesamte Amtszeit abgesichert. Im September 2023 zerbrach diese Mehrheit jedoch von innen: Neun Mitglieder des 17-köpfigen Gemeinderats – die gesamte Opposition und drei Mandatare aus dem damaligen Mehrheitslager – legten ihre Ämter zurück. Der Rat wurde aufgelöst, die Gemeinde bis zur Neuwahl kommissarisch geführt.
Bei der vorgezogenen Wahl 2024 gewann Giuseppe Corbatto mit 50,14 Prozent. Seine drei unterstützenden Listen erhielten zehn der 16 Mandate. Der Bürgermeister lag dabei deutlich über dem gemeinsamen Ergebnis seiner Listen. Das ist seine stärkste Ressource und zugleich sein Risiko: Corbatto hat persönlich eine Mitte erreicht, die sein politisches Lager allein nicht vollständig abbildet.
Der Machtwechsel begann mit dem Zerfall der Rechten
Corbattos Sieg war kein gewöhnlicher Wechsel nach einer abgeschlossenen Amtszeit. Er entstand aus einer Krise der Vorgängermehrheit. Die entscheidende Erfahrung der Wählerinnen und Wähler war deshalb nicht nur ein Konflikt zwischen links und rechts, sondern der Verlust von Handlungsfähigkeit. Wer 2024 Corbatto wählte, entschied sich damit auch für Ruhe, Berechenbarkeit und ein Ende der internen Blockade.
Das erklärt, warum sein persönliches Ergebnis stärker ausfiel als die Summe seiner Listen. Ein Teil seiner Stimmen war kein dauerhaftes Bekenntnis zu einem politischen Lager, sondern ein Auftrag, die Gemeinde wieder regierbar zu machen. Solche Stimmen sind bei der nächsten Wahl nicht automatisch gebunden. Sie bleiben, wenn Stabilität mit sichtbaren Ergebnissen verbunden wird. Sie können zurückwandern, sobald die frühere Gegenseite wieder geschlossen und führungsfähig erscheint.
Corbattos stärkstes Kapital ist die wiederhergestellte Ordnung
Im Gemeinderat besitzt Corbatto eine belastbare Mehrheit. Seine drei Listen verfügen zusammen über zehn Sitze; die Opposition kommt auf sechs. Damit ist die Verwaltung nicht auf wechselnde Stimmen angewiesen. Nach dem Bruch von 2023 ist allein diese Verlässlichkeit politisch wertvoll.
Doch institutionelle Stabilität ist noch keine eigenständige politische Bilanz. Je länger der Zusammenbruch der Vorgängerführung zurückliegt, desto weniger genügt der Vergleich mit der Krise. Corbatto muss den Auftrag „wieder regieren“ in einen zweiten Auftrag übersetzen: erkennbar verbessern. Dafür braucht er Leistungen, die nicht nur in Sitzungen und Projektplänen sichtbar sind, sondern im Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner.
Der Tourismus liefert die sichtbarsten Erfolge
Grados wirtschaftliche und politische Wahrnehmung hängt stark am Tourismus. Die Sommersaison 2025 brachte nach veröffentlichten Angaben ein Plus von rund acht Prozent. 2026 erhielt die Grado Impianti Turistici, kurz GIT, die Strandkonzession für weitere 15 Jahre. Damit sind mehr als 200 Arbeitsplätze sowie angekündigte Investitionen von über sechs Millionen Euro verbunden.
Dazu kommen die Erweiterung des Thermalbereichs, die Neugestaltung des Parco delle Rose und der Aufbau des Museums für Unterwasserarchäologie. Nicht jedes dieser Vorhaben wurde von Corbatto begonnen, und viele Entscheidungen hängen von Region, Betreibergesellschaften und anderen öffentlichen Stellen ab. Politisch entscheidend ist dennoch, ob es ihm gelingt, die Projekte zu einer verständlichen Entwicklungslinie zu verbinden: längere Saison, bessere öffentliche Räume, sichere Arbeitsplätze und ein Angebot, das auch außerhalb der Hochsaison trägt.
Roberto Marin ist Gegner und Mitproduzent des Erfolgs
Roberto Marin erreichte 2024 bei der Bürgermeisterwahl 34,23 Prozent und ist damit der stärkste einzelne Gegner Corbattos. Inzwischen gehört er der Lega an und verfügt damit über einen direkten Anschluss an die Mitte-rechts-Regierung der Region. Gleichzeitig ist er Präsident der GIT und an jener touristischen Entwicklung beteiligt, die Corbatto als Teil der kommunalen Bilanz braucht.
Diese Doppelrolle macht die politische Auseinandersetzung komplizierter. Die Erfolge im Tourismus gehören weder allein der Gemeindeverwaltung noch allein der Opposition. Marin kann Kompetenz und regionale Kontakte beanspruchen, Corbatto die Koordination und politische Stabilität der Gemeinde. Für beide wird entscheidend, ob Kooperation als gemeinsamer Nutzen für Grado erscheint oder ob jede Seite versucht, Erfolge zu privatisieren und Probleme dem anderen zuzuschreiben.
Der gefährlichste Druckpunkt liegt hinter der touristischen Fassade
Der Streit um das Seniorenheim Casa Serena zeigt, wo Corbatto unter Druck geraten kann. Eine Überprüfung bestätigte die Erfüllung aller 36 betrieblichen Kriterien. Zugleich wurden bauliche und technische Probleme sichtbar: Feuchtigkeit und Schimmelspuren, beschädigte Oberflächen und Böden, Fragen der Kühlung sowie aufgeschobene Instandhaltung.
Die Opposition wirft der Verwaltung vor, zu langsam zu handeln. Corbatto verweist auf bereits gesetzte Reparaturen, Investitionsschritte und Gespräche über die Finanzierung. Die Fakten sprechen damit weder für einen Zusammenbruch der Versorgung noch für Entwarnung. Politisch entsteht ein klares Risiko: Während Strand, Park und touristische Infrastruktur sichtbar aufgewertet werden, darf bei sozialen Einrichtungen nicht der Eindruck des Aufschubs entstehen.
Für Corbatto ist Casa Serena deshalb mehr als ein Bauproblem. Es ist der Test, ob seine Modernisierungserzählung auch die alltägliche Daseinsvorsorge einschließt. Ein veröffentlichter Zeit-, Kosten- und Maßnahmenplan würde die Debatte von wechselseitigen Vorwürfen auf überprüfbare Fortschritte verschieben.
Die Rechte beginnt sich neu zu ordnen
2024 traten Roberto Marin und Giovanni Battista Bredeon getrennt an. Marin erreichte 34,23 Prozent, Bredeon für Fratelli d’Italia 15,63 Prozent. Gemeinsam ergibt das 49,86 Prozent – nur 0,28 Prozentpunkte weniger als Corbatto. Diese Stimmen sind nicht automatisch übertragbar. Unterschiedliche Kandidaten, persönliche Rivalitäten und die Erfahrung des Zerfalls von 2023 verhindern eine einfache Addition.
Dennoch zeigt die Zahl, wie offen Grado bleibt. Lega, Fratelli d’Italia und Forza Italia arbeiten auf regionaler Ebene zusammen. Eine gemeinsame Kandidatur bei der nächsten Kommunalwahl ist deshalb plausibel, aber nicht sicher. Die Rechte muss nicht nur ihre Stimmen bündeln, sondern beweisen, dass sie aus dem Zusammenbruch der früheren Mehrheit gelernt hat. Reine Arithmetik schafft noch keine stabile Führung.
Inhaltlich sucht die Opposition zusätzliche Angriffsflächen bei Sicherheit, Kontrollen und Migration. Im Jahr 2026 wurden auch schwere Vorwürfe gegen einzelne wirtschaftliche und gesellschaftliche Netzwerke an Behörden herangetragen. Solche politischen Behauptungen sind von bestätigten strafrechtlichen Erkenntnissen klar zu trennen. Ihre Resonanz zeigt dennoch, auf welchem Feld die Gegenseite Unsicherheit mobilisieren will. Corbatto braucht dort überprüfbare Kontrollen und eine ruhige, faktenbasierte Kommunikation.
Der Befund
Giuseppe Corbatto regiert Grado mit einer stabilen Mehrheit im Gemeinderat. Seine politische Ausgangslage beruht jedoch auf drei Faktoren: seinem persönlichen Vorsprung vor den eigenen Listen, dem Wunsch nach Stabilität nach der Krise von 2023 und der Spaltung der rechten Konkurrenz. Nur der erste Faktor ist unmittelbar sein eigener, und auch er muss durch Leistung erneuert werden.
Gelingt es Corbatto, den touristischen Aufschwung mit Verbesserungen bei sozialen Einrichtungen, Instandhaltung und Alltagsqualität zu verbinden, kann aus dem knappen Wahlsieg eine dauerhafte kommunale Mehrheit werden. Bleibt die Bilanz auf Strand, Saison und Großprojekte konzentriert, erhält eine geeinte Rechte eine realistische Chance, die verlorenen Stimmen zurückzuholen.
Grado ist wieder regierbar. Noch offen ist, ob Corbatto damit eine neue politische Ordnung geschaffen hat – oder nur die günstigste Phase der gegnerischen Spaltung nutzt.

