Gut ein Jahr nach dem historischen Machtwechsel ist nicht mehr die neue politische Farbe des Rathauses die eigentliche Überraschung. Bemerkenswert ist, wie unspektakulär sich der Wechsel inzwischen anfühlt. Bozen hat seinen ersten dauerhaft regierenden Bürgermeister aus dem Mitte-rechts-Lager offenbar schneller akzeptiert als die Koalition, auf die er sich stützt.

Corrarati hat das erste Jahr deshalb politisch gewonnen. Eine grundlegende Veränderung der Stadt ist damit noch nicht belegt. Der bisherige Erfolg besteht vor allem in persönlicher Akzeptanz, politischer Stabilisierung und sichtbarer Betriebsamkeit. Bei den strukturellen Problemen Bozens – leistbares Wohnen, große Verkehrsprojekte und soziale Ordnung – steht der Leistungsnachweis noch aus.

Aus einem knappen Wahlsieg wurde persönliche Zustimmung

Corrarati gewann die Stichwahl am 18. Mai 2025 mit 51,03 Prozent gegen Juri Andriollo mit 48,97 Prozent. Der Abstand betrug nur 708 Stimmen bei knapp 35.000 gültigen Stimmzetteln. Gerade einmal 42,7 Prozent der Wahlberechtigten nahmen an der Stichwahl teil. Der Machtwechsel war damit historisch, aber keineswegs ein Erdrutsch.

Umso relevanter ist der Governance Poll 2026 von Noto Sondaggi. Er weist für Corrarati einen Zustimmungswert von 54,5 Prozent aus und damit 3,5 Punkte mehr als sein Ergebnis in der Stichwahl. Die beiden Werte beruhen auf unterschiedlichen Erhebungen und dürfen nicht wie eine Wahlprognose verglichen werden. Der Poll ist aber ein belastbarer Hinweis darauf, dass Corraratis persönliche Akzeptanz seit der Wahl eher gewachsen als geschrumpft ist.

Die plausibelste Erklärung liegt weniger in einer bereits sichtbaren Stadtwende als in seinem Auftreten. Corrarati vermittelt Präsenz, Erreichbarkeit und Pragmatismus. Nach eigenen Angaben führte die Stadt 460 direkte Bürgergespräche und konnte 82 Prozent der Anliegen kurzfristig beantworten. Als Familien gegen höhere Gebühren für die verlängerte Kindergartenbetreuung protestierten, verhandelte er mit Landeshauptmann Arno Kompatscher und erreichte ein Einfrieren der Erhöhung. Solche Vorgänge prägen das Bild eines ansprechbaren Bürgermeisters stärker als abstrakte Strategiepapiere.

Der historische Koalitionswechsel wurde pragmatisch

Die Verbindung des italienischen Mitte-rechts-Lagers mit der SVP war zunächst das eigentliche politische Experiment. Stephan Konder wurde SVP-Vizebürgermeister und übernahm öffentliche Arbeiten und Stadtplanung. Johanna Ramoser verantwortet Mobilität, Schule und Freizeit. Corrarati behielt unter anderem Sicherheit, Finanzen und Personal bei sich. Damit sitzt die SVP nicht am Rand der Regierung, sondern an zentralen Hebeln der Stadtentwicklung.

Der erwartete permanente Kulturkampf blieb bislang aus. Als der Lega-Stadtrat Marco Caruso eine Initiative zur sogenannten Remigration unterstützte, zog Corrarati öffentlich eine Grenze. Der Gemeinderat verurteilte die angekündigte Kundgebung einstimmig, Corrarati erklärte, Bozen verdiene eine solche Veranstaltung nicht. Auch bei anderen Grenzüberschreitungen aus dem rechten Lager positionierte er sich moderater als Teile seiner Mehrheit.

Diese Linie schützt die Kooperation mit der SVP und hält Corrarati für Wähler der politischen Mitte anschlussfähig. Sie erzeugt aber ein dauerhaftes Spannungsverhältnis: Der Bürgermeister gewinnt durch Abgrenzung an persönlicher Breite, während Parteien seiner eigenen Koalition dadurch öffentlich als Unruhequelle sichtbar werden.

Die Mehrheit hält – aber ohne großen Sicherheitspolster

Nach mehreren Wechseln in die gemischte Fraktion ließ die Koalition im April 2026 ihre Geschlossenheit überprüfen. Die politische Vertrauensbekundung für Corrarati erreichte 24 von 45 Stimmen. Die notwendigen Stimmen waren damit vorhanden, der Sicherheitspolster blieb klein. Zwei zuvor aus Fratelli d’Italia ausgetretene Gemeinderäte unterstützten den Bürgermeister weiterhin und schlossen sich später dem Vannacci-nahen Futuro Nazionale an.

Corrarati reagierte nicht mit einer weiteren ideologischen Eskalation, sondern verwies auf die Verfassung als verbindliche Grenze. Damit stabilisiert er seine persönliche Position. Die Arithmetik der Mehrheit wird dadurch jedoch nicht komfortabler. Der wichtigste Machtbefund lautet deshalb: Gegenwärtig ist die ursprüngliche Parteienkoalition gefährdeter als der Bürgermeister selbst.

Der Haushalt zeigt Stabilität, noch keine Stadtwende

Der Haushaltsvoranschlag 2026 umfasst 363 Millionen Euro, davon 60 Millionen für Investitionen. Nach Darstellung der Stadt konnte erstmals seit Jahrzehnten ohne Ausgabenkürzungen budgetiert werden. Einen wesentlichen Anteil daran hatte die Reform der Gemeindefinanzierung. Der Haushalt belegt damit finanzielle Handlungsfähigkeit und geordnete Verwaltung, aber noch keine grundlegende Veränderung des Alltags in Bozen.

Im Verkehr wurden kurzfristig mehrere Verbindungen wieder geöffnet. Die großen Vorhaben der Agenda Bozen, die Neuordnung des Bahnhofsareals und zentrale Entlastungsprojekte befinden sich jedoch weiterhin überwiegend in Planung. Corrarati räumt selbst ein, dass die Umsetzung hinter den Erwartungen liegt und verweist auf lange Verwaltungsverfahren. Für das erste Jahr ist diese Erklärung nachvollziehbar. Mit jedem weiteren Jahr verliert sie an politischer Wirkung.

Bei der Sicherheit ist der politische Wechsel deutlicher sichtbar. Die Stadt führte Nachbarschaftskontrollen zunächst in drei Stadtteilen ein; hinzu kommen Hundestaffel, Taser und Videoüberwachung. Das verändert Instrumente und öffentliche Schwerpunktsetzung. Ein belastbarer Nachweis, dass sich die objektive Sicherheitslage oder das Sicherheitsgefühl bereits grundlegend verbessert hätten, liegt noch nicht vor.

Die Wohnungsfrage ist der eigentliche Leistungstest

Das zentrale Problem Bozens bleibt das Wohnen. Nach einer Schätzung der zuständigen Landesrätin wären in der Stadt rund 7.000 zusätzliche Wohnungen notwendig. Die Stadt verweist auf einzelne Projekte, die Nutzung bestehender Bausubstanz, 30 leerstehende Gemeindewohnungen und mehrere Hundert künftig preisgebundene Einheiten. Diese Vorhaben sind real und widerlegen die Behauptung völliger Untätigkeit. Im Verhältnis zum Bedarf reichen sie bislang aber nicht aus, um Mieten, Preise und Verfügbarkeit strukturell zu verändern.

Hier entsteht eine besondere politische Risikoverteilung. Corrarati wird als Bürgermeister für die Gesamtlage verantwortlich gemacht. Stadtplanung und öffentliche Arbeiten liegen jedoch beim SVP-Vizebürgermeister Konder, Mobilität bei der SVP-Stadträtin Ramoser. Bleibt eine spürbare Entlastung aus, tragen Corrarati und SVP gemeinsam die Verantwortung. Gelingt sie, dürfte der größere Teil der öffentlichen Anerkennung beim Bürgermeister landen.

Beim Wohnen teilen Corrarati und SVP das Risiko. Den politischen Ertrag eines Erfolgs würde wahrscheinlich vor allem der Bürgermeister erhalten.

Im Sozialen wird der Richtungswechsel am schärfsten

Corrarati beschreibt seine sozialpolitische Linie als Übergang von dauerhafter Unterstützung zu größerer Eigenständigkeit. Das ist ein klarer ideologischer Akzent der neuen Mehrheit. Bei Wohnungslosigkeit, Notquartieren und arbeitenden Menschen ohne Wohnung wirkt dieser Ansatz allerdings rasch hart, solange leistbarer Wohnraum und dauerhafte Unterbringungsmöglichkeiten fehlen.

Für die Opposition liegt hier eine ihrer stärksten inhaltlichen Flanken. Die Kritik ist überzeugender, wenn sie konkrete Lücken bei Wohnen, sozialen Diensten und Unterbringung beschreibt, als wenn sie jede Veränderung pauschal bestreitet. Corraratis Vorteil besteht bisher darin, dass die Bevölkerung offenbar zwischen einzelnen ungelösten Problemen und ihrer Bewertung des Bürgermeisters unterscheidet.

Die Opposition hat sich koordiniert, aber noch nicht erholt

PD, Grüne, Team K sowie die Listen von Juri Andriollo und Angelo Gennaccaro traten zur Einjahresbilanz erstmals geschlossen auf. Das zeigt wiedergewonnene Koordinationsfähigkeit. Für eine tatsächliche elektorale Erholung gibt es jedoch keine veröffentlichte repräsentative Stadtumfrage. Andriollo kann auf sein beinahe ausgeglichenes Stichwahlergebnis verweisen, hat sich aber bisher nicht als unbestrittener Oppositionsführer etabliert. Gennaccaro verfolgt eine gemäßigtere Linie, während PD, Grüne und Team K unterschiedliche politische Milieus ansprechen.

Die gemeinsame Erzählung, die „Revolution“ sei nie gestartet, trifft einen Teil der Lage. Die noch schärfere Behauptung, es sei überhaupt nichts geschehen, wird dagegen durch sichtbare Einzelmaßnahmen und Corraratis Zustimmungswert geschwächt. Der stärkere Angriffspunkt ist die Differenz zwischen Aktivität und Wirkung: Es werden Maßnahmen gesetzt und Projekte angekündigt, aber bei Wohnen, Verkehr, sozialen Diensten und Stadtentwicklung ist im Alltag noch keine grundlegende Entlastung angekommen.

Die Parteien stehen nach einem Jahr unterschiedlich da

Corrarati und seine Bürgerliste sind die politischen Gewinner des ersten Jahres. Der Bürgermeister hat sein knappes Mandat verbreitert und besitzt ein moderateres Profil als Teile seines Bündnisses. Die SVP bleibt als stärkste Liste und Trägerin zentraler Ressorts unverzichtbar. Sie stabilisiert die Regierung, läuft aber Gefahr, für Verzögerungen in Stadtplanung und Mobilität verantwortlich gemacht zu werden, ohne von allgemeinen Erfolgen im selben Maß wie Corrarati zu profitieren.

Fratelli d’Italia konnte seine starke Wahlposition bisher nicht in ähnlich stabile kommunale Führung übersetzen. Interne Konflikte und Fraktionswechsel belasten vor allem die Partei, während Corrarati durch Distanzierung an Profil gewinnt. Das Mitte-links-Lager hat seine Zusammenarbeit verbessert, aber noch keine gemeinsame Führung, positive Stadterzählung oder nachgewiesene neue Mehrheit aufgebaut.

Befund

Bozen hat den neuen Bürgermeister stärker angenommen als die neue Parteienkoalition. Corrarati hat den historischen Machtwechsel entdramatisiert, die politische Mitte besetzt und persönlich Vertrauen aufgebaut. Akut gefährdet ist er derzeit nicht. Seine Mehrheit ist fragiler als seine eigene Stellung.

Die bisherige Bilanz ist jedoch eher eine Stabilisierung als eine Stadtwende. Das zweite Amtsjahr wird schwieriger: Bürgernähe, Pragmatismus und der Hinweis auf bürokratische Verzögerungen ersetzen auf Dauer keine Ergebnisse. Entscheidend wird die Wohnungsfrage. Gelingt dort kein Durchbruch, kann aus dem Bild des zugänglichen Machers jenes eines starken Bürgermeisters einer weiterhin langsamen Stadt werden.

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