Das 2018 fertiggestellte Wohnprojekt liegt in La Bordeta im Stadtbezirk Sants-Montjuïc. Es umfasst 28 Wohnungen und entstand aus dem Umfeld der gemeinschaftlichen Wiederbelebung des ehemaligen Industrieareals Can Batlló. Entworfen wurde es von der Architekturgenossenschaft Lacol unter Beteiligung der künftigen Bewohnerinnen und Bewohner.
Für Gemeinden ist La Borda als Verbindung von drei Aufgaben interessant: Wohnraum langfristig sichern, Gebäude für Begegnung gestalten und gemeinschaftliches Leben verlässlich organisieren. Erst ihr Zusammenspiel macht aus einem Wohnhaus ein gemeinschaftliches Wohnmodell.
Die Kernidee: Die Wohnung gehört zum gemeinsamen Haus
La Borda beruht auf einem genossenschaftlichen Nutzungsmodell. Das Eigentum bleibt gemeinschaftlich gebunden; die Mitglieder nutzen ihre Wohnungen persönlich. Sie können die einzelne Wohnung nicht verkaufen oder vermieten. Die Generalversammlung ist das zentrale Entscheidungsorgan der Genossenschaft.
Damit verändert sich die Rolle der Bewohner. Sie gestalten die Organisation mit, von der ihre Wohnsituation abhängt. Entscheidungen über das gemeinsame Haus werden Teil des Wohnens.
Zur erklärten Zielsetzung von La Borda gehören leistbarer und ökologisch nachhaltiger Wohnraum, Beziehungen zwischen Menschen verschiedener Generationen sowie eine faire Verteilung von Haus- und Sorgearbeit.
Die Kernidee reicht damit über das gemeinsame Nutzen von Räumen hinaus. Tätigkeiten, die gewöhnlich jeder Haushalt für sich erledigt, können teilweise zusammen organisiert werden. Daraus können Entlastung, persönliche Beziehungen und gegenseitige Unterstützung entstehen.
Das verlangt eine bewusste Entscheidung für diese Wohnform. Wer hier wohnt, benötigt Bereitschaft zur Mitwirkung. Zugleich muss die Gemeinschaft respektieren, dass Menschen unterschiedliche Bedürfnisse nach Nähe und Rückzug haben.
Architektur: Der Innenhof als gemeinsamer Mittelpunkt
Die Wohnungen sind um einen zentralen Innenhof angeordnet. Laubengänge erschließen die einzelnen Einheiten und schaffen Sichtbeziehungen zwischen den Geschossen. Gemeinsame Küche und Speisesaal, Waschküche, Gäste- und Mehrzweckräume sowie Außenflächen erweitern den nutzbaren Raum über die eigene Wohnung hinaus. Lacol nennt drei Wohnungsgrößen von ungefähr 40, 60 und 75 Quadratmetern.
Darin liegt die räumliche Idee des vertikalen Dorfes: Ein gemeinsamer Mittelpunkt verbindet die Wohnungen auf mehreren Ebenen. Auf dem Weg zur eigenen Tür können Begegnungen entstehen. Der Übergang vom gemeinsamen Haus zur privaten Wohnung wird räumlich erlebbar.
Für die kommunale Planung ist das eine wichtige Überlegung. Wer Begegnung ermöglichen möchte, sollte die alltäglichen Wege im Gebäude berücksichtigen. Ein Gemeinschaftsraum kann einen stärkeren Nutzen entwickeln, wenn er gut erreichbar ist und zu den Gewohnheiten der Bewohner passt.
Ebenso wichtig bleibt der private Rückzug. Gemeinschaftliches Wohnen muss unterschiedliche Tagesabläufe, Ruhebedürfnisse und Lebenssituationen aufnehmen können. Ein geeignetes Raumkonzept braucht deshalb sowohl Orte für das Zusammensein als auch geschützte Bereiche.
Die Qualität eines solchen Hauses wäre daran zu messen, ob Menschen selbst entscheiden können, wann sie teilnehmen und wann sie für sich bleiben.
Das Gebäude wird mit den Bewohnern entwickelt
La Borda beschreibt die Beteiligung der künftigen Nutzer als wesentliches Merkmal seines Entstehungsprozesses. Arbeitsgruppen, Workshops und Beratungen in der Generalversammlung wurden durch technische Fachleute begleitet. Dabei ging es um Wohnbedürfnisse, Raumtypen und Umweltstrategien.
Diese Form der Planung hat eine doppelte Funktion. Sie hilft, das Gebäude an tatsächlichen Bedürfnissen auszurichten. Gleichzeitig lernen die Beteiligten, Erwartungen auszutauschen und Entscheidungen miteinander zu treffen.
Für ein ähnliches Vorhaben müsste deshalb früh geklärt werden, welche Fragen die Gruppe selbst entscheidet und wo fachliche Vorgaben notwendig sind. Barrierefreiheit, Brandschutz, Kosten und technische Machbarkeit setzen einen Rahmen. Innerhalb dieses Rahmens kann Mitgestaltung konkret werden.
Auch die ökologische Planung gehört zum Konzept von La Borda. Das Gebäude ist wesentlich durch Holzbau geprägt. Die Projektbeschreibung nennt unter anderem Wärmedämmung, Nutzung der Sonnenenergie und Querlüftung als Strategien zur Verringerung des Energiebedarfs.
Die kommunale Ableitung daraus: Leistbarkeit sollte über die gesamte Nutzung betrachtet werden. Neben Bau- und Finanzierungskosten zählen laufende Energieausgaben, Wartung und die Kosten gemeinsam genutzter Einrichtungen. Welche Einsparungen ein konkretes Projekt erreicht, müsste anhand seiner tatsächlichen Daten beurteilt werden.
Gemeinschaftliches Leben braucht eine Organisation
Besonders aufschlussreich ist die Selbstdarstellung von La Borda zum Alltag. Sie beschreibt konkrete Verfahren für gemeinsame Einrichtungen und Aufgaben:
| Bereich | Praxis in La Borda | Organisatorischer Zweck | Ableitung für ähnliche Projekte |
|---|---|---|---|
| Waschküche | Buchbare Zeitfenster für gemeinschaftliche Waschmaschinen | Nutzung planbar machen | Einfache, zugängliche Reservierung schaffen |
| Gästeräume und weitere Flächen | Gemeinsamer Buchungskalender | Überschneidungen vermeiden | Nutzungsregeln vorab vereinbaren |
| Gemeinsames Essen | Wöchentliche Abendessen mit Anmeldung und Aufgaben in Gruppen | Einkauf, Kochen und Reinigung verteilen | Teilnahme und Mitarbeit nachvollziehbar organisieren |
| Reinigung | Jahresplan mit Aufgaben pro Person | Verantwortung verteilen | Arbeitsaufwand regelmäßig überprüfen |
| Gegenseitige Hilfe | Gemeinschaftlicher Notfallfonds | Vorübergehende finanzielle Schwierigkeiten auffangen | Zweck und Entscheidungen klar regeln |
| Zusammenleben | Angebote zur Konfliktvorbeugung und Konfliktbearbeitung | Spannungen ansprechbar machen | Unterstützung früh vorsehen |
Diese Praktiken werden von der Genossenschaft selbst beschrieben.
Die Beispiele machen deutlich, wie viel Organisation hinter einem scheinbar zwanglosen Zusammenleben steckt. Gemeinsame Einrichtungen erzeugen Abstimmungsbedarf. Aufgaben müssen erledigt werden. Unterschiedliche Erwartungen müssen ausgesprochen werden können.
Für eine Übertragung wäre deshalb entscheidend, die erforderliche Arbeit sichtbar zu machen. Wie viel Zeit beanspruchen Reinigung, Verwaltung, gemeinsame Angebote und Sitzungen? Wer übernimmt welche Verantwortung? Wie wird verhindert, dass dauerhaft dieselben Personen den größten Teil tragen?
Eine tragfähige Gemeinschaft braucht zudem Spielraum für veränderte Lebenssituationen. Krankheit, Betreuungspflichten oder berufliche Belastungen können die Möglichkeiten zur Mitarbeit verändern. Regeln sollten solche Veränderungen berücksichtigen, ohne Verantwortung insgesamt unverbindlich werden zu lassen.
Mitbestimmung braucht handlungsfähige Strukturen
Die Generalversammlung gibt dem Modell seine demokratische Grundlage. Für die Vorbereitung und das gemeinschaftliche Leben beschreibt La Borda außerdem Arbeitsgruppen und fachliche Begleitung.
Daraus lässt sich eine praktische Organisationsfrage ableiten: Welche Entscheidungen benötigen die gesamte Gemeinschaft, und welche Aufgaben können zuständige Gruppen eigenständig erledigen?
Wenn jede Kleinigkeit von allen entschieden werden muss, kann Mitwirkung anstrengend werden. Wenn wenige Personen zu viel entscheiden, verliert sie an Bedeutung. Ein geeignetes Modell braucht daher klare Zuständigkeiten, verständliche Informationen und Möglichkeiten, Entscheidungen zu überprüfen.
Das betrifft auch die Aufnahme neuer Mitglieder. Ein gemeinschaftliches Haus muss seine Regeln und Erwartungen vermitteln können. Langfristig zählt, ob die Organisation auch dann funktioniert, wenn Menschen wechseln und die ursprünglichen Initiatoren weniger Verantwortung übernehmen.
Das vertikale Dorf braucht somit Strukturen, die über persönliche Freundschaften hinausreichen.
Die Rolle der Stadt: Boden sichern und soziale Bindung herstellen
Barcelona räumte La Borda 2015 ein auf 75 Jahre angelegtes Recht am kommunalen Grundstück ein. Dafür ist eine jährliche Zahlung vorgesehen. Der Boden ist dem geschützten Wohnbau zugeordnet. Nach Darstellung der Genossenschaft sind damit Einkommensgrenzen für mögliche Bewohner und eine Obergrenze für das Nutzungsentgelt verbunden.
Die Stadt verbindet die Grundstücksbereitstellung damit mit einem sozialen Zweck. Für Gemeinden ist das ein wesentlicher Ansatz: Öffentliche Unterstützung kann an langfristige Nutzung, Zugänglichkeit und überprüfbare Bedingungen geknüpft werden.
La Borda beschreibt eine Finanzierung aus Beiträgen der Bewohner, unterstützenden Mitgliedern und Einrichtungen der sozialen beziehungsweise ethischen Finanzierung. Laufende Nutzungszahlungen tragen die finanziellen Verpflichtungen der Genossenschaft.
Für ein österreichisches Vorhaben wären Rechtsform, Grundstücksmodell, Wohnbauförderung und Finanzierung gesondert zu prüfen. Übertragbar ist zunächst die Verbindung von öffentlichem Boden, gemeinschaftlicher Trägerschaft und verbindlicher sozialer Nutzung.
Was Gemeinden aus La Borda ableiten können
La Borda bietet einen konkreten Bezugspunkt für die Entwicklung gemeinschaftlicher Wohnprojekte. Aus seiner Architektur und Organisation lassen sich fünf Aufgaben für eine kommunale Vorbereitung ableiten:
- Eine tragfähige Gruppe aufbauen. Interesse an einer Wohnung und Bereitschaft zur gemeinschaftlichen Verantwortung müssen gemeinsam geprüft werden.
- Den Alltag vor dem Grundriss besprechen. Gewünschte Aktivitäten und gemeinsame Einrichtungen sollten die Planung mitbestimmen.
- Privatheit verbindlich berücksichtigen. Rückzug, Ruhe und freiwillige Teilnahme benötigen räumliche und organisatorische Voraussetzungen.
- Aufgaben und Entscheidungen regeln. Zuständigkeiten, Zeitaufwand und der Umgang mit Konflikten gehören zum Konzept.
- Soziale Zugänglichkeit und Finanzierung zusammen prüfen. Anfangsbeiträge, laufende Kosten und notwendige Rücklagen müssen für die Zielgruppe tragbar sein.
Ein sinnvoller Einstieg wäre eine begleitete Machbarkeitsphase mit Interessierten, Gemeinde, einem geeigneten Träger und Fachleuten für Architektur und Finanzierung. Ihr Ergebnis sollte zeigen, welche Gemeinschaft entstehen kann, welche Räume sie benötigt und welche Kosten daraus folgen.
Die dokumentierten Praktiken von La Borda liefern dafür Anregungen. Sie ersetzen keine unabhängige Bewertung der langfristigen Wirkung. Ob ein ähnliches Projekt dauerhaft funktioniert, müsste sich an Nutzung, Leistbarkeit, Beteiligung und dem Umgang mit Belastungen zeigen.
Politischer Befund
La Borda macht sichtbar, wie Wohnen als gemeinsame Aufgabe organisiert werden kann. Das vertikale Dorf entsteht durch das Zusammenspiel von langfristig gesichertem Wohnraum, einer Architektur mit privaten und gemeinschaftlichen Bereichen sowie klaren Verfahren für den Alltag.
Für Gemeinden liegt der Ansatz darin, engagierte Gruppen, geeignete Grundstücke und verlässliche Träger zusammenzubringen. Tragfähig wird das Modell, wenn Mitwirkung fair verteilt ist, Rückzug möglich bleibt und soziale Zugänglichkeit über die gesamte Nutzung gesichert wird.


