Als Eveline Huber im März 2024 mit knapp 56 Prozent zur Bürgermeisterin gewählt wurde, endete in St. Johann im Pongau eine politische Ära. Erstmals seit 79 Jahren stellte wieder die SPÖ das Stadtoberhaupt. Der Wahlsieg war deutlich, der Machtwechsel aber unvollständig.

Denn in der 25-köpfigen Gemeindevertretung blieb die ÖVP mit zehn Mandaten stärkste Kraft. Die SPÖ hält neun Sitze, die FPÖ fünf und die Bürgerliste BBJO einen. Huber führt die Stadt daher ohne eigene Mehrheit. Jede größere Entscheidung verlangt Verhandlungen – und genau das prägt ihre bisherige Amtszeit.

Was sich merklich verändert hat

Die deutlichste Veränderung liegt in der Art, wie Stadtpolitik auftritt. Huber sucht den persönlichen Kontakt, lädt zu Bürgerinformationsabenden und macht gesellschaftlichen Zusammenhalt zu einem kommunalen Thema.

Zum ersten großen Informationsabend im April 2025 kamen rund 300 Menschen ins JOcongress. Ausschussvorsitzende berichteten über Projekte, anschließend stellte sich die Stadtregierung den Fragen der Bevölkerung. Im Juli 2026 folgte ein weiterer Abend mit Rückblicken und Informationen über kommende Vorhaben.

Auch kleine, bewusst gesetzte Initiativen tragen Hubers Handschrift. Das erstmals veranstaltete „Café90plus“ brachte ältere St. Johannerinnen und St. Johanner wieder zusammen, deren persönlicher Bewegungsradius bereits stark eingeschränkt ist. Im Juli 2026 eröffnete im JOcongress der „Treffpunkt Miteinander“. Er richtet sich an Menschen ab 55 Jahren, soll soziale Kontakte ermöglichen und Einsamkeit entgegenwirken.

Das sind keine millionenschweren Bauwerke. Aber sie zeigen, worauf die Bürgermeisterin politisch Wert legt: Erreichbarkeit, Begegnung und eine Stadt, die sich nicht nur über Infrastruktur definiert.

Sichtbar ist auch das „Mikado“. Das neue Zentrum bietet Platz für die Betreuung von bis zu 216 Kindern und 20 Seniorinnen und Senioren, schafft rund 85 Arbeitsplätze und beherbergt eine Großküche für kommunale Einrichtungen und „Essen auf Rädern“. Der Kindergartenbetrieb startete im September 2025, das Seniorentageszentrum folgte im Februar 2026.

Zur fairen Bilanz gehört allerdings: Das Mikado wurde großteils vor dem Machtwechsel geplant und vorbereitet. Seine Eröffnung fällt in Hubers Amtszeit, es ist aber kein ausschließlich rotes Projekt. Es steht vielmehr für Kontinuität über Parteigrenzen hinweg.

Der Wandel ist bisher stärker sozial als baulich

Bei den großen Fragen der Stadtentwicklung ist die Bilanz zurückhaltender. Fast im gesamten Ortsgebiet gilt inzwischen Tempo 30. Für die geplante Begegnungszone im Zentrum wurde die Architektenausschreibung abgeschlossen. Der erste Abschnitt vom Kreisverkehr durch die Hans-Kappacher-Straße soll 2027 begonnen werden. Das zugrunde liegende Stadtentwicklungskonzept stammt allerdings bereits aus dem Jahr 2017.

Auch beim Postareal setzt die Stadt auf Beteiligung. Gemeinsam mit der Fachhochschule Salzburg wurden klimaresiliente und soziale Nutzungsmöglichkeiten entwickelt, Passantinnen und Passanten befragt und studentische Entwürfe öffentlich präsentiert. Eine verbindliche Nutzung, Finanzierung oder Umsetzung gibt es bislang nicht.

Damit ist eine politische Linie erkennbar: zuerst zuhören, Varianten entwickeln und Beteiligung organisieren. Noch ist daraus aber keine bauliche Handschrift entstanden. Zwei Jahre sind für große Stadtprojekte eine kurze Zeit. Gleichzeitig wird das Zeitfenster kleiner, in dem aus Planungen sichtbare Ergebnisse werden müssen.

Die ÖVP regiert mit – und opponiert gezielt

Die ÖVP verhält sich nicht wie eine klassische Opposition, die von außen gegen eine geschlossene SPÖ-Regierung arbeitet. Dafür sitzt sie zu tief in der Stadtführung.

Rudolf Huber ist erster Vizebürgermeister und Vorsitzender des Bau- und Raumplanungsausschusses. Peter Kappacher ist zweiter Vizebürgermeister und leitet den Finanzausschuss. Damit kontrolliert die ÖVP zwei jener Bereiche, in denen sich entscheidet, was gebaut und was finanziert werden kann.

Rein rechnerisch verfügen ÖVP und FPÖ gemeinsam über 15 der 25 Stimmen. Daraus folgt keine feste politische Allianz. Für die Bürgermeisterin bedeutet diese mögliche Gegenmehrheit dennoch, dass sie kein größeres Vorhaben an den anderen Fraktionen vorbei durchsetzen kann.

Im laufenden Betrieb tritt die Stadtregierung häufig gemeinsam auf. Beim Bürgerinformationsabend saßen Bürgermeisterin, Vizebürgermeister und Ausschussvorsitzende zusammen auf der Bühne. Das spricht gegen das Bild einer dauernden Blockade.

Bei politisch symbolträchtigen Projekten wird die Zusammenarbeit jedoch zur Konkurrenz. Die ÖVP kann Erfolge mittragen, weil sie zentrale Ressorts führt. Gleichzeitig kann sie bei teuren oder festgefahrenen Projekten Distanz zur Bürgermeisterin herstellen.

Das ist eine politische Interpretation, keine nachgewiesene Absprache. Strategisch ist diese Doppelrolle für die ÖVP aber bequem: mitregieren, ohne das Bürgermeisteramt zu tragen – und dort opponieren, wo sich Führungsstärke und Kostenkompetenz besonders sichtbar messen lassen.

Das Gemeindeamt ist Hubers sichtbarster Rückschlag

Am deutlichsten zeigt sich diese Konstellation beim Stadtamt. Das bestehende Amtsgebäude ist zu klein, die Verwaltung braucht mehr Platz. Huber setzte sich für einen Umzug in das neu entstehende Johanovum ein. Das Vorhaben fand jedoch keine ausreichende politische Unterstützung und scheiterte.

Die Bürgermeisterin sprach von einer vergebenen Chance. Rudolf Huber und die ÖVP bevorzugen hingegen den bisherigen Standort und eine Aufstockung des bestehenden Gebäudes. Neuere Kostenschätzungen werfen allerdings auch bei dieser Variante Fragen auf.

Damit gibt es derzeit keinen politischen Gewinner. Die SPÖ konnte ihre bevorzugte Lösung nicht durchsetzen. Die ÖVP hat Hubers Lösung nicht mitgetragen und eine eigene Alternative positioniert. Nun muss sie beweisen, dass ihr Vorschlag tatsächlich wirtschaftlicher und umsetzbar ist.

Für die Bürgermeisterin bleibt das Gemeindeamt dennoch ein besonderer Druckpunkt. Es ist das erste große Projekt, bei dem sichtbar wurde, dass ihr Wahlsieg keine automatische Gestaltungsmehrheit geschaffen hat.

Wo die Bürgermeisterin unter Druck steht

Beim finanziellen Spielraum. Für 2026 musste die Stadt nach Angaben der Bürgermeisterin 1,5 Millionen Euro aus Rücklagen entnehmen. Gleichzeitig stehen teure Vorhaben an: Gemeindeamt, Begegnungszone, die sanierungsbedürftige Aufbahrungshalle, der Eislaufplatz und weitere Infrastrukturprojekte.

Eine akute Schuldenkrise zeigen die öffentlichen Finanzdaten für 2025 nicht. Die öffentliche Sparquote lag bei 19 Prozent, die Nettovermögensquote bei mehr als 96 Prozent. Das Problem ist daher weniger die Zahlungsfähigkeit als die Prioritätensetzung: Welche Projekte müssen zuerst kommen, welche können warten und welche werden politisch versprochen, obwohl ihre Finanzierung noch offen ist?

Beim Verkehr. Rund 28.000 Fahrzeuge passieren täglich die B311-Kreuzung bei der Fastfood-Filiale. Laut Huber reichen Rückstaus zeitweise mehrere Kilometer zurück. Die Bürgermeisterin lehnt die von der ÖVP bevorzugte Unterführung ab und verlangt ein Gesamtkonzept. Das ist nachvollziehbar, erhöht aber den Erwartungsdruck: Wer eine vorhandene Lösung verwirft, muss eine bessere vorlegen. Weil die B311 eine Landesstraße ist, kann Huber das Problem nicht allein lösen. Für die Bevölkerung bleibt sie dennoch das lokale Gesicht des Stillstands.

Beim leistbaren Wohnen. Huber verweist auf ein mögliches Projekt mit 45 leistbaren Wohnungen. Bis daraus Finanzierung, Genehmigungen und ein Baubeginn werden, bleibt es eine Hoffnung und noch kein Ergebnis. In einer Stadt mit knappem Wohnraum wird gerade hier der Unterschied zwischen politischer Ankündigung und spürbarer Veränderung besonders schnell sichtbar.

Bei der Zeit. Dialog und Beteiligung verschaffen Vertrauen, ersetzen aber keine Entscheidungen. Spätestens mit dem geplanten Baustart für den ersten Abschnitt der Begegnungszone 2027 muss aus dem neuen politischen Stil eine erkennbare Umsetzung werden.

Die Bilanz nach gut zwei Jahren

Die Fakten sind klar: Eveline Huber hat den politischen Ton verändert, soziale Angebote geschaffen und die Stadtregierung stärker in den direkten Dialog mit der Bevölkerung gebracht. Große Einrichtungen wie das Mikado wurden in ihrer Amtszeit eröffnet. Gleichzeitig sind Gemeindeamt, Postareal, Verkehrsentlastung und leistbares Wohnen noch nicht gelöst.

Die politische Deutung lautet: Der Machtwechsel ist real, aber begrenzt. Huber bestimmt stärker die soziale Agenda und die öffentliche Kommunikation. Die ÖVP verfügt weiterhin über die größte Fraktion, beide Vizebürgermeister und wichtige Schaltstellen bei Finanzen und Raumplanung.

Das entscheidende Szenario reicht deshalb bis 2029. Gelingen eine tragfähige Lösung für das Stadtamt, der Beginn der Begegnungszone, konkrete Schritte beim Wohnbau und ein Fortschritt an der B311, kann Huber aus ihrem neuen Stil eine belastbare Leistungsbilanz machen.

Bleiben diese Projekte in Planungsschleifen, wird die ÖVP argumentieren, der Machtwechsel habe zwar mehr Kommunikation und soziale Symbolik, aber zu wenig Entscheidungskraft gebracht.

St. Johann ist nach gut zwei Jahren nicht einfach „rot geworden“. Die Stadt ist in eine Phase geteilter Macht eingetreten. Ob daraus produktive Zusammenarbeit oder dauernde gegenseitige Verantwortungslosigkeit wird, entscheidet sich an den Projekten, die jetzt vom Papier auf die Straße müssen.

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