
Susanne Kaltenegger (ÖVP) führt eine Stadt, deren politische Ordnung sich 2025 grundlegend verändert hat. Nach acht Jahrzehnten sozialdemokratischer Bürgermeister übernahm die ÖVP das Rathaus. Gemeinsam mit Vizebürgermeister Raphael Pensl (FPÖ) trägt sie die Verantwortung für eine finanziell belastete Stadt, in der notwendige Einschnitte und Erwartungen an einen Neubeginn aufeinandertreffen.
Die SPÖ war bei der Wahl weiterhin stimmenstärkste Kraft, hat aber ihre frühere Vormachtstellung verloren. Mit Gregor Tuttinger (SPÖ), seit März 2026 Vizebürgermeister, versucht sie einen personellen und politischen Neustart. Beim kommunalen Wohnen unterstützt sie bereits eine wesentliche Weichenstellung der neuen Stadtführung. Die Auseinandersetzung verläuft deshalb nicht durchgehend zwischen Regierung und Opposition.
Eine knappe Mehrheit trägt den Wechsel
Bei der Gemeinderatswahl vom 23. März 2025 erreichte die SPÖ 28,99 Prozent und neun Mandate. Die ÖVP kam auf 27,49 Prozent und ebenfalls neun Sitze, die FPÖ auf 21,21 Prozent und sieben Mandate. Die unabhängige Bürgerliste Neues Bruck, gegründet vom früheren langjährigen FPÖ-Mitglied Kletus Schranz (Neues Bruck), zog mit 7,25 Prozent und zwei Sitzen ein. Die KPÖ erhielt 6,52 Prozent und zwei Mandate, NEOS 5,33 Prozent und einen Sitz, die Grünen 3,21 Prozent und ebenfalls einen Sitz.
| Partei / Liste | 28. Juni 2020 | 23. März 2025 · Veränderung |
|---|---|---|
| SPÖ | 52,37 % · 17 Sitze | 28,99 % · 9 · −23,38 Pp. / −8 |
| ÖVP | 22,81 % · 7 Sitze | 27,49 % · 9 · +4,68 Pp. / +2 |
| FPÖ | 9,40 % · 3 Sitze | 21,21 % · 7 · +11,81 Pp. / +4 |
| Neues Bruck · Gründer früher FPÖ | nicht angetreten | 7,25 % · 2 · neu |
| KPÖ | 7,24 % · 2 Sitze | 6,52 % · 2 · −0,72 Pp. / ±0 |
| NEOS | 2,92 % · 1 Sitz | 5,33 % · 1 · +2,41 Pp. / ±0 |
| Grüne | 5,26 % · 1 Sitz | 3,21 % · 1 · −2,05 Pp. / ±0 |
Die SPÖ verlor bei der Wahl acht Mandate. Der heutige Fraktionsstand weicht zusätzlich vom Wahlergebnis ab: Die offizielle Gremienliste führt acht SPÖ-Mitglieder und Gerald Knauß (fraktionslos) gesondert. ÖVP und FPÖ verfügen gemeinsam über 16 der 31 Sitze und damit über die knappste mögliche absolute Mandatsmehrheit. Der Machtwechsel beruht auf dieser Koalition, nicht auf einer alleinigen Dominanz der ÖVP.
Das gibt Kaltenegger eine klare Führungsposition, bindet sie aber an die Zusammenarbeit mit Pensl. Breitere Mehrheiten bei einzelnen Sachentscheidungen können diese Zusammenarbeit ergänzen. Sie ersetzen die politische Grundlage der Stadtregierung nicht.
Kommunale Stärke und überregionaler Rückenwind fallen auseinander
Die Wahlkette zeigt, dass sich die Unterstützung der Parteien je nach Ebene deutlich unterscheidet.
| Datum / Wahl | Ergebnis in Bruck an der Mur |
|---|---|
| 9. Juni 2024 · Europawahl | SPÖ 30,5 %; FPÖ 29,1 %; ÖVP 18,1 %; NEOS 8,9 %; Grüne 7,5 %; KPÖ 3,3 %; DNA 2,6 % |
| 29. September 2024 · Nationalratswahl | FPÖ 31,5 %; SPÖ 26,3 %; ÖVP 21,5 %; NEOS 8,1 %; Grüne 6,0 %; KPÖ 3,2 %; übrige Listen zusammen rund 3,5 % |
| 24. November 2024 · Landtagswahl | FPÖ 34,91 %; SPÖ 31,18 %; ÖVP 19,09 %; NEOS 5,96 %; KPÖ 4,46 %; Grüne 4,41 % |
Die ÖVP konnte kommunal erheblich mehr Unterstützung gewinnen als bei der Landtagswahl wenige Monate zuvor. Die FPÖ blieb bei der Gemeinderatswahl hinter ihren Landes- und Bundeswerten zurück, wurde aber zum entscheidenden Partner des Machtwechsels. Die SPÖ verlor ihren früheren kommunalen Vorsprung.
Eine im August 2026 veröffentlichte steirische IFDD-Umfrage im Auftrag der „Kronen Zeitung“ sah die FPÖ bei 43 Prozent, ÖVP und SPÖ bei jeweils 19 Prozent. Die Befragung von 800 Wahlberechtigten beschreibt das landespolitische Umfeld. Daraus lässt sich kein entsprechendes Kräfteverhältnis für Bruck ableiten.
Für die örtliche FPÖ liegt darin dennoch eine Chance: Sie kann ihre Regierungsarbeit mit einem günstigen überregionalen Umfeld verbinden. Ob daraus zusätzliche kommunale Zustimmung entsteht, hängt auch davon ab, welcher eigene Beitrag innerhalb der Koalition erkennbar wird.
Der Sparkurs braucht ein erkennbares Ziel
Die finanzielle Krise begann vor dem Machtwechsel. Bereits 2024 verhängte die damalige SPÖ-geführte Stadt eine Haushaltssperre. Die neue Koalition setzte den Konsolidierungskurs mit weiteren Einschnitten fort. Besonders sichtbar wurde das an der Schließung des Eisstadions.
Hier treffen zwei politische Erzählungen aufeinander. Die Stadtführung begründet Einschränkungen mit fehlenden finanziellen Spielräumen. Die SPÖ kritisiert Folgen für Vereine, Kinder und Jugendliche. Für die Bevölkerung entscheidet sich die Bewertung daran, welche Leistungen verloren gehen und welche Verbesserungen tatsächlich folgen.
Der Voranschlag 2026 sah ein Haushaltsvolumen von rund 60 Millionen Euro und etwa sechs Millionen Euro für Investitionen vor. Dazu gehören Planungen für die Mittelschulsanierung, Arbeiten an der Musikschule, Maßnahmen im Kulturhaus und Freibad sowie Investitionen in Straßen und technische Infrastruktur.
Diese Vorhaben eröffnen Gestaltungsmöglichkeiten. Politisch wirksam werden sie aber erst durch ihre Umsetzung. Ein angekündigtes Projekt und eine fertiggestellte Verbesserung haben im Alltag einen unterschiedlichen Stellenwert.
Die Gemeindewohnungen verbinden Finanzen und soziale Verantwortung
Beim kommunalen Wohnen wird diese Verbindung besonders konkret. Die Stadt nennt einen Bestand von rund 680 Gemeindewohnungen. Für 2026 weist sie einen Leerstand von 29,2 Prozent aus. Geplant ist die Veräußerung von 157 Wohnungen; rund 520 sollen im städtischen Eigentum bleiben.
Vom Nettoerlös sind 80 Prozent für eine zweckgebundene Rücklage zur Sanierung der verbleibenden Gemeindewohnungen vorgesehen. Weitere 20 Prozent sollen Sanierungen an den Volksschulstandorten Körnerstraße und Knottinger finanzieren. Den Grundsatzbeschluss unterstützten sämtliche Gemeinderatsfraktionen außer der KPÖ.
Damit ist das Vorhaben politisch breiter abgesichert als die Regierungskoalition. Zugleich entsteht eine gemeinsame Verantwortung für die Ergebnisse. Entscheidend wird, ob tatsächlich sanierte, leistbare Wohnungen entstehen und die vorgesehenen Mittel bei den Schulen ankommen.
Für die KPÖ eröffnet ihre Gegenposition ein eigenständiges Profil. Sie kann den Verlust kommunalen Eigentums und die Folgen für Mieter zum Thema machen. Für die zustimmenden Parteien wird dagegen wesentlich, den dauerhaften Nutzen der Neuordnung nachzuweisen.
Der Verkauf allein wäre noch kein Entwicklungserfolg. Dieser entsteht erst, wenn die verbleibenden Bestände besser bewirtschaftet und genutzt werden können.
Bruck muss Menschen halten und gewinnen
Am 1. Jänner 2026 lebten 15.608 Menschen in Bruck – 127 weniger als ein Jahr zuvor. 93 Geburten standen 230 Sterbefällen gegenüber. Der Wanderungssaldo war mit plus 14 leicht positiv, konnte das Geburtendefizit aber nicht ausgleichen.
2.347 Einwohnerinnen und Einwohner beziehungsweise 15,0 Prozent hatten eine ausländische Staatsangehörigkeit. Dieser Wert beschreibt die Staatsangehörigkeit und ist nicht mit dem gesamten Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund gleichzusetzen.
Die demografische Aufgabe reicht damit über Zuwanderung hinaus. Bruck muss als Wohnort für unterschiedliche Generationen attraktiv bleiben. Dazu gehören passende Wohnungen, Betreuung, Ausbildung, Erreichbarkeit und ein funktionierendes Zusammenleben.
Migration berührt dabei Integration, Sprache und Teilhabe. Die Statistik allein belegt weder konkrete Integrationsprobleme noch deren Ausmaß. Politische Zuspitzungen müssen sich an örtlichen Verhältnissen messen lassen.
Für eine Stadt mit Bevölkerungsrückgang und leerstehenden Wohnungen stellt sich vor allem die Frage, wie vorhandener Wohnraum und tatsächlicher Bedarf besser zusammenfinden.
Industrie und Innenstadt gehören zur selben Entwicklung
Bruck ist auch Industriestandort. Norske Skog nennt für sein Werk 430 Beschäftigte. Seit 2023 produziert dort eine umgebaute Papiermaschine Recycling-Verpackungspapier. Industrielle Veränderung betrifft damit unmittelbar Arbeitsplätze und Zukunftsperspektiven vor Ort.
Eine attraktive Wohnstadt und eine leistungsfähige Wirtschaft bedingen einander. Wer in Bruck oder der Region arbeitet, benötigt passende Wohnungen, verlässliche Betreuung und gute Verbindungen. Umgekehrt braucht eine lebendige Innenstadt Menschen, die sie regelmäßig nutzen.
Die 2026 gestartete Innenstadtinitiative von Stadt, Wirtschaftskammer und Land verbindet Leerstandsmanagement, innerstädtisches Wohnen und eine bessere Verbindung zwischen Bahnhof und Altstadt. Vorgesehen sind unter anderem ein Leerstandskataster, eine Leerstandsbörse und die aktive Ansprache von Eigentümern.
Das schafft einen gemeinsamen Rahmen. Ob daraus ein Aufbruch entsteht, wird sich an neuen Nutzungen, belebten Erdgeschoßen und besser nutzbaren öffentlichen Räumen zeigen. Veranstaltungen können Aufmerksamkeit erzeugen; dauerhafte Belebung braucht ebenso Wohnen, Arbeit und alltägliche Wege.
Die SPÖ muss ihre neue Rolle erst festigen
Tuttinger wurde am 26. März 2026 einstimmig zum Vizebürgermeister gewählt. Er setzt auf konstruktive Zusammenarbeit, leistbares Wohnen und Bruck als Zuzugsstadt. Das eröffnet einen anderen Zugang als eine ausschließlich ablehnende Oppositionsrolle.
Die Schwierigkeit liegt in der eigenen Geschichte: Die SPÖ muss frühere Verantwortung erklären und zugleich glaubwürdig zeigen, was sie heute anders gewichten würde. Ihre Zustimmung zur Neuordnung der Gemeindewohnungen macht eine pauschale Gegenposition zur Stadtführung wenig überzeugend.
Für die kleineren Fraktionen entstehen Chancen an konkreten Entscheidungen. Neues Bruck kann eigene kommunale Vorschläge und Kontrolle in den Vordergrund stellen. NEOS können Transparenz und finanzielle Prioritäten betonen, die Grünen Betreuung, Mobilität und Aufenthaltsqualität. Ihr Gewicht hängt davon ab, ob sie erkennbare Verbesserungen erreichen.
Zwei Entwicklungen sind plausibel: Werden Einschnitte durch sichtbare Erneuerung ergänzt, kann sich die Koalition politisch festigen. Bleiben Einschränkungen dauerhaft spürbar und Verbesserungen aus, entstehen neue Angriffsflächen. Davon profitiert jedoch nur eine Gegenkraft, die über Kritik hinaus eine tragfähige Alternative anbieten kann.
Politischer Befund
Kalteneggers Führung beruht auf dem Bürgermeisteramt und der Mehrheit mit der FPÖ. Die SPÖ bleibt mit aktuell acht Fraktionsmitgliedern die stärkste einzelne Gegenkraft, muss unter Tuttinger aber erst ein eigenständiges Profil entwickeln. Der breite Konsens bei den Gemeindewohnungen zeigt, dass Zusammenarbeit möglich ist; er belegt noch keinen Erfolg der Umsetzung.
Ob aus dem Machtwechsel ein Aufbruch wird, entscheidet sich daran, ob die Koalition finanzielle Konsolidierung in sanierte Wohnungen, verlässliche Schulen und eine belebtere Innenstadt übersetzt. Gelingt das, stärkt es Kalteneggers Führungsanspruch. Bleibt dieser Nutzen aus, erhält die SPÖ eine neue Chance – sofern sie eine finanzierbare und personell überzeugende Alternative entwickelt.
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