Fulpmes wählte 2022 einen Machtwechsel, aber keinen klaren parteipolitischen Wechsel. Johann Deutschmann gewann die Bürgermeisterwahl mit 57,52 Prozent gegen Raimund Schmidt, der 42,48 Prozent erreichte. Im Gemeinderat verfehlte Deutschmanns Liste die absolute Mehrheit um ein Mandat: ZUKUNFT kam mit 44,56 Prozent auf acht der 17 Sitze.

Dahinter erreichte RAIMUND vier Mandate, FULPMEHR drei und MFAYSE zwei. ZUKUNFT und FULPMEHR waren bereits bei der Wahl formal gekoppelt. Gemeinsam verfügen sie über elf Mandate. Die Bestellung Manfred Witschs zum ersten und Roman Krösbachers von FULPMEHR zum zweiten Vizebürgermeister übersetzte diese rechnerische Verbindung in ein breites politisches Zentrum.

Deutschmanns stärkster Schritt war die Machtteilung

Deutschmann löste sein Mehrheitsproblem nicht durch eine enge, öffentlich zugespitzte Koalition. Er verteilte Verantwortung auf mehrere Personen und band mit Roman Krösbacher ausgerechnet jenen Akteur ein, dessen Liste 2022 als reformorientierte Alternative angetreten war.

Das war strategisch wirksam. Krösbacher erhielt Einfluss und Sichtbarkeit, wurde aber zugleich Teil der gemeinsamen Bilanz. Für FULPMEHR ist deshalb eine klare Oppositionsrolle kaum noch möglich. Die Liste kann eigene Akzente setzen, trägt zentrale Entscheidungen als Teil der Gemeindeführung aber mit.

Für Deutschmann entstand so eine politische Basis, die breiter ist als seine acht Mandate. Der Preis dieser Konstruktion liegt in einer weniger eindeutigen Verantwortungszuordnung: Wo mehrere Listen führen, können Erfolge gemeinsam beansprucht und schwierige Entscheidungen leichter verteilt werden.

Die Bilanz: Stabilität statt Bürgermeister-Inszenierung

Deutschmanns bisher stärkste Leistung ist die politische Stabilisierung der Gemeinde. Trotz vier Listen und einer fehlenden absoluten Mehrheit ist keine dauerhafte Blockade entstanden. Auch der Voranschlag 2026 wurde einstimmig beschlossen. Das zeigt, dass die Zusammenarbeit bei zentralen Entscheidungen funktioniert.

Bei den sichtbaren Projekten ist die Bilanz differenzierter. Die rund 40 Kilometer lange Stubai Radroute wurde 2025 nach sieben Jahren Planungs- und Bauzeit eröffnet. Sie verbindet alle fünf Gemeinden des Tals und verbessert Alltags- und Freizeitmobilität. Auch die Modernisierung des Bahnhofs stärkt Fulpmes als regionalen Knotenpunkt.

Diese Vorhaben sind keine alleinigen Leistungen des Bürgermeisters. Sie wurden über Jahre vorbereitet und gemeinsam mit Land, Verkehrsunternehmen und Nachbargemeinden umgesetzt. Deutschmanns Anteil liegt vor allem in Begleitung, Koordination und regionaler Zusammenarbeit.

Die nächsten lokalen Bewährungsproben stehen noch bevor. Das Pfarrplatz-Projekt wurde im Gemeinderat behandelt. Für Sanierung und Erweiterung der Volksschule liefen 2026 die nächsten Planungsschritte. Dazu kommen Parkraum, Kinderbetreuung, Gemeindestraßen, Flächenwidmungen und Grundstücksverkäufe. Deutschmanns Bilanz ist damit weniger die eines Bürgermeisters mit einem dominierenden Prestigeprojekt als jene eines Koordinators, der ein zersplittertes Feld zusammenhält.

Wo es hakt: Wachstum, Wohnen und Gemeindegrund

Fulpmes wächst weiter. Die Einwohnerzahl stieg von 4.454 im Jahr 2021 auf 4.623 im Jahr 2025. Im selben Zeitraum erhöhte sich die Zahl der Wohnungen von 2.182 auf 2.364. Mehr Wohnungen bedeuten allerdings nicht automatisch mehr leistbaren Wohnraum.

Begrenzte Flächen, Grundstückspreise und die Vergabe geförderter Wohnungen bleiben politisch sensibel. Besonders MFAYSE stellt die Wohnungsfrage in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Gleichzeitig muss die Gemeinde entscheiden, wie sie mit ihrem eigenen Grundbesitz umgeht.

Für 2026 ist aus dem Verkauf eines Industriegrundstücks ein Erlös von 780.000 Euro budgetiert. Grundstücksverkäufe können Betriebsansiedlungen ermöglichen und kurzfristig finanziellen Spielraum schaffen. Sie verkleinern aber dauerhaft die strategische Reserve der Gemeinde. Hinter jeder größeren Flächenentscheidung steht deshalb dieselbe politische Frage: Folgt sie einer langfristigen Standort- und Bodenstrategie oder vor allem einem aktuellen Finanzierungsbedarf?

Die Finanzlage: kontrolliert, aber mit wenig Reserve

Fulpmes befindet sich nicht in einer akuten Finanzkrise. Der Voranschlag 2026 sieht keine neuen Darlehen vor. Die direkten Finanzschulden sollen von rund 6,77 Millionen Euro Ende 2025 auf etwa 6,29 Millionen Euro Ende 2026 sinken. Auch der operative Geldfluss ist mit rund 425.000 Euro positiv.

Gleichzeitig weist der Ergebnishaushalt ein Minus von rund 671.000 Euro aus. Dazu kommen Haftungen von rund 7,4 Millionen Euro. Die Gemeinde kann ihren laufenden Betrieb finanzieren, verfügt aber nicht über unbegrenzten Spielraum für neue Großprojekte.

Volksschule, Pfarrplatz, Straßen, Gemeindegebäude, Kinderbetreuung und Mobilität konkurrieren um dieselben Mittel. Die Lage bleibt beherrschbar, solange Investitionen priorisiert, Förderungen genutzt und zusätzliche dauerhafte Belastungen begrenzt werden. Ein unerwartetes Großprojekt oder schwächere Einnahmen könnten den Spielraum jedoch rasch einengen.

StuBay: Standortvorteil und dauerhafte Verpflichtung

Das StuBay ist für Fulpmes und Telfes ein wichtiger Freizeit- und Tourismusstandort. Investitionen erhöhen seine Attraktivität. Gleichzeitig bleibt das Bad eine dauerhafte finanzielle und politische Verpflichtung.

StuBay-bezogene Haftungen machen einen erheblichen Teil der Gemeindehaftungen aus. Im Budget kommen ein laufender Zuschuss sowie Zins- und Tilgungsverpflichtungen hinzu. Das bedeutet keine unmittelbare Gefährdung des Bades. Es bedeutet aber, dass jede weitere Investition vor dem Hintergrund langfristiger Betriebs- und Finanzierungskosten beurteilt werden muss.

Wem die vier Listen politisch nahestehen

Auf dem Fulpmer Stimmzettel standen 2022 ausschließlich Gemeindelisten. Trotzdem lassen sich politische Herkunft, personelle Verbindungen und gesellschaftliche Milieus erkennen. Diese Nähe ist keine Gleichsetzung mit einer Bundespartei: Alle vier Wahlvorschläge traten formal eigenständig an.

ZUKUNFT – Gemeinsam für Fulpmes ist klar im Umfeld der Tiroler Volkspartei verankert. Johann Deutschmann kandidierte 2018 für die Tiroler Volkspartei. Fabian Muigg war JVP-Obmann und später Sprecher der Tiroler Volkspartei. Formal bleibt ZUKUNFT dennoch eine eigenständige Gemeindeliste.

RAIMUND – Fulpmes vereinen war eine bürgerliche Sammelliste mit ÖVP- und Liste-Fritz-Wurzeln. Raimund Schmidt führte 2022 die frühere Bürgermeisterliste Robert Denifls und die unabhängige Dorfliste Gottfried Kapferers zusammen. Denifl war dem ÖVP-Lager zuzurechnen. Kapferer kam ursprünglich aus ÖVP und ÖAAB, wechselte später aber zur Liste Fritz.

FULPMEHR – Unser Fulpmes kann mehr entstand als reformorientierte Abspaltung aus dem früheren Denifl-Lager. Roman Krösbacher saß lange auf dessen Bürgermeisterliste und trat 2022 mit dem Anspruch auf Erneuerung eigenständig an. Die formale Wahlkoppelung mit Deutschmanns ZUKUNFT zeigte zugleich, in welchem bürgerlichen Umfeld die Liste strategisch stand.

MFAYSE – Miteinander für Fulpmes hat einen anderen Charakter. Die Liste um Ayse Ulukus versteht sich vor allem als Interessen- und Integrationsliste. Leistbares Wohnen, gesellschaftliche Teilhabe und die Vertretung von Fulpmern mit türkischer Familiengeschichte stehen im Zentrum. Eine formale Nähe zur SPÖ oder zu einer anderen Bundespartei ist öffentlich nicht belegt.

Das bedeutet nicht, dass Fulpmes 15 ÖVP-Mandate hat. Es zeigt, dass der wesentliche Wettbewerb innerhalb eines weit gefassten bürgerlichen Gemeindelagers ausgetragen wurde. SPÖ und FPÖ, die 2016 noch mit eigenen Wahlvorschlägen kandidiert hatten, waren 2022 kommunalpolitisch nicht mehr eigenständig vertreten.

Eine Opposition ohne klares Zentrum

Die größte Gegenliste war 2022 RAIMUND mit vier Mandaten. Ihr Bürgermeisterkandidat Raimund Schmidt ist im aktuellen offiziellen Gemeinderatsverzeichnis nicht mehr angeführt. Aus den öffentlich zugänglichen Angaben lässt sich nicht ableiten, warum er ausgeschieden ist. Politisch ist die Folge dennoch sichtbar: Der Liste fehlt heute jenes Gesicht, mit dem sie 2022 um das Bürgermeisteramt gekämpft hat.

FULPMEHR ist durch Roman Krösbachers Rolle als zweiter Vizebürgermeister Teil der Führung. MFAYSE kann besonders bei Wohnen, Integration und sozialen Fragen Druck erzeugen, ist bisher aber nicht als umfassende Alternative zur Gemeindeführung aufgestellt. Deutschmann profitiert damit von einer besonderen Konstellation: Kritik ist vorhanden, bündelt sich aber nicht bei einem erkennbaren Gegenkandidaten.

Roman Krösbacher hält die rechnerische Schlüsselposition

Aus dem Wahlergebnis ergibt sich eine bemerkenswerte Machtarithmetik. ZUKUNFT und FULPMEHR verfügen gemeinsam über elf Mandate. RAIMUND, FULPMEHR und MFAYSE kämen zusammen auf neun. FULPMEHR ist damit das rechnerische Scharnier des Gemeinderats.

Solange Krösbacher mit Deutschmann kooperiert, besitzt der Bürgermeister ein stabiles Zentrum. Für Krösbacher entsteht daraus ein strategisches Spannungsfeld: Je erfolgreicher die Zusammenarbeit ist, desto schwieriger wird es, 2028 wieder als grundsätzliche Erneuerungsalternative aufzutreten. Je stärker er sich abgrenzt, desto eher muss er erklären, warum er die Gemeindeführung über Jahre mitgetragen hat.

Wer könnte 2028 übernehmen?

Ob Johann Deutschmann erneut kandidiert, ist derzeit öffentlich nicht geklärt. Solange er antritt und die Zusammenarbeit mit FULPMEHR hält, bleibt er der klare Favorit. Sollte es zu einem Führungswechsel kommen, zeichnen sich mehrere mögliche Wege ab.

Manfred Witsch ist als erster Vizebürgermeister und Teil der gemeinsamen Listenspitze der naheliegendste interne Nachfolger. Seine Stärke wäre eine geordnete Übergabe mit der bestehenden Mannschaft. Offen ist, ob er bereits über ein ausreichend eigenständiges öffentliches Profil für eine direkte Bürgermeisterwahl verfügt.

Roman Krösbacher besitzt drei Mandate, das Amt des zweiten Vizebürgermeisters und eine eigene Liste. Er könnte als Partner in eine vereinbarte Nachfolge gehen oder erneut als Erneuerungskandidat antreten. Seine Stärke ist die unabhängige Machtbasis; seine Schwäche ist, dass die Mitarbeit in der Gemeindeführung den früheren Oppositionsanspruch abgeschliffen hat.

Fabian Muigg sitzt im Gemeindevorstand und verfügt über politische Erfahrung sowie Verbindungen zur Tiroler Volkspartei. Derzeit spricht mehr für eine Rolle als Organisator und Vermittler als für eine vorbereitete Bürgermeisterkandidatur. Sollte sich zwischen Witsch und Krösbacher keine Lösung ergeben, könnte sein Gewicht steigen.

Das RAIMUND-Lager verfügt weiterhin über vier Mandate. Für einen neuen Angriff auf das Bürgermeisteramt bräuchte es jedoch frühzeitig eine erkennbare Persönlichkeit, die über die früheren Denifl- und Kapferer-Lager hinaus reicht. Eine solche Kandidatur ist derzeit nicht öffentlich erkennbar.

Eine neue Parteiliste bleibt die große Unbekannte

Das Ergebnis der Nationalratswahl 2024 zeigt, dass das lokale Gemeindelistensystem nicht die gesamte parteipolitische Stimmung abbildet. In Fulpmes erreichte die ÖVP 30,45 Prozent, die FPÖ 30,27 Prozent, die SPÖ 14,67 Prozent und NEOS 11,58 Prozent.

Bundeswahlergebnisse lassen sich nicht auf eine Gemeinderatswahl übertragen. Sie zeigen aber, dass außerhalb der vier bestehenden Listen erhebliches Wählerpotenzial vorhanden ist. Besonders eine neu formierte FPÖ-Liste könnte die bisherige Mandatsarithmetik verändern. Dafür gibt es derzeit keine öffentlich bestätigte Kandidatur oder Listenbildung.

Der Befund

Johann Deutschmann ist politisch stärker, als seine acht Mandate vermuten lassen. Er hat FULPMEHR in die Führung eingebunden, die Verantwortung verteilt und damit ein stabiles Regierungszentrum geschaffen. Seine Gegner sind fragmentiert, während mögliche Nachfolger bereits Verantwortung tragen.

Seine bisherige Bilanz besteht vor allem aus Stabilität, regionaler Zusammenarbeit und sachorientierter Gemeindeführung. Weniger klar ist, welches eigenständige Großprojekt dauerhaft mit seiner Amtszeit verbunden sein wird. Die entscheidenden Aufgaben bleiben leistbares Wohnen, eine erkennbare Bodenpolitik, die Finanzierung von Schule und Ortszentrum sowie der langfristige Umgang mit dem StuBay.

Über allem steht die Nachfolgefrage. Die Machtteilung, die Deutschmann heute absichert, kann 2028 zur Konkurrenz zwischen zwei möglichen Erben führen: Manfred Witsch als Kandidat der Kontinuität und Roman Krösbacher als Kandidat mit eigener Liste. Wer die nächste Wahl gewinnen will, muss deshalb nicht nur Deutschmann herausfordern, sondern das breit verzweigte bürgerliche Gemeindelager neu ordnen.

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