Bei der Gemeinderatswahl 2022 standen die Landeckerinnen und Landecker vor einer ungewöhnlich übersichtlichen Entscheidung. Neben der Liste von Bürgermeister Herbert Mayer (ÖVP) trat nur „Zukunft Landeck – sozialdemokratisch und parteifrei“ mit Mathias Niederbacher (SPÖ) an. Alle anderen politischen Kräfte fehlten.

Mayers Liste gewann mit 54,33 Prozent und zehn der 19 Mandate. Niederbachers Liste erreichte 45,67 Prozent und neun Mandate. Auch die Bürgermeisterwahl fiel knapp aus: Mayer setzte sich mit 55,06 Prozent gegen Niederbacher mit 44,94 Prozent durch. Damit gewann der Amtsinhaber eindeutig, aber nicht unangreifbar. Seine absolute Mehrheit beruht auf einem einzigen Mandat.

Mayer regiert mit der kleinstmöglichen Mehrheit

Herbert Mayer führt Landeck seit Ende 2020. Sein Vorteil liegt in der Verbindung von Bürgermeisteramt, persönlicher Bekanntheit und einer Liste, die stärker auf seine Person zugeschnitten ist als auf eine klassische Parteimarke. Das erleichtert ihm, auch Wähler anzusprechen, die sich nicht dauerhaft der ÖVP zurechnen.

Die Konstruktion hat aber eine Schwäche: Sobald eine dritte Liste antritt und einen relevanten Stimmenanteil erreicht, wird es für Mayer schwer, die absolute Mehrheit zu halten. Er muss dafür nicht massiv verlieren. Schon die Aufteilung der Stimmen auf drei Angebote kann aus zehn Mandaten neun oder acht machen.

Mayer könnte sein Bürgermeisteramt dennoch verteidigen. Bei einer Direktwahl zählen Bekanntheit, Amtsbonus und persönliche Akzeptanz stärker als die Stärke der eigenen Liste. Für die Führung des Gemeinderats wäre ein persönlicher Wahlsieg allein aber nicht ausreichend. Ohne zehn Mandate müsste Mayer für Budgets, größere Investitionen und strategische Entscheidungen Partner suchen.

Niederbacher ist stark – aber bisher ohne zweiten Anlauf

Mathias Niederbacher erreichte 2022 bei seinem ersten Antreten ein bemerkenswertes Ergebnis. Seine Liste blieb bei der Gemeinderatswahl weniger als neun Prozentpunkte hinter Mayer und stellte neun Mandate. Niederbacher wurde Zweiter Vizebürgermeister und ist damit institutionell in die Stadtführung eingebunden.

Das gibt der SPÖ und den Parteifreien Einfluss, erschwert aber zugleich die Abgrenzung. Niederbacher muss zeigen, welche Entscheidungen er mitträgt, welche Veränderungen er durchsetzt und worin seine Alternative zu Mayer besteht. Eine Opposition mit 45,67 Prozent kann sich nicht ausschließlich als Kontrollkraft darstellen. Sie muss den Anspruch vermitteln, die Stadt auch führen zu können.

Bislang profitiert Niederbacher davon, dass sich jede Gegenstimme zu Mayer praktisch bei seiner Liste sammeln kann. Tritt eine FPÖ-Liste an, verliert er dieses Monopol. Protest gegen die Stadtführung, Unzufriedenheit mit übergeordneten politischen Entwicklungen und der Wunsch nach einer schärferen Oppositionsrolle würden dann nicht mehr automatisch „Zukunft Landeck“ zugutekommen.

Die FPÖ fehlt im Rathaus, aber nicht in der Stadt

Die FPÖ trat 2022 in Landeck nicht an. Ausschlaggebend waren weniger fehlende Wähler als personelle und organisatorische Probleme.

Claus Aniballi (damals FPÖ) sollte die Bezirkspartei ab 2020 wieder aufbauen und wurde 2021 zum Bezirksparteiobmann gewählt. Vor der Gemeinderatswahl wurden Gespräche über eine FPÖ- oder Namensliste in der Stadt Landeck geführt. Eine Kandidatur kam jedoch nicht zustande. Aniballi begründete das damals mit Schwierigkeiten, geeignete Kandidaten zu finden.

Nach Auseinandersetzungen innerhalb der Tiroler FPÖ wurde Aniballi im Oktober 2022 aus der Partei ausgeschlossen. Damit verlor der Bezirk erneut seine aufgebaute Führung. Heute ist weder eine Rückkehr Aniballis zur FPÖ noch eine von ihm vorbereitete Liste für die Stadt Landeck öffentlich erkennbar. Seine Geschichte ist daher kein aktueller Kandidaturhinweis, erklärt aber das organisatorische Vakuum, das die FPÖ im Bezirk bis heute überwinden muss.

Das Wählerpotenzial ist inzwischen deutlich sichtbar. Bei der Nationalratswahl 2024 erreichte die FPÖ in der Stadt Landeck 25,61 Prozent. Gegenüber 2019 bedeutete das einen Zuwachs von 13,22 Prozentpunkten. Sie lag damit nur knapp hinter der ÖVP mit 28,63 Prozent und vor der SPÖ mit 21,57 Prozent. Das Ergebnis lässt sich nicht unmittelbar auf eine Gemeinderatswahl übertragen, zeigt aber ein erhebliches freiheitliches Wählerreservoir.

Im Bezirk hat der Wiederaufbau inzwischen erneut begonnen. Ende 2024 gründete die FPÖ im benachbarten Fließ eine Ortsgruppe und verband diesen Schritt ausdrücklich mit dem Ziel, das freiheitliche Wählerpotenzial stärker in der Gemeindepolitik abzubilden. Für die Stadt Landeck sind derzeit allerdings weder eine verantwortliche FPÖ-Führungsperson noch eine Ortsgruppe oder eine konkrete Kandidatur öffentlich sichtbar.

Ohne Kandidaten bleibt das Potenzial theoretisch

Das Nationalratswahlergebnis von 25,61 Prozent ist keine kommunale Prognose. Bei Gemeinderatswahlen werden Personen, lokale Netzwerke und die wahrgenommene Fähigkeit zur Mitarbeit im Rathaus stärker gewichtet. Eine Liste ohne bekannte Persönlichkeiten könnte daher deutlich unter dem bundespolitischen Ergebnis bleiben.

Mit einer glaubwürdigen lokalen Spitzenperson erscheint dagegen ein Ergebnis zwischen etwa 15 und 25 Prozent möglich. Im 19-köpfigen Gemeinderat entspräche das ungefähr drei bis fünf Mandaten. Diese Bandbreite beschreibt ein Potenzial, keine Vorhersage.

Die FPÖ müsste dafür mehr anbieten als bundespolitischen Protest. Sie bräuchte eine Mannschaft, die zu Finanzen, Verkehr, Innenstadt, Wohnen, Wirtschaft und regionaler Zusammenarbeit Stellung beziehen kann. Erst wenn eine lokale Führungsfigur sichtbar wird, regelmäßig zu Landecker Themen auftritt und mit dem Aufbau einer Liste beginnt, wird aus dem vorhandenen Wählerpotenzial eine konkrete Kandidatur.

Drei Listen würden die Stadtregierung neu ordnen

Das wahrscheinlichste Szenario bei einem FPÖ-Antreten wäre nicht ein freiheitlicher Bürgermeister, sondern der Verlust der absoluten Mehrheit von Mayers Liste. Der Gemeinderat würde sich dann auf drei Kräfte verteilen. Auch der Stadtrat, dem derzeit ausschließlich Vertreter der beiden bestehenden Listen angehören, müsste entsprechend dem neuen Kräfteverhältnis neu zusammengesetzt werden.

Bei einem schwächeren FPÖ-Ergebnis könnte Mayer stärkste Kraft bleiben und mit wechselnden Mehrheiten weiterregieren. Niederbachers Liste wäre dabei ebenso möglicher Partner wie die FPÖ. Politische Entscheidungen würden stärker einzeln ausgehandelt.

Bei einem Ergebnis um 20 Prozent könnte die FPÖ zum entscheidenden dritten Block werden. Weder Mayer noch Niederbacher hätten dann allein eine Mehrheit. Die Freiheitlichen könnten ein oder zwei Sitze im Stadtrat erhalten und bei zentralen Entscheidungen zum Mehrheitsbeschaffer werden.

Eine klassische Koalition ist dabei nicht zwingend. Wahrscheinlicher wäre zunächst eine Stadtregierung, in der alle drei Kräfte entsprechend ihrer Stärke vertreten sind und sich Mehrheiten je nach Sachfrage bilden. Für stabile Budgets und größere Projekte könnte dennoch eine Arbeitsvereinbarung zwischen zwei Listen notwendig werden.

Mayer bleibt Favorit – aber nicht mehr Alleinentscheider

Herbert Mayer wäre auch in einem Dreiparteiensystem der naheliegende Favorit für das Bürgermeisteramt. Sein Amtsbonus und seine persönliche Liste schützen ihn stärker als die knappe Mandatsmehrheit. Eine FPÖ-Kandidatur könnte ihm bei der Direktwahl sogar indirekt helfen, wenn sie die Gegenstimmen zu seiner Amtsführung auf mehrere Kandidaten verteilt.

Für Niederbacher entsteht daraus eine doppelte Herausforderung. Er muss Mayer als Bürgermeister herausfordern und zugleich verhindern, dass die FPÖ die Rolle der sichtbarsten Opposition übernimmt. Dazu braucht seine Liste ein eigenständiges Zukunftsangebot, das über die Kritik am Amtsinhaber hinausgeht.

Für Mayer liegt das Risiko weniger im unmittelbaren Verlust des Bürgermeisteramts als im Verlust seiner bisherigen Entscheidungsfreiheit. Bleibt seine Liste unter zehn Mandaten, muss er die Stadt breiter führen, Kompromisse schließen und politische Erfolge mit anderen teilen.

Die entscheidende Frage für Landeck lautet daher nicht nur, ob die FPÖ 2028 antritt. Entscheidend ist, ob sie eine lokale Mannschaft findet, die ihr bundespolitisches Potenzial in kommunale Glaubwürdigkeit übersetzen kann. Gelingt das, bleibt Mayer wahrscheinlich Bürgermeister – aber Landeck bekommt eine neue Mehrheits- und Regierungslogik.

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