Julian Geier hat die innerparteiliche Machtfrage bereits entschieden. Seit September 2025 führt er die Klagenfurter ÖVP, seit Oktober sitzt er im Stadtsenat und verantwortet Wirtschaft, Tourismus, Facility Management und Stadtgarten. Im Mai 2026 startete die Stadtpartei ihre auf ihn zugeschnittene Kampagne. Medien berichten, dass Geier für die ÖVP antreten will. Die politische Festlegung ist damit klar; eine förmliche Nominierung durch ein Parteigremium ist öffentlich noch nicht dokumentiert.

Seine Ausgangslage ist besser, als es die Schwäche der ÖVP vermuten lässt, und schwieriger, als es die neue Kampagne aussehen lässt. Geier ist 32 Jahre alt, besitzt ein Regierungsamt und kann die verbrauchte schwarze Stadtmarke neu aufladen. Gleichzeitig trifft er auf Bürgermeister Christian Scheider, dessen politische Stärke seit Jahren weniger aus seiner Partei als aus seiner persönlichen Bekanntheit entsteht. Geier muss daher zwei Wahlen zugleich führen: eine Wiederaufbauwahl für die ÖVP und eine Persönlichkeitswahl um das Bürgermeisteramt.

Ein Generationswechsel innerhalb der ÖVP – kein Quereinsteiger

Geier wurde 1994 in Klagenfurt geboren, verbrachte seine ersten Jahre in Ferlach und seine Jugend wieder in der Landeshauptstadt. Seine politische Sozialisation begann früh: Schulsprecher, Schülerunion, Mittelschulverbindungen, ab 2014 ÖVP-Sektionsobmann, ab 2016 JVP-Stadtobmann und ab 2017 Landesobmann der Jungen ÖVP. 2021 zog er in den Gemeinderat ein, 2023 wurde er Klubobmann, 2025 Stadtparteiobmann und Stadtrat.

Auch beruflich kommt er aus dem politischen Umfeld. Neben dem Studium der Rechtswissenschaften arbeitete er beim Kärntner Bauernbund, im Büro des früheren Klagenfurter Stadtrates Markus Geiger und als Referent für Orts- und Regionalentwicklung im Büro von Martin Gruber. Geier ist damit kein von außen geholter Erneuerer. Er ist ein konsequent aufgebauter Funktionär einer neuen Generation.

Das ist nicht automatisch ein Nachteil. Er kennt Partei, Verwaltung und Rathaus besser als ein politischer Anfänger. Es begrenzt aber die Bedeutung des Wortes „neu“. Neu sind Alter, Auftreten und Führungsanspruch. Nicht neu sind Herkunft, Netzwerk und politische Schule. Je stärker die Kampagne den Außenseiter suggeriert, desto leichter kann der Mitbewerb sie als bloße Verpackung angreifen.

„Neu. Offen. Anders.“ ist eine Abgrenzung – noch kein Programm

Der aktuelle Slogan ist präzise gewählt. „Neu“ markiert den Generationswechsel. „Offen“ verspricht Zugang, Zuhören und die Rückgewinnung von Nichtwählern. „Anders“ trennt die Klagenfurter Volkspartei von der Bundes-ÖVP und vom Streitmodus im Rathaus. Der Wechsel von Schwarz zu Dunkelblau und Limettengrün macht diese Abgrenzung bereits auf den ersten Blick sichtbar.

Die auf Geiers Website weiterhin sichtbare Zeile „Gemeinsam in neue Zeiten“ ist ein älteres Kommunikationsmotiv. Der aktuelle Kampagnenanspruch lautet „Neu. Offen. Anders.“. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil die neue Linie nicht nur einen anderen Slogan, sondern eine strategische Loslösung vom belasteten Erscheinungsbild der Bundespartei versucht.

Hinter der Kampagnenhülle steht ein erkennbares Leistungsversprechen: ein „Klagenfurt, das funktioniert“. Geier verbindet damit solide Finanzen, eine Struktur- und Aufgabenreform im Magistrat, weniger Bürokratie, stärkere Wirtschaftsförderung, die Nutzung der Koralmbahn-Chance, leistbares Eigentum, Familienfreundlichkeit sowie moderne Stadt- und Verkehrsplanung. Das ist breiter als der Slogan, aber noch keine Prioritätenordnung. Er muss zeigen, welches Problem zuerst gelöst wird und woran ein Ergebnis messbar ist.

Er zielt auf Nichtwähler, junge Familien und die wirtschaftliche Mitte

Belegt ist zunächst die Absicht, Nichtwähler zurückzugewinnen. Die persönliche Telefonnummer auf den Plakaten und das Beteiligungsangebot auf seiner Website sollen Offenheit praktisch inszenieren. Das kann Menschen ansprechen, die mit den bestehenden Rathauslagern unzufrieden sind, sich aber keiner klassischen Partei mehr zuordnen.

Aus der Themenwahl lassen sich drei weitere Zielgruppen ableiten. Mit leistbarem Eigentum, Kinderbetreuung und Spielplätzen richtet sich Geier an jüngere Familien. Mit Wirtschaftsförderung, Betriebsansiedlung und Bürokratieabbau spricht er Unternehmer, Beschäftigte und wirtschaftlich orientierte bürgerliche Wähler an. Mit studentischem Wohnen, Arbeitsplätzen und Freizeitangeboten versucht er zugleich, eine jüngere urbane Schicht zu erreichen, die der ÖVP bisher nicht selbstverständlich folgt.

Das sind strategisch plausible Adressaten, noch keine belegten Anhänger. Eine vom Bürgermeister beauftragte Befragung aus dem Jänner und Februar 2025 kann nur als damaliger Ausgangspunkt dienen: Geier war 40 Prozent der Befragten bekannt und kam in einer hypothetischen Bürgermeisterwahl auf zehn Prozent. Scheider erreichte 94 Prozent Bekanntheit und 52 Prozent Wahlabsicht. Die Erhebung liegt vor Geiers Aufstieg zum Stadtrat und vor der aktuellen Kampagne; sie ist keine Prognose für 2027. Sie zeigt aber die Größe der damaligen Reichweitenlücke.

Die ÖVP-Erholung ist realistisch – die Stichwahl bleibt die Hürde

Bei der Gemeinderatswahl 2021 erreichte die ÖVP 15,46 Prozent und sieben von 45 Mandaten. 2015 waren es noch 18,78 Prozent und neun Mandate. Schon die Rückkehr auf das Niveau von 2015 wäre daher ein substanzieller Wiederaufbau. Sie würde die ÖVP im fragmentierten Gemeinderat wieder schwerer umgehbar machen, bedeutete aber noch keinen Durchbruch beim Bürgermeister.

Der frühere ÖVP-Kandidat Markus Geiger erhielt 2021 bei der Bürgermeisterwahl 11,69 Prozent. Vor ihm lagen Maria-Luise Mathiaschitz mit 33,38 und Christian Scheider mit 30,55 Prozent. Scheider gewann die Stichwahl anschließend mit 53,49 Prozent. Der Abstand zeigt: Geier muss nicht bloß einige Prozentpunkte gewinnen. Er muss ein eigenes Personenmandat aufbauen, das weit über die Stammwählerschaft seiner Partei hinausreicht.

Seine Chance auf die Stichwahl entsteht vor allem aus der Fragmentierung der Konkurrenz. Scheider führt inzwischen eine eigene Partei, die SPÖ hatte ihren Bürgermeisterkandidaten im Frühjahr noch nicht festgelegt, die FPÖ kann von ihrer bundespolitischen Stärke profitieren, die Grünen treten mit Stefan Samonig an und NEOS befinden sich in der Listenerstellung. Wenn mehrere Herausforderer um denselben Veränderungswunsch kämpfen, kann bereits ein klarer, aber nicht dominanter Stimmenanteil für den zweiten Platz reichen. Der Favorit auf das Amt bleibt derzeit dennoch Scheider.

Klagenfurt braucht Erneuerung – aber keinen neuen Farbcode allein

Der Bedarf für Geiers Grundversprechen ist vorhanden. Das Budget 2026 wurde erst mit 204 Tagen Verspätung beschlossen und weist trotz Einmaleffekten und verschobener Investitionen eine Liquiditätslücke von 18,6 Millionen Euro aus. Auch für die Jahre 2027 bis 2030 bleiben die Salden negativ. Die Stadt braucht Prioritäten, Verwaltungsreform und einen belastbaren Umgang mit Investitionen – nicht nur die nächste politische Erzählung.

Geiers Wirtschaftsprofil trifft daher einen realen Bedarf. Die Wirtschaftskammer unterstützt seinen Vorschlag, zehn Prozent der Kommunalsteuereinnahmen in die Sicherung und Entwicklung des Standortes zurückzuführen. Seine Idee, durch zurückhaltende Nachbesetzungen und neue Überstundenregeln binnen fünf Jahren 20 Millionen Euro einzusparen, gibt dem Sanierungsanspruch eine Zahl. Politisch belastbar wird sie erst, wenn klar ist, welche Leistungen, Abteilungen und Beschäftigten davon betroffen wären und ob die Rechnung ohne Qualitätsverlust aufgeht.

Genau hier entscheidet sich, ob Klagenfurt Geier „braucht“. Einen weiteren Kandidaten, der Chaos diagnostiziert, besitzt die Stadt bereits mehrfach. Knapp ist nicht die Kritik, sondern glaubwürdige Umsetzungsfähigkeit. Geier wird gebraucht, wenn er wirtschaftliche Vernunft, funktionsfähige Verwaltung und familienorientierte Stadtentwicklung zu einer nachvollziehbaren Reihenfolge verbindet. Bleibt es bei Farbe, Alter und Hausverstand, besetzt er keinen einzigartigen politischen Raum.

Sein Stadtratsamt ist Sprungbrett und Haftung zugleich

Die Ressorts geben Geier die Möglichkeit, bis zur Wahl sichtbare Ergebnisse zu produzieren. Wirtschaft, Tourismus, Grünanlagen und städtische Gebäude berühren Alltag und Standort unmittelbar. Er kann zeigen, ob er Verfahren beschleunigt, Investitionen priorisiert und öffentliche Räume verbessert. Kein anderer neuer Herausforderer besitzt derzeit dieselbe Verbindung aus Regierungszugang und Erneuerungsmarke.

Das Amt nimmt ihm allerdings die bequeme Rolle des Beobachters. Der Streit um die Sanierung der Mittelschule St. Peter zeigt das Risiko. Nach einem Deckenschaden wurde die Planung wieder aufgenommen; die SPÖ warf Geier eine monatelange Verzögerung vor, während die ÖVP auf eine von ihm ermöglichte Umschichtung von 1,153 Millionen Euro verwies. Die Gesamtfinanzierung des auf 27,5 Millionen Euro geschätzten Projektes blieb offen.

Für die Wahl ist weniger entscheidend, welche Presseaussendung gewinnt, als welches Bild hängen bleibt. Kann Geier ein blockiertes Projekt in eine finanzierte Entscheidung führen, stützt das seinen Problemlöseranspruch. Bleibt nur ein Zuständigkeitsstreit, wird „anders“ unglaubwürdig. Ab jetzt ist jede größere Ressortentscheidung Teil seiner Kandidatenprüfung.

Die Konkurrenten besetzen Teile seines Versprechens bereits

Scheider besitzt den Amtsbonus, hohe Bekanntheit und die Fähigkeit, Konflikte als Angriff auf seine Person zu drehen. Geier darf ihn deshalb nicht nur härter kritisieren. Er muss für jene Wähler akzeptabel werden, die Scheider persönlich mögen, aber der Stadt mehr Ordnung und Zukunft zutrauen wollen.

Die SPÖ verfügt mit 15 Mandaten über die stärkste bestehende Gemeinderatsbasis. Findet sie eine zugkräftige Spitze, kann sie soziale Sicherheit und Verwaltungserfahrung gegen Geiers Wirtschaftsprofil stellen. Die FPÖ konkurriert um Protestwähler und Teile des bürgerlich-konservativen Lagers. Samonigs Grüne wiederum sprechen mit leistbarem Wohnen, Familien, Studierenden und lebendiger Innenstadt Zielgruppen an, die auch Geier erreichen will. NEOS können seinen Anspruch auf Reform, Effizienz und einen Bruch mit alter Parteipolitik spiegeln.

Geiers Alleinstellung kann deshalb nicht bloß „Veränderung“ heißen. Sie muss lauten: jung genug für einen Stilwechsel, erfahren genug für das Rathaus und wirksam genug für die Sanierung. Gelingt diese Verbindung, kann er Wähler aus mehreren Lagern ansprechen. Fehlt ein Teil, fällt er entweder auf die ÖVP oder auf eine austauschbare Erneuerungsbotschaft zurück.

Drei Wege bis 2027

Das derzeit plausibelste Szenario ist die Erholung ohne Bürgermeisteramt. Geier macht die ÖVP wieder sichtbar, gewinnt Mandate zurück und wird für Mehrheiten wichtiger, verpasst aber gegen Scheiders Personenbonus und mehrere bekannte Mitbewerber die Stichwahl. Für die Partei wäre das ein Erfolg; gemessen an der Bürgermeisterkampagne bliebe es ein Zwischenschritt.

Der Weg in die Stichwahl öffnet sich, wenn Geier bis zum Wahlkampf zwei oder drei überprüfbare Ergebnisse vorweisen kann, seine Bekanntheit deutlich verbreitert und die übrigen Herausforderer fragmentiert bleiben. Dann kann er zur bürgerlichen und modernisierungsorientierten Alternative werden. Selbst in diesem Fall wäre der zweite Wahlgang gegen Scheider eine neue, deutlich schwierigere Wahl.

Das Risikoszenario beginnt, wenn der Slogan schneller wächst als die Bilanz. Konflikte um Schulen, Budget oder Verwaltung würden Geier dann nicht als Erneuerer, sondern als Teil der bisherigen Stadtregierung erscheinen lassen. Davon könnten je nach Thema Scheider, FPÖ, SPÖ, Grüne oder NEOS profitieren. Die neue Marke würde die Enttäuschung sogar erhöhen, weil sie den Maßstab selbst gesetzt hat.

Geier besitzt damit eine echte Chance – zunächst auf die Erneuerung der Klagenfurter ÖVP, bedingt auch auf die Stichwahl. Favorit auf das Bürgermeisteramt ist er noch nicht. Sein entscheidender Vorteil ist, dass er vor der Wahl bereits ein Amt mit sichtbaren Hebeln führt. Sein entscheidendes Risiko ist exakt dasselbe: Klagenfurt kann nun beurteilen, ob „Neu. Offen. Anders.“ mehr bedeutet als eine neue Farbe für eine alte Partei.

Was bedeutet dieser Befund für Ihre Organisation?

Wir vertiefen die Lage vertraulich für Ihre konkrete politische Ausgangssituation.

Vertrauliche Vertiefung anfragen