Viele Ortszentren kennen dasselbe Dilemma: Die historische Hauptstraße soll Einkaufsstraße, Begegnungsraum und Verkehrsachse zugleich sein. Doch je stärker der Durchzugsverkehr wird, desto schwieriger wird es, daraus einen Ort zu machen, an dem Menschen gerne zu Fuß unterwegs sind, einkaufen oder länger bleiben.

Götzis hätte sich darauf beschränken können, diesen Konflikt über Jahrzehnte hinweg mit einzelnen Verkehrsmaßnahmen zu bearbeiten. Stattdessen nutzte die Marktgemeinde eine andere Chance. Direkt beim gewachsenen Zentrum wurde ein großes Industrieareal frei. Aus der früheren Betriebsfläche entstand mit dem Garnmarkt ein zusätzlicher Mittelpunkt des Ortes.

Das ist der entscheidende Gedanke hinter dem Projekt: Götzis entfernte den Durchzugsverkehr nicht aus dem alten Zentrum. Die Gemeinde schuf einen neuen Raum, in dem Aufenthalt, Versorgung und Begegnung von Anfang an anders organisiert werden konnten.

Aus der Industriebrache wurde ein Entwicklungsvorteil

Ausgangspunkt war das ehemalige Areal von Huber Tricot. Als sich um das Jahr 2000 abzeichnete, dass der Betrieb am Standort nicht mehr erweitert werden würde, lag mitten in Götzis eine Fläche von rund 45.000 Quadratmetern vor einer neuen Zukunft. Für die Gemeinde war das zugleich Risiko und Gelegenheit.

Eine solche Fläche kann über Jahre brachliegen, stückweise verwertet oder mit einem abgeschlossenen Einkaufszentrum bebaut werden. Götzis entschied sich für einen umfassenderen Weg. Schon in der frühen Planung wurden Nutzung, Bebauung, Verkehr und Erschließung gemeinsam betrachtet. Gemeinde, Entwickler, Architektur sowie Raum- und Verkehrsplanung arbeiteten an einem zusammenhängenden Konzept.

Diese Vorbereitung war nicht spektakulär. Sie war aber die Voraussetzung dafür, dass aus einer privaten Entwicklungsfläche ein Teil des öffentlichen Zentrums werden konnte.

Kein Einkaufszentrum, sondern ein gemischtes Quartier

Der Garnmarkt unterscheidet sich von einem klassischen Einkaufszentrum am Ortsrand. Er besteht nicht nur aus Geschäften und Parkplätzen, sondern verbindet Handel und Gastronomie mit Wohnungen, Büros, medizinischen Angeboten, Bildung und öffentlichen Freiräumen.

Nach den aktuellen Angaben des Standortbetreibers befinden sich dort 49 Geschäfte und Gastronomiebetriebe, 110 Unternehmen, 274 Wohnungen sowie 16 medizinische und therapeutische Praxen. Diese Mischung ist wichtiger als jede einzelne Zahl. Sie sorgt dafür, dass der Garnmarkt morgens, tagsüber und abends aus unterschiedlichen Gründen genutzt wird.

Ein reiner Handelsstandort leert sich nach Geschäftsschluss. Ein reines Wohngebiet erzeugt wenig Öffentlichkeit. Erst die Mischung macht aus Gebäuden ein Stück Ort.

Der Garnmarkt ersetzt die alte Mitte nicht

Das neue Zentrum hebt die Probleme der bestehenden Hauptstraße nicht auf. Durchzugsverkehr, Lärm und die Qualität des alten Ortskerns bleiben Aufgaben der Gemeinde. Der Garnmarkt ist daher keine Flucht vor der alten Mitte und kein Beweis, dass Verkehrsplanung überflüssig wäre.

Seine Wirkung liegt an einer anderen Stelle: Götzis ist nicht mehr darauf angewiesen, jede Funktion des Zentrums in einer belasteten Straßenachse unterzubringen. Der Ort besitzt nun einen zusätzlichen Schwerpunkt, dessen Plätze, Wege und Erdgeschoßzonen auf Aufenthalt ausgelegt sind.

Entscheidend ist nicht das Pflaster, sondern der Anlass zu bleiben

Neue Plätze und schön gestaltete Wege allein ergeben noch kein Zentrum. Entscheidend ist, ob Menschen einen konkreten Grund haben, dorthin zu kommen und dort zu bleiben. Am Garnmarkt entstehen diese Gründe aus der Kombination vieler alltäglicher Nutzungen.

Wer dort wohnt, arbeitet, einen Arzt besucht, einkauft, ein Lokal nutzt oder eine Veranstaltung besucht, belebt denselben Raum. Die Flanierzone verbindet diese Wege. Für ihre Qualität als Fußverkehrsraum erhielt sie 2013 einen österreichischen Walk-Space-Award.

Das Beispiel zeigt auch, warum einzelne Verschönerungsmaßnahmen oft wenig verändern. Ein Platz wird nicht lebendig, weil neue Bänke aufgestellt wurden. Er wird lebendig, wenn Erdgeschoße, Zugänge und Nutzungen genügend Menschen im Alltag zusammenbringen.

Die Gemeinde musste nicht alles selbst bauen

Der Garnmarkt ist kein ausschließlich kommunales Bauprojekt. Die Entwicklung wurde von der Gemeinde und einem privaten Standortentwickler gemeinsam koordiniert und in mehreren Etappen umgesetzt. Genau darin liegt ein weiterer übertragbarer Ansatz.

Eine Gemeinde muss nicht jedes Gebäude besitzen oder finanzieren, um die Richtung einer Ortsentwicklung mitzubestimmen. Sie braucht aber klare Ziele, einen belastbaren Rahmen und die Fähigkeit, private Einzelprojekte in eine öffentliche Gesamtidee einzubinden.

Die öffentliche Hand darf sich dabei nicht auf die Rolle der Genehmigungsbehörde zurückziehen. Sie muss auf Wegebeziehungen, Freiräume, Nutzungsmischung und die Verbindung zum bestehenden Ort achten. Private Investition schafft noch kein öffentliches Zentrum. Erst verbindliche gemeinsame Planung kann beides zusammenführen.

Ein Zentrum entsteht nicht in einer Amtsperiode

Zwischen den ersten politischen und planerischen Entscheidungen Ende der 1990er-Jahre und den jüngsten Erweiterungen liegen mehr als zwei Jahrzehnte. Der Garnmarkt wurde abschnittsweise gebaut, ergänzt und weiterentwickelt. Noch 2025 wurde ein weiterer Baustein mit Wohnungen, Gewerbeflächen und einem öffentlichen Park fertiggestellt.

Diese lange Entwicklung ist keine Schwäche des Modells, sondern Teil seiner Logik. Ortszentren lassen sich nicht wie ein einzelnes Gebäude eröffnen und anschließend als abgeschlossen betrachten. Sie müssen auf veränderte Bedürfnisse reagieren können, ohne dass die ursprüngliche Gesamtidee verloren geht.

Was andere Gemeinden von Götzis übernehmen können

Nicht jede Gemeinde besitzt eine große Industriebrache neben dem Ortskern. Übertragbar ist deshalb nicht die Größe des Garnmarkts, sondern die Systematik seiner Entwicklung:

  1. Nicht nur den bestehenden Problemraum betrachten, sondern nach ergänzenden Entwicklungsflächen suchen.
  2. Frei werdende Gewerbe- und Industrieflächen frühzeitig als strategische Ortsreserven behandeln.
  3. Nutzung, Bebauung, Verkehr und Erschließung gemeinsam planen.
  4. Handel nicht isolieren, sondern mit Wohnen, Arbeiten, Bildung, Gesundheit und Gastronomie mischen.
  5. Erdgeschoße, Wege und Plätze so gestalten, dass zwischen den Nutzungen öffentlicher Raum entsteht.
  6. Private Investoren an eine langfristige öffentliche Entwicklungsidee binden.
  7. Das neue Quartier mit dem bestehenden Zentrum verknüpfen, statt ihm Konkurrenz am Ortsrand zu machen.
  8. Die Entwicklung in Etappen ermöglichen und über mehrere politische Perioden hinweg konsequent fortführen.

Befund

Der Garnmarkt löst nicht jedes Verkehrs- oder Zentrumsproblem in Götzis. Er zeigt aber, dass Gemeinden ihre Entwicklung nicht auf die immer gleiche Auseinandersetzung mit einer belasteten Hauptstraße reduzieren müssen.

Wo eine geeignete Fläche vorhanden ist, kann ein zusätzlicher Mittelpunkt Handlungsspielraum schaffen. Dafür braucht es mehr als neue Gebäude: eine Mischung, die über den ganzen Tag trägt, einen öffentlichen Raum, der tatsächlich benutzt wird, und eine Gemeinde, die ihre Ziele über viele Jahre verfolgt.

Götzis hat den Durchzugsverkehr nicht aus dem Ort gezaubert. Die Gemeinde hat ihm die Macht genommen, allein zu bestimmen, wo das Zentrum ist.

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