Walter Gohm ist in Frastanz nicht nur Bürgermeister. Er ist das politische Zentrum der Gemeinde. Seine Liste hält 19 der 27 Mandate, im sechsköpfigen Gemeindevorstand entfallen vier Sitze auf die Frastanzer Volkspartei. Die Grünen und Parteifreien sowie die FPÖ und Parteifreien verfügen jeweils über einen Vorstandssitz. Keine andere Kraft ist für eine Mehrheit notwendig.

Trotzdem regiert Gohm nicht demonstrativ gegen die anderen. Der Haushalt 2026 wurde einstimmig beschlossen, ebenso der Rechnungsabschluss 2025. Auch die ablehnende Stellungnahme zum geplanten Reststoffkraftwerk der Rondo Ganahl AG trugen im April 2026 alle drei Fraktionen gemeinsam. Frastanz zeigt damit ein politisches Modell, das weniger vom offenen Mehrheitsentscheid als von der Einbindung in gemeinsame Beschlüsse geprägt ist.

Das stärkt die Gemeinde. Es stärkt aber vor allem den Bürgermeister.

Ein Wahlergebnis, das weit über eine Mehrheit hinausgeht

Bei der Gemeindevertretungswahl am 16. März 2025 erreichte die Frastanzer Volkspartei – Bürgermeister Walter Gohm 66,42 Prozent. Das waren 1.448 Stimmen und ein Plus von 4,07 Prozentpunkten. Die Grünen und Parteifreien kamen auf 19,82 Prozent und verloren drei Punkte. Die FPÖ Frastanz und Parteifreie erreichte 13,76 Prozent und gewann 3,35 Punkte. In Mandaten bedeutet das: 19 für Gohms Liste, fünf für die Grünen und drei für die FPÖ.

Noch deutlicher war die Bürgermeisterwahl. Weil weder Grüne noch FPÖ einen Gegenkandidaten aufstellten, wurde sie faktisch zu einer Ja-Nein-Abstimmung über Walter Gohm. 86,16 Prozent der gültigen Stimmen entfielen auf Ja, 13,84 Prozent auf Nein. Aus einer Wahl zwischen politischen Angeboten wurde damit eine Bestätigung des Amtsinhabers.

Die Stärke ist real – aber sie hat eine zweite Seite. Die Wahlbeteiligung lag bei nur 47 Prozent. Gohms Liste erhielt damit zwar zwei Drittel der gültigen Listenstimmen, aber nur knapp 30 Prozent aller Wahlberechtigten. Das relativiert nicht die demokratische Mehrheit. Es zeigt jedoch, dass Frastanz politisch weniger geschlossen ist, als die Mandatsverteilung vermuten lässt. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung blieb der Gemeindewahl fern, obwohl er bei Landtags- und Nationalratswahlen sehr wohl unterschiedliche Parteipräferenzen ausdrückt.

ListeErgebnis 2025VeränderungMandate
Frastanzer Volkspartei – Bürgermeister Walter Gohm66,42 %+4,0719
Grüne und Parteifreie Frastanz19,82 %−3,005
FPÖ Frastanz und Parteifreie13,76 %+3,353

Gohms eigentliche Stärke ist nicht die Zahl 19

Mit 19 Mandaten könnte die Volkspartei alle gewöhnlichen Mehrheitsentscheidungen allein treffen. Politisch bedeutsamer ist jedoch, dass Gohm Beschlüsse häufig breiter absichert, als es rechnerisch notwendig wäre.

Das Budget 2026 ist dafür ein Beispiel. Einnahmen von 25,50 Millionen Euro stehen Ausgaben von 25,35 Millionen Euro gegenüber. Der scheinbare Überschuss entsteht allerdings nur, weil rund 3,5 Millionen Euro aus Grundstücksverkäufen eingeplant sind. Gleichzeitig wurden die Wasser-, Kanal- und Müllgrundgebühren um rund fünf Prozent erhöht. Für das Bildungszentrum Fellengatter sind 2026 11,59 Millionen Euro vorgesehen, während steigende Beiträge zum Sozial- und Spitalsfonds den finanziellen Spielraum weiter einengen.

Das wäre grundsätzlich Stoff für eine harte politische Auseinandersetzung: Verkauf kommunalen Vermögens, steigende Gebühren, Prioritäten bei Investitionen und die Frage, welche Vorhaben verschoben werden müssen. In Frastanz wurde der Haushalt dennoch einstimmig beschlossen.

Gohm gelingt damit etwas, das für Bürgermeister besonders wertvoll ist: Die Verantwortung für schwierige Entscheidungen wird auf alle verteilt, die politische Führungsleistung aber bleibt bei ihm. Als Bürgermeister und Finanzreferent präsentiert er den Kurs. Als Präsident des Vorarlberger Gemeindeverbands kann er den Druck steigender Sozial- und Gesundheitskosten zugleich in einen Konflikt zwischen Gemeinden und Land übersetzen. Lokale Sparzwänge erscheinen dadurch weniger als Ergebnis eigener Prioritäten und stärker als Folge äußerer Rahmenbedingungen.

Das Reststoffkraftwerk zeigt, wie Opposition übernommen wird

Das geplante Reststoffkraftwerk der Rondo Ganahl AG ist der größte politische Konflikt in Frastanz. Im Normalbetrieb sollen nach den Projektangaben rund 82.000 Tonnen Brennstoff pro Jahr eingesetzt werden; die im Verfahren genannte Obergrenze liegt bei 122.000 Tonnen. Das Unternehmen will rund 110 Millionen Euro investieren und seine Produktion weitgehend von fossilem Gas unabhängig machen.

Dem stehen Sorgen über Standort, Verkehr, Luftqualität, Trinkwasser, Landschaftsbild und die Dimension der Anlage gegenüber. Im September demonstrierten 400 bis 500 Menschen vor der öffentlichen UVP-Verhandlung. Im Verfahren wurden 194 Stellungnahmen eingebracht. Rondo rechnet selbst mit Verzögerungen und – im Fall von Beschwerden gegen einen positiven Bescheid – mit einem möglichen Baubeginn frühestens Ende 2027 oder Anfang 2028.

Die Grünen hatten das Thema früh besetzt. Bereits lange vor der geschlossenen Stellungnahme der Gemeinde machten sie Luftqualität, Gesundheit, Standort und fehlende umfassende Prüfung zum politischen Gegenstand. Gerade deshalb zeigt der weitere Verlauf das Dilemma der Frastanzer Opposition besonders deutlich.

Am 16. April 2026 beschloss die gesamte Gemeindevertretung eine ablehnende Stellungnahme. Sie würdigte das Ziel der industriellen Dekarbonisierung, wandte sich aber gegen das konkrete Projekt am konkreten Standort. Kritisiert wurden unter anderem täglich bis zu 74 zusätzliche Lkw-Bewegungen, die Nähe zu Wohngebieten und Schutzräumen, die Dimension der Anlage sowie der fehlende Bahnanschluss.

Sachlich war diese Geschlossenheit ein starkes Signal. Politisch machte sie Walter Gohm zum Sprecher der gesamten Gemeinde. Ein Konflikt, den vor allem die Grünen zur Profilierung hätten nutzen können, wurde damit in eine gemeinsame Frastanzer Position überführt. Gohm konnte gleichzeitig wirtschaftsfreundlich, umweltbewusst und standortkritisch auftreten.

Für die Grünen bleibt deshalb nicht die Frage, ob sie beim Kraftwerk rechtzeitig gewarnt haben. Entscheidend ist, ob sie über das Nein hinaus eine erkennbare eigene Lösung vertreten: eine andere Dimension, einen anderen Standort, einen zwingenden Bahnanschluss oder ein regionales Modell unter stärkerer Beteiligung von Gemeinden und Land. Nur mit einer unterscheidbaren Alternative bleibt aus früher Themenführerschaft auch politischer Ertrag.

Die Grünen sind stark – aber nicht stark genug, um den Takt vorzugeben

Mit fünf Mandaten sind die Grünen und Parteifreien die klare zweite Kraft. Kommunal sind sie deutlich stärker als die Grünen bei der Landtagswahl 2024 in Frastanz, wo diese 10,2 Prozent erreichten. Das zeigt eine eigenständige lokale Verankerung.

Gleichzeitig verloren sie bei der Gemeindewahl drei Prozentpunkte und verzichteten auf eine Bürgermeisterkandidatur. Damit fehlte ihnen eine personelle Erzählung darüber, wer Frastanz anders führen könnte. Gerlinde Wiederin (Grüne und Parteifreie Frastanz), 2020 noch Bürgermeisterkandidatin, gehört weiterhin der Gemeindevertretung an; den grünen Sitz im Gemeindevorstand hält Robert Schöch (Grüne und Parteifreie Frastanz). Doch institutionelle Präsenz ersetzt keine erkennbare Führungsalternative.

Die Grünen können in Frastanz Themen früh erkennen und fachlich zuspitzen. Ihre Schwäche entsteht dort, wo Gohm diese Themen in einen Konsens überführt. Dann stehen sie zwar auf der richtigen Seite des Beschlusses, sind aber nicht mehr eindeutig dessen politische Urheber.

Die FPÖ hat ein großes Wählerpotenzial – aber noch keine entsprechende kommunale Stellung

Die FPÖ gewann bei der Gemeindewahl hinzu und verfügt nun über drei Mandate. Martin Bertsch (FPÖ Frastanz und Parteifreie) sitzt für sie im Gemeindevorstand. Im Vergleich zu Landtags- und Nationalratswahl bleibt ihr kommunales Ergebnis jedoch auffallend niedrig.

Bei der Landtagswahl 2024 erreichte die FPÖ in Frastanz 25,2 Prozent, bei der Nationalratswahl 27,9 Prozent. Kommunal waren es nur 13,76 Prozent. Mehr als die Hälfte ihres überregional sichtbaren Potenzials entscheidet sich auf Gemeindeebene somit anders – oder bleibt der Wahl fern.

Das spricht für die persönliche und organisatorische Stärke Gohms, aber auch für ein Defizit der FPÖ. Landes- und bundespolitische Stimmung lässt sich nicht automatisch in kommunale Kompetenz übersetzen. Wer in Frastanz stärker werden will, muss bei konkreten Entscheidungen zeigen, was er anders priorisieren, finanzieren oder organisieren würde. Ein Vorstandssitz schafft Zugang und Verantwortung. Er kann aber auch dazu führen, dass die FPÖ als Teil des gemeinsamen Betriebs erscheint, ohne als eigenständige Kraft erkennbar zu sein.

Die SPÖ hätte Potenzial – ist aber organisatorisch ausgefallen

2025 traten in Frastanz nur drei Listen an. Die SPÖ, die 2020 mit 4,43 Prozent noch ein Mandat erreicht hatte, kandidierte nicht mehr. Damit verschwand nicht nur ein Sitz, sondern ein vollständiges politisches Angebot aus der Gemeindevertretung.

Das ist umso auffälliger, weil ein sozialdemokratisches Wählerpotenzial weiterhin vorhanden ist. Bei der Nationalratswahl 2024 erreichte die SPÖ in Frastanz 12,9 Prozent, bei der Europawahl 12,2 Prozent und bei der Landtagswahl 7,4 Prozent. Diese Ergebnisse lassen sich nicht automatisch auf eine Gemeindewahl übertragen. Sie zeigen aber, dass die SPÖ nicht an fehlenden möglichen Wählerinnen und Wählern scheitert, sondern an ihren landesweiten und hier auch kommunal sichtbaren organisatorischen Defiziten.

Der Rückzug verschärft ein strukturelles Problem: Ohne Liste gibt es keine Mandatare, ohne Mandatare keine kontinuierliche Gemeindearbeit und ohne sichtbare Gemeindearbeit kaum eine Grundlage für einen späteren Wiederaufbau. Die SPÖ überlässt damit gerade jene kommunalen Felder anderen, auf denen sie grundsätzlich anschlussfähig sein könnte – leistbares Wohnen, soziale Infrastruktur, Gebühren, Kinderbetreuung und die Verteilung knapper Gemeindemittel.

Davon profitiert vor allem Gohm. Eine Gemeindewahl mit nur drei Listen, ohne SPÖ-Angebot und ohne Gegenkandidatur um das Bürgermeisteramt reduziert den politischen Wettbewerb. Der organisatorische Ausfall der SPÖ vergrößert nicht nur die Mehrheit des Bürgermeisters. Er nimmt Frastanz auch eine mögliche soziale Gegenperspektive zu seiner Politik.

Auch NEOS traten 2025 nicht an, obwohl sie bei der Nationalratswahl 10,7 Prozent und bei der Landtagswahl 6,5 Prozent erreichten. Bei ihnen fehlt ebenfalls die kommunale Übersetzung eines vorhandenen überregionalen Potenzials. Politisch schwerer wiegt jedoch der Ausfall der SPÖ, weil sie 2020 noch in der Gemeindevertretung vertreten war und somit eine bestehende kommunale Position vollständig aufgegeben hat.

Große Projekte verstärken die Macht des Bürgermeisters

Gohms Stellung beruht nicht nur auf Mehrheiten, sondern auch auf sichtbarer Umsetzung. Das Bildungszentrum Fellengatter ging zum Schulbeginn 2026 planmäßig in Betrieb. Kindergarten, Kleinkindbetreuung und Volksschule werden dort unter einem Dach gebündelt. Das Projekt steht für eine Gemeinde, die trotz engem Finanzrahmen investiert und Vorhaben zu Ende bringt.

Auch der Bahnhof wird zu einer regionalen Mobilitätsdrehscheibe weiterentwickelt. Land, Gemeinde und ÖBB haben 2025 eine Planungsvereinbarung geschlossen; die Planung soll bis Ende 2027 abgeschlossen sein. Parallel läuft der Beteiligungsprozess für die Zentrumsentwicklung weiter.

Solche Projekte strukturieren die politische Agenda über Jahre. Sie schaffen konkrete Leistungen, aber auch eine Erzählung kontinuierlicher Führung: Gohm plant, verhandelt mit Land und ÖBB, sichert Finanzierung und eröffnet. Für andere Fraktionen bleibt häufig die Rolle, Details mitzugestalten oder den gemeinsamen Beschluss mitzutragen.

Gerade deshalb müssten Grüne und FPÖ nicht jedes Projekt ablehnen. Politische Eigenständigkeit entsteht nicht durch reflexhafte Opposition. Sie entsteht, wenn nachvollziehbar wird, welche Prioritäten, Bedingungen oder Alternativen ohne sie fehlen würden.

Politischer Befund

Frastanz ist keine politisch homogene Gemeinde. Die Ergebnisse der Landtags-, Nationalrats- und Europawahl zeigen ein deutlich vielfältigeres Wählerbild als die 19:5:3-Verteilung in der Gemeindevertretung. Die kommunale Dominanz der Volkspartei ist deshalb nicht einfach Ausdruck einer einheitlichen politischen Grundhaltung. Sie ist vor allem das Ergebnis von Walter Gohms persönlicher Stellung, einer starken Organisation, sichtbaren Projekten und eines Führungsstils, der die anderen Kräfte in gemeinsame Verantwortung einbindet. Verstärkt wird diese Dominanz durch den organisatorischen Ausfall der SPÖ, die trotz vorhandenen Wählerpotenzials nicht mehr zur Gemeindewahl antrat.

Für Frastanz ist das kurzfristig ein Vorteil: Entscheidungen werden breit getragen, Projekte können verlässlich umgesetzt und Interessen gegenüber Land, ÖBB oder Unternehmen geschlossen vertreten werden. Langfristig entsteht jedoch ein demokratisches Risiko. Wenn Grüne und FPÖ ihre Eigenständigkeit erst im fertigen Konsens zeigen sollen, bleiben sie politisch unscharf. Wenn die SPÖ trotz eines Potenzials von 7,4 bis 12,9 Prozent bei überregionalen Wahlen kommunal gar nicht mehr antritt, fällt eine mögliche Gegenkraft vollständig aus. Gohms Macht beruht daher nicht nur darauf, dass seine Liste 19 Mandate besitzt. Sie beruht auch darauf, dass ein Teil der politischen Konkurrenz nicht schwach organisiert ist, sondern überhaupt nicht mehr stattfindet.