Die Mehrheit ist gesichert, das persönliche Vertrauen wird neu vergeben
Bei der Gemeinderatswahl 2022 erreichte die SPÖ 53,53 Prozent und 14 Mandate. Die ÖVP erhielt 40,31 Prozent und zehn Sitze, die FPÖ 6,16 Prozent und einen Sitz. Knor gewann die Bürgermeisterwahl mit 58,12 Prozent. Er war damit persönlich stärker als seine Partei.
Diesen Vorsprung kann die SPÖ ihrem Nachfolger nicht einfach übertragen. Antoni muss sowohl Vertrauen in seine Person gewinnen als auch die Ratsmehrheit verteidigen. Verliert die SPÖ zwei Mandate, fällt sie unter die absolute Mehrheit.
Die Übergabe ein Jahr vor der regulären Wahl verschafft ihm Zeit, sich als Bürgermeister zu etablieren. Die SPÖ nominierte ihn einstimmig; seine Wahl im Gemeinderat ist für den 8. Oktober vorgesehen. Am 6. Oktober ist er somit designierter Nachfolger. Knor will weiterhin in der Stadtpartei mitarbeiten.
Antoni kommt aus einem starken örtlichen Netzwerk
Robert Antoni (SPÖ) ist Direktor des BORG Güssing und bereits Gemeinderat. Im Oktober 2024 wurde er außerdem zum Prüfungsausschussmitglied und Umweltgemeinderat gewählt. Sein beruflicher Hintergrund verbindet ihn mit Jugendlichen, Eltern und dem Bildungsstandort der Region.
Zur bestehenden SPÖ-Stadtführung gehören der zweite Vizebürgermeister Christian Garger (SPÖ), Stadträtin Edith Weber (SPÖ) und Stadtrat Alfred Brenner (SPÖ). Gemeinderat Jürgen Grof (SPÖ) ist als Administrator ebenfalls am BORG tätig. Antoni übernimmt damit eine erfahrene Fraktion und verfügt über Verankerung außerhalb der Parteiorganisation.
Welche eigenen Schwerpunkte er setzt, ist noch offen. Seine Pläne wollte Antoni erst nach der Bürgermeisterwahl vorstellen. Die Nachfolge ist personell vorbereitet; das politische Angebot für seine Amtszeit steht noch aus.
Die Investitionsbilanz hat einen finanziellen Preis
Ende 2024 hatte Güssing knapp 15 Millionen Euro Schulden. Knor verwies auf nachgeholte Investitionen in den Schulcampus, das Rathaus und Feuerwehrhäuser. Im März 2026 erklärte er, die Gemeinde könne ihre Darlehen und Leasingverträge bedienen. Gleichzeitig arbeiteten die Ratsparteien an einem Optimierungskonzept.
Die SPÖ kann damit eine konkrete Modernisierungsbilanz vorlegen. Für die weitere Stadtentwicklung zählt jedoch, wie viel Geld nach Schuldendienst und laufendem Betrieb verfügbar bleibt.
Ein Konsolidierungsschritt war der 2025 beschlossene Verkauf der Aktivpark-Sporthalle an die Landesimmobilien Burgenland. Die Stadt nannte einen Erlös von 840.000 Euro. Das Defizit der Halle hatte 2024 etwa 270.000 Euro betragen. Bis zur Fertigstellung des neuen Sportzentrums sollte die städtische Gesellschaft den Betrieb weiterführen.
Der Verkauf kann eine dauerhafte Belastung verringern. Eine abgeschlossene Haushaltssanierung ist damit noch nicht erreicht. Entscheidend sind die verbleibenden Verpflichtungen und die tatsächliche Entlastung im laufenden Budget.
Die jüngeren Wahlen zeigen Konkurrenzpotenzial
Die kommunale SPÖ ist in Güssing wesentlich stärker als bei überregionalen Wahlen. Zugleich verfügt die FPÖ über ein Wählerpotenzial, das weit über ihr einzelnes Gemeinderatsmandat hinausgeht.
| Wahl in der Stadt Güssing | SPÖ | ÖVP | FPÖ |
|---|---|---|---|
| Gemeinderatswahl 2022 | 53,53 % · 14 Sitze | 40,31 % · 10 Sitze | 6,16 % · 1 Sitz |
| Europawahl 2024 | 26,7 % | 34,8 % | 23,9 % |
| Nationalratswahl 2024 | 26,1 % | 36,5 % | 25,8 % |
| Landtagswahl 2025 | 41,47 % | 31,05 % | 21,60 % |
Diese Ergebnisse sind keine Prognose für 2027. Sie zeigen aber, dass die SPÖ-Mehrheit auf örtlicher Leistung und persönlichem Vertrauen beruht. Mit Knors Rückzug wird ein Teil dieser Bindung neu geprüft.
Die ÖVP bleibt die stärkste Gegenkraft im Rathaus
Mit zehn Mandaten besitzt die ÖVP eine breite kommunale Basis. Erster Vizebürgermeister Franz Fabian (ÖVP) und Stadtrat Philip Krobath (ÖVP), 2023 zum Stadtparteiobmann gewählt, stehen für die Aufstellung nach dem Rückzug von Alois Mondschein (ÖVP).
Die ÖVP kann bei Budget, Projektkosten und Prioritäten unmittelbar ansetzen. Ihre Beteiligung an der Konsolidierung verbindet Mitverantwortung mit Konkurrenz zur SPÖ. Vor der Wahl wird zählen, welche eigenen Entscheidungen und Alternativen sie vertritt.
Der Bürgermeisterwechsel eröffnet ihr eine Chance, persönliche Bindungen neu zu gewinnen. Gleichzeitig konkurriert sie mit der FPÖ um zusätzliche Stimmen. Ein Verlust der SPÖ führt deshalb nicht automatisch zu einer stärkeren ÖVP.
Die FPÖ ist personell besser angebunden als ihr Ratsgewicht vermuten lässt
Michael Gmeindl (FPÖ) ist Gemeinderat, Bezirksparteiobmann, Landesparteiobmann-Stellvertreter und seit Februar 2025 Nationalratsabgeordneter. Beruflich kommt er als Berufsunteroffizier aus dem Bundesheer. Seine Funktionen verschaffen der örtlichen Partei überregionale Reichweite und organisatorische Anbindung.
Beim Aktivpark greift die FPÖ Kostenentwicklung und Transparenz auf. Auch Landtagsabgeordneter Thomas Grandits (FPÖ) verlangt eine nachvollziehbare Erklärung der gestiegenen Investitionssumme. Die Kritik richtet sich wesentlich gegen die Projektabwicklung auf Landesebene, kann aber auch die Güssinger SPÖ treffen.
Für zusätzliche Gemeinderatsmandate braucht die FPÖ neben Gmeindl eine breitere Mannschaft und örtliche Themen. Ihr Potenzial ist vorhanden; wie weit sie es 2027 ausschöpft, hängt von Kandidaten und kommunaler Arbeit ab.
Die Projekte müssen jetzt im Alltag tragen
Der Bildungscampus ist seit 2024 fertig, das erneuerte Kulturzentrum wurde 2026 wieder in Betrieb genommen. Beim Sportcamp Süd liegt der angekündigte Fertigstellungshorizont Ende 2026.
Antoni könnte somit eine Stadt übernehmen, in der große Bauvorhaben zunehmend genutzt werden. Für die SPÖ ist das eine günstige Ausgangslage. Familien, Vereine und Betriebe können die Ergebnisse der vergangenen Jahre unmittelbar erleben. Verzögerungen, Betriebsprobleme oder zusätzliche Belastungen würden dagegen die Opposition stärken.
Auch Energie und Innenstadt wirken auf die Wahl
Am Standort Güssing baut Burgenland Energie eine umfangreiche Infrastruktur aus Photovoltaik, Batteriespeicher und Stromnetzen aus. Im August waren 25 Megawatt der geplanten 50-Megawatt-Photovoltaikanlage bereits in Betrieb. Weitere Anlagenteile, Speicher und ein Beteiligungsmodell für die Bevölkerung wurden angekündigt. Politisch zählt, welche Vorteile bei Haushalten und Betrieben tatsächlich ankommen.
Daneben bleiben alltägliche Konflikte wirksam. Bei den Parkplätzen in der Innenstadt stehen bessere Erreichbarkeit und weniger Bodenversiegelung gegeneinander. Solche Fragen können vor der Wahl ebenso wichtig werden wie die Bilanz großer Investitionen.
Politischer Befund
Die SPÖ geht mit einer eigenen Mehrheit, erfahrenem Personal und konkreten Leistungen in den Übergang. Antoni bringt berufliche Verankerung und kommunale Erfahrung mit. Seine persönliche Zugkraft und seine Prioritäten müssen sich erst zeigen. Die ÖVP bleibt die stärkste Gegenkraft im Rathaus; die FPÖ besitzt deutlich mehr Wählerpotenzial als kommunale Mandate. Finanzielle Stabilisierung und verlässlicher Betrieb der neuen Einrichtungen werden die Auseinandersetzung bis 2027 prägen.
Güssings SPÖ hat einen klaren Startvorteil für 2027. Ihre absolute Mehrheit bleibt jedoch davon abhängig, ob Robert Antoni eigenes Vertrauen gewinnt und die Modernisierung der Stadt mit einer spürbaren finanziellen Stabilisierung verbindet.

