Christian Härting vor dem Ortszentrum von Telfs mit Alltagsszene. Redaktionelle Bildmontage mit authentischen Personen- und Ortsreferenzen.
Christian Härting (Wir für Telfs), Bürgermeister von Telfs.

Denn Telfs ist zugleich Industriestandort, Schulzentrum und eine seit Jahrzehnten durch Zuwanderung geprägte Gemeinde. Ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und ihre gesellschaftlichen Aufgaben hängen eng zusammen. Politisch zählt deshalb, wie Investitionen, Bildung, Wohnen und Zusammenleben im Alltag wirken.

2022 endete die Alleinmehrheit

Bei der Gemeinderatswahl verlor „Wir für Telfs“ zwei Mandate. Die NEOS zogen mit vier Sitzen ein und wurden zweitstärkste Kraft. Die bisher eigenständig antretende ÖVP stellte keine Liste mehr; sie unterstützte Härting.

Gemeinderatswahlen 2016 und 2022 – jeweils 21 Mandate

Partei/Liste20162022 · Mandatsveränderung
Wir für Telfs – aus dem ÖVP-Umfeld48,45 % · 1139,74 % · 9 · −2
NEOSnicht angetreten19,01 % · 4
Grüne12,63 % · 210,11 % · 2 · ±0
FPÖ9,86 % · 28,06 % · 2 · ±0
SPÖ¹5,91 % · 16,32 % · 1 · ±0
Dein Telfsnicht unter dieser Bezeichnung6,30 % · 1
MFGnicht angetreten5,74 % · 1
Bürgerliste Telfs5,06 % · 14,71 % · 1 · ±0
Eigenständige ÖVP-Liste13,62 % · 3nicht angetreten
Telfs Neu4,46 % · 1nicht angetreten

¹ 2016: gemeinsame Wahlgruppe „Günter Porta + Positive Zukunft + SPÖ Telfs“. Die Listen und personellen Zusammensetzungen sind zwischen den Wahlen nicht durchgehend identisch.

Noch deutlicher schrumpfte Härtings persönlicher Vorsprung:

BürgermeisterwahlErgebnis HärtingVeränderung
201674,32 %–
202250,38 %−23,94 Prozentpunkte

Härting gewann erneut im ersten Durchgang, lag aber nur knapp über der Hälfte. Augustin erreichte 18,88 Prozent. Der Bürgermeister blieb persönlich stärker als seine Liste, musste jedoch einen erheblichen Rückgang hinnehmen.

Härting braucht Partner – seine Mitbewerber brauchen Eigenständigkeit

Mit neun von 21 Mandaten kann WFT die Gemeinde prägen, benötigt für eine Mehrheit aller Mitglieder aber mindestens zwei zusätzliche Stimmen. Rechnerisch reichen dafür die beiden Grünen oder die beiden Freiheitlichen. Gemeinsam mit den NEOS wären es 13 Sitze. Das sind mögliche Abstimmungsmehrheiten, keine automatisch bestehenden Bündnisse.

Die zwölf Mandate außerhalb von WFT bilden ebenfalls keinen gemeinsamen Gegenblock. Neben Härting und dem ersten Vizebürgermeister Klaus Schuchter (WFT) gehören Augustin, Christoph Walch (Grüne) und Norbert Tanzer (Dein Telfs) dem Gemeindevorstand an. Verantwortung ist über mehrere Fraktionen verteilt.

Für Härting liegt darin eine Chance: Wenn er Zustimmung organisiert, kann er seine Führungsfähigkeit auch ohne Alleinmehrheit belegen. Seine Mitbewerber müssen dagegen erkennbar machen, welche Verbesserungen auf ihre Arbeit zurückgehen.

Zuwanderung prägt die Gemeinde stärker, als die Zahl der Nationalitäten zeigt

Anfang 2025 lebten in Telfs 3.404 Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft. Ihr Anteil betrug 20,7 Prozent. Damit hatte rund jeder fünfte Einwohner eine ausländische Staatsangehörigkeit.

Diese Zahl beschreibt den Ausländeranteil. Eingebürgerte Menschen und österreichische Staatsbürger aus zugewanderten Familien werden darin nicht vollständig erfasst. Ein belastbarer Gesamtanteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund lässt sich aus diesen Angaben nicht ableiten.

Wie unterschiedlich die Gemeinde zusammengesetzt ist, zeigt auch ihr Gemeinwesenbericht 2018–2022. Er nennt die Türkei und Deutschland als die größten ausländischen Staatsangehörigkeitsgruppen. Zugleich beschreibt er eine stärkere räumliche Konzentration ausländischer Einwohner insbesondere Am Fuchsbühel und in Egart. Diese kleinräumlichen Angaben beziehen sich auf den damaligen Berichtszeitraum.

Politisch folgt daraus eine wichtige Aufgabe: Die Gemeinde muss unterschiedliche Erfahrungen und Bedürfnisse erreichen. Sprachförderung, Elternarbeit, Nachbarschaft und zugängliche Freizeitangebote gehören ebenso dazu wie klare Regeln für das Zusammenleben.

Der Gemeinwesenbericht benennt ausdrücklich auch Ängste und Unsicherheiten innerhalb der länger ansässigen Bevölkerung. Sein Ansatz richtet sich deshalb auf die gesamte Gemeinde und auf gemeinsame Teilhabe.

Für den politischen Wettbewerb bedeutet das: Vertrauen muss in unterschiedlichen Wohngebieten, Vereinen, Schulen und sozialen Netzwerken aufgebaut werden. Die bloße Präsenz im Gemeinderat gewährleistet diese Reichweite noch nicht.

Bevölkerung und Wahlberechtigte sind unterschiedlich zusammengesetzt

Für die politische Bewertung ist außerdem entscheidend, wer tatsächlich wählen darf. Bei Tiroler Gemeindewahlen sind unter den gesetzlichen Voraussetzungen österreichische und andere EU-Staatsbürger wahlberechtigt. Drittstaatsangehörige ohne österreichische Staatsbürgerschaft haben dieses Wahlrecht nicht.

Ein Teil der Menschen, die Schulen, Wohnungen, Verkehr und öffentliche Räume nutzen, kann damit über die Gemeindeführung nicht mitentscheiden. Gleichzeitig gehören Menschen mit Zuwanderungsgeschichte selbstverständlich auch zur wahlberechtigten Bevölkerung.

Ein gemeinsames Wahlverhalten lässt sich daraus nicht unterstellen. Staatsbürgerschaft, Herkunft, soziale Lage und politische Überzeugung sind unterschiedliche Merkmale. Für die Parteien kommt es darauf an, Anliegen aufzugreifen und verlässliche Beziehungen aufzubauen.

Das Schulzentrum wird auch zum gesellschaftlichen Prüfstein

Für Neubau und Sanierung des Einberger-Schulzentrums wurde im März 2026 ein Gesamtvolumen von rund 34,8 Millionen Euro einschließlich Reserven beschlossen. Der Baubeginn wird im Frühjahr 2027 erwartet. Die Gesamtfinanzierung unterstützte der Gemeinderat einstimmig.

Damit steht eines der wichtigsten Projekte vor der Umsetzung. Neben Kosten und Zeitplan wird seine pädagogische Wirkung zählen: Wie werden Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen unterstützt? Wie funktionieren Sprachförderung, Betreuung und Elternarbeit? Welche Möglichkeiten schafft das Schulzentrum für gemeinsames Lernen?

Augustin führt den Ausschuss für Kinderbetreuung und Bildung sowie jenen für Jugend, Gemeinwesenentwicklung, Diversität und Bürgerbeteiligung. Er trägt damit in mehreren dieser Bereiche politische Verantwortung.

Seine Chance liegt darin, konkrete Verbesserungen erkennbar mitzugestalten. Bereits im Planungsprozess stellte er das pädagogische Konzept und die Zusammenarbeit mit Schulen, Bildungsdirektion und Bürgermeister öffentlich dar.

Für Härting kann das Schulzentrum die Gestaltungsfähigkeit seiner Amtsführung belegen. Für Augustin kann es ein eigenständiger Leistungsnachweis werden. Beide werden daran gemessen, ob aus der Planung eine funktionierende Schule entsteht.

Die Wirtschaft schafft Spielraum – die Verteilung bestimmt die politische Wirkung

Mit Liebherr, Thöni, Leitner und Gannomat verfügt Telfs über bedeutende Industriebetriebe. Sie prägen Beschäftigung und Standortentwicklung.

Für 2025 meldete die Gemeinde rund 7,1 Millionen Euro Kommunalsteuer von 547 kommunalsteuerpflichtigen Betrieben. Der einstimmig genehmigte Rechnungsabschluss wies knapp 4,2 Millionen Euro liquide Mittel aus. Die Gesamtschulden einschließlich ausgelagerter Betriebe und Verbände gingen laut Gemeinde gegenüber 2024 um 2,6 Millionen Euro zurück.

Diese Zahlen geben Härting ein Argument für seine Haushaltsführung. Sie erhöhen zugleich die Erwartung, dass die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit im Alltag ankommt.

Alexandra Lobenwein (SPÖ) verwies beim Budget 2026 auf soziale Belastungen durch Gebührenanpassungen. Tanzer sprach Folgekosten neuer Einrichtungen an. Michael Ebenbichler (FPÖ) bewertete den Voranschlag grundsätzlich positiv. Die Auseinandersetzung betrifft damit unterschiedliche Prioritäten innerhalb eines weithin gemeinsam getragenen Haushalts.

Für die SPÖ liegt hier ein Ansatzpunkt: Leistbarkeit, Bildungschancen und soziale Infrastruktur betreffen Menschen unterschiedlicher Herkunft. Um daraus stärkeres kommunales Vertrauen zu gewinnen, braucht es neben einzelnen Wortmeldungen ein sichtbares Team und kontinuierliche Arbeit vor Ort.

Öffentliche Räume verbinden die großen Themen

Beim geplanten Estmeister-Park treffen Ortsentwicklung, Wohnen und Zusammenleben unmittelbar aufeinander. Vorgesehen sind rund 860 Quadratmeter öffentlicher Grünraum, zwölf Mietwohnungen, Geschäftsflächen und eine Tiefgarage mit 44 Stellplätzen. Die planungsrechtlichen Beschlüsse wurden einstimmig gefasst. Der Baubeginn wird für Frühjahr 2027 erwartet.

Seine politische Wirkung wird davon abhängen, wie der neue Raum tatsächlich genutzt wird: als Aufenthaltsort für unterschiedliche Generationen, als Verbindung im Ortszentrum und als Ergänzung zum Wohnumfeld.

Auch die Jugendbefragung 2026 zeigt konkrete Erwartungen. Mehr als drei Viertel der rund 180 Teilnehmenden aus Telfs und Umgebung wollten bei jugendrelevanten Entscheidungen mitreden. Genannt wurden zusätzliche Sportflächen, Veranstaltungen und Angebote für mentale Gesundheit. Die Befragung beschreibt die teilnehmenden Jugendlichen und ist keine allgemeine Wahlumfrage.

Die FPÖ hat Stimmenpotenzial – seine Ursachen sind damit noch nicht erklärt

Bei überregionalen Wahlen zeigt sich ein anderes Kräfteverhältnis als im Gemeinderat:

ParteiLandtagswahl 2022EU-Wahl / Nationalratswahl 2024
ÖVP22,93 %20,53 % / 21,75 %
SPÖ18,20 %21,24 % / 21,72 %
FPÖ20,06 %24,20 % / 29,22 %
Grüne9,55 %13,71 % / 8,76 %
NEOS14,69 %13,91 % / 11,25 %

Ergebnisse jeweils in Telfs; unterschiedliche Wahlen und Wahlberechtigtenkreise.

Die FPÖ erreicht überregional deutlich mehr Zustimmung als bei der Gemeinderatswahl. Daraus folgt eine kommunale Entwicklungsmöglichkeit für Ebenbichler und Wolfgang Gasser (FPÖ). Eine Erklärung des Wahlerfolgs allein durch den Migrationsanteil wäre jedoch nicht belegt. Aus den Ergebnissen geht nicht hervor, welche Motive die einzelnen Wähler bestimmten.

Ebenso wenig verfügt die SPÖ automatisch über ein abrufbares kommunales Stimmenreservoir. Ihre wesentlich besseren Ergebnisse bei anderen Wahlen zeigen, dass örtliche Verankerung und überregionale Parteipräferenz auseinanderfallen.

Die NEOS besitzen mit vier Gemeinderäten bereits eine vergleichsweise breite örtliche Vertretung. Die Grünen können mit Walch auf Erfahrung im Gemeindevorstand aufbauen. Tanzer, Herbert Klieber (Bürgerliste Telfs, historisch auch mit Personen aus dem ÖVP-Umfeld) und Alfred Mühl (MFG) vertreten kleinere eigenständige Kräfte. Entscheidend wird für alle sein, welche gesellschaftlichen Gruppen sie mit konkreter Arbeit erreichen.

Politischer Befund

Härting bleibt die zentrale politische Figur in Telfs. Bis 2028 wird seine Stärke daran gemessen, wie er wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, große Investitionen und den Zusammenhalt einer durch Zuwanderung geprägten Gemeinde verbindet. Augustin besitzt mit seiner Verantwortung für Bildung und Gemeinwesen die stärkste örtliche Ausgangsposition, daneben ein eigenständiges Profil zu entwickeln. Die FPÖ muss überregionale Zustimmung in kommunales Vertrauen übersetzen, die SPÖ soziale Anliegen breiter verankern. Entscheidend ist, wer die unterschiedlichen Lebenswelten von Telfs erreicht und dort nachvollziehbare Verbesserungen bewirkt.

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