Die Wahl beendet die Loyalitätsfrage
Die Bürgermeisterwahl vom 19. Oktober 2025 war für Johannes Henne mehr als eine gewöhnliche Wiederwahl. Ein Jahr zuvor hatte er für das Oberbürgermeisteramt in Friedrichshafen kandidiert. Damit stand in Immenstaad unausgesprochen die Frage im Raum, ob der Bürgermeister seine politische Zukunft weiterhin in der Gemeinde sieht oder den nächsten Schritt bereits vorbereitet.
Hennes Ergebnis beantwortete diese Frage eindeutig. 71,51 Prozent bestätigten ihn für eine zweite Amtszeit. Stephan Lederle erreichte 23,43 Prozent. Lederle gab der Wahl einen Wettbewerb, verfügte als erst seit 2024 in Immenstaad lebender Bewerber aber weder über ein Ratsmandat noch über eine vergleichbare kommunalpolitische Verankerung.
Das Ergebnis ist deshalb vor allem ein persönliches Mandat für Henne. Die Gemeinde hat Kontinuität gewählt und zugleich die Zweifel ausgeräumt, die seine Friedrichshafener Kandidatur ausgelöst hatte. Ein Blankoscheck ist das nicht. Wer nach einem klaren Wahlsieg acht weitere Jahre regieren kann, wird nicht mehr daran gemessen, ob er bleiben will, sondern daran, was er in dieser Zeit fertigstellt.
Hennes Mehrheit ist persönlich, nicht parteipolitisch
Im Gemeinderat ist die Lage deutlich offener als bei der Bürgermeisterwahl. Die CDU erreichte 2024 33,5 Prozent und sechs Mandate. Die Freien Wähler stellen fünf Gemeinderäte, die Grünen drei, die SPD zwei sowie UBI und FDP jeweils einen. Zusammen sind das 18 gewählte Mandate. Mit dem stimmberechtigten Bürgermeister umfasst der Rat 19 Mitglieder; für eine Mehrheit sind zehn Stimmen erforderlich.
Henne und die CDU kommen gemeinsam auf sieben Stimmen. Für eine eigene Mehrheit reicht das klar nicht. Politisch prekär ist die Lage dennoch kaum. Mit den Grünen erreicht die CDU-Seite einschließlich des Bürgermeisters exakt zehn Stimmen. Mit den Freien Wählern sind es zwölf. Für einzelne Vorhaben sind auch andere Kombinationen möglich.
Eine formelle Koalition lässt sich daraus nicht ableiten. Immenstaad wird nicht durch ein öffentlich fixiertes Regierungsbündnis geführt. Für Henne ist gerade das ein Vorteil: Er kann je nach Thema unterschiedliche Partner gewinnen. Bei Haushaltsdisziplin, Personal und Verwaltungsaufwand liegen Freie Wähler und CDU häufig näher beieinander. Bei Wohnen, Klimaanpassung oder schnellerer Investition können Grüne und SPD zusätzlichen Druck entwickeln.
Die Ratsarithmetik zwingt Henne damit zur Begründung, aber selten zur Kapitulation. Seine Macht beruht nicht auf einer Parteimehrheit, sondern auf dem Bürgermeisteramt, seinem Wahlergebnis und der Möglichkeit, für fast jedes Sachthema eine tragfähige Mehrheit zu organisieren.
Der Gemeinderat verlangt Umsetzung statt neuer Planung
Wie anspruchsvoll diese Beweglichkeit wird, zeigte die Beratung des Haushalts 2026. CDU und Freie Wähler drängten auf weniger externe Dienstleistungen, begrenzten Personalaufbau und eine stärkere Kontrolle laufender Ausgaben. Grüne und SPD wollten zugleich verhindern, dass notwendige Investitionen erneut nach hinten rutschen. Die FDP lehnte den Haushalt schließlich als einzige Kraft ab.
Der Rat strich unter anderem eine geplante Teilzeitstelle für Öffentlichkeitsarbeit und reduzierte einzelne Planungskosten. Hinter diesen Entscheidungen steht mehr als Sparsamkeit. In Immenstaad wächst der Zweifel, ob Verwaltung und Politik nicht längst mehr Vorhaben beschließen, als sie gleichzeitig umsetzen können.
Für Henne verändert das den politischen Maßstab. Ein neuer Plan ist kein Fortschritt, wenn ein älterer weiter auf Umsetzung wartet. Seine zweite Amtszeit braucht deshalb eine erkennbare Reihenfolge: Welche Baustellen haben Vorrang, welche Standards kann sich die Gemeinde leisten und welche Projekte müssen warten? Je klarer diese Prioritäten sind, desto leichter lassen sich wechselnde Mehrheiten begründen.
26 Millionen Euro werden zu Hennes Leistungsnachweis
Der größte Test ist das Paket aus Linzgauhalle und Stephan-Brodmann-Schule. Die Halle wurde 2023 wegen konstruktiver Schäden geschlossen. Seither musste die Gemeinde einen Übergangsbetrieb organisieren und zugleich Sanierung, Schule und Umfeld neu aufeinander abstimmen. Was zunächst nach einer Gebäudereparatur aussah, entwickelte sich zu einem der größten kommunalen Vorhaben der kommenden Jahre.
Im Juli 2026 begann die eigentliche Sanierung der Linzgauhalle. Für das Frühjahr 2027 ist der Start der Arbeiten an der Schule vorgesehen. Insgesamt geht es um rund 26 Millionen Euro. Die derzeitige Kostenprognose für die Halle liegt mit etwa 9,38 Millionen Euro unter dem genehmigten Rahmen von 10,18 Millionen Euro. Abgeschlossen sein soll das Gesamtprojekt 2029.
Diese Zahlen schaffen vorerst Vertrauen. Entscheidend wird aber nicht die erste Prognose sein, sondern der Verlauf: Termine, Nachträge, Qualität und die Belastung des laufenden Betriebs. Henne wird dieses Projekt nicht als Erfolg der Verwaltung allein erzählen können. Nach Schließung, Übergangslösungen und langen Vorarbeiten wird die Baustelle zum persönlichen Leistungsnachweis des Bürgermeisters.
Beim Häldele entscheidet nicht die Zahl der Wohnungen
Das zweite Schlüsselprojekt liegt im Neubaugebiet Häldele. Seit April 2026 wird das rund zwei Hektar große Areal erschlossen. Möglich sind bis zu 110 Wohneinheiten. Für eine größere Investorenfläche wurde festgelegt, dass mindestens 27,5 Prozent der Geschossfläche als geförderter beziehungsweise preisgedämpfter Wohnraum entstehen sollen.
Die Zahl von 110 Wohnungen klingt nach einer klaren Antwort auf den angespannten Bodenseemarkt. Ob das Projekt für Immenstaader Familien tatsächlich wirkt, entscheidet sich aber an anderen Fragen: Wie hoch sind Mieten und Kaufpreise? Wie lange bleiben Bindungen bestehen? Wer erhält Zugang? Und verhindert die Vergabe, dass ein erheblicher Teil der Wohnungen dem lokalen Markt rasch wieder entzogen wird?
Für die Gemeinde besitzt das Gebiet zudem eine finanzielle Doppelfunktion. Grundstückserlöse helfen, große Investitionen zu finanzieren. Gerade deshalb darf Leistbarkeit nicht erst am Ende geprüft werden. Wenn Bodenverkauf den Haushalt stärkt, Wohnen für Einheimische aber unerschwinglich bleibt, wäre das Projekt rechnerisch erfolgreich und politisch ungenügend.
Die Finanzen sind stark – aber nicht grenzenlos
Immenstaad startet aus einer besseren Position als viele andere Gemeinden. Hohe Gewerbe- und Einkommensteuereinnahmen sowie Erlöse aus Grundstücksgeschäften tragen den Haushalt. Nach der mittelfristigen Planung soll die Gemeinde bis 2029 ohne neue Kredite auskommen. Das ist angesichts des Investitionsvolumens bemerkenswert.
Gleichzeitig sinken Rücklagen und Liquidität. Ein positives Jahresergebnis hängt teilweise von außerordentlichen Einnahmen ab, die nicht beliebig wiederholbar sind. Dazu kommen die Folgekosten der neuen und sanierten Infrastruktur: Energie, Personal, Unterhalt und spätere Erneuerung verschwinden nicht, sobald eine Eröffnung gefeiert ist.
Hennes finanzpolitische Aufgabe ist deshalb anspruchsvoller als ein schuldenfreier Bauzeitraum. Er muss zeigen, dass Immenstaad die Projekte auch über ihren gesamten Lebenszyklus tragen kann. Eine starke Einnahmenbasis verschafft Spielraum. Sie ersetzt keine Prioritäten.
Die großen Baustellen dürfen den Alltag nicht verdecken
Immenstaad ist eine Gemeinde mit rund 6.400 Einwohnern und einer touristischen Belastung, die weit über diese Größe hinausgeht. Mehr als 365.000 Übernachtungen im Jahr 2024 zeigen, welchen Stellenwert der Ort am Bodensee besitzt. Sie erklären zugleich, warum Verkehr, öffentlicher Raum, Strandbad und Infrastruktur nicht wie Nebenthemen einer kleinen Gemeinde behandelt werden können.
Die B31 und der örtliche Verkehr bleiben eine tägliche Belastung. Sichere Fuß- und Radverbindungen, die Anbindung von Kippenhausen und die Zukunft des Aquastaad berühren den Alltag unmittelbarer als manche Großbaustelle. Wer gleichzeitig Schule, Halle und Wohngebiet vorantreibt, darf diese Aufgaben nicht in eine spätere Phase verschieben.
Darin liegt das Risiko einer von Großprojekten dominierten Amtszeit: Sichtbare Baustellen binden Geld, Personal und Aufmerksamkeit. Politische Zufriedenheit entsteht aber auch aus kleinen, verlässlichen Verbesserungen. Henne braucht deshalb neben der Projektsteuerung eine Alltagsbilanz.
Der Befund
Johannes Henne beginnt seine zweite Amtszeit aus einer starken persönlichen Position. Sein Mandat reicht bis 2033. Im Gemeinderat besitzt die CDU keine eigene Mehrheit, doch mehrere rechnerische Mehrheitswege machen den Bürgermeister handlungsfähig. Ein ähnlich verankerter Herausforderer ist derzeit nicht erkennbar.
Gerade deshalb liegt die Gefahr nicht in einer unmittelbaren Machtfrage. Sie liegt in der Umsetzung. Linzgauhalle, Schule und Häldele werden gleichzeitig zum Test für Termine, Kosten, Leistbarkeit und Verwaltungsleistung. Gelingt dieser Dreiklang, kann Henne seine persönliche Mehrheit in eine belastbare Bilanz übersetzen. Bleiben Projekte lange unfertig oder werden sie teurer und im Alltag weniger wirksam als versprochen, hilft ihm auch eine flexible Ratsarithmetik nur begrenzt.
Was bedeutet dieser Befund für Ihre Organisation?
Wir vertiefen die Lage vertraulich für Ihre konkrete politische Ausgangssituation.
Vertrauliche Vertiefung anfragen
