Das Ergebnis täuscht über die Machtlage

Auf den ersten Blick ist die Lage komfortabel. Jost erreichte bei der Bürgermeisterwahl 53,9 Prozent, Peter Kasal vom Bündnis Neumarkt 24,2 Prozent und Elena Paris von Insieme Miteinander 19,3 Prozent. Doch Jost lag damit 13,6 Prozentpunkte über der eigenen Liste. Das ist kein Detail, sondern der wichtigste Befund: Das Bürgermeisteramt ist derzeit stärker abgesichert als die Partei.

Gegenüber 2020 sank Josts Anteil um zwei Prozentpunkte. In absoluten Zahlen verlor sie 228 Stimmen, die SVP-Liste 148 Stimmen und ein Mandat. Ein Teil davon erklärt sich durch die deutlich niedrigere Wahlbeteiligung: Sie fiel von 67,1 auf 58,9 Prozent. Politisch relevant bleibt dennoch, wer gegen den Trend zulegen konnte. Das Bündnis steigerte seine Liste von 15,5 auf 19,7 Prozent und von drei auf vier Mandate; Insieme von 14,8 auf 17,8 Prozent. Beide Listen gewannen sogar absolut Stimmen, obwohl insgesamt weniger Menschen zur Wahl gingen.

Im Gemeinderat hält die SVP nur sieben der 18 Sitze. Der Ausschuss besteht aus Jost, vier weiteren SVP-Mitgliedern und Elena Paris von Insieme als Vizebürgermeisterin. Rechnerisch stützt sich die derzeitige Führung damit auf zehn Mandate – die kleinstmögliche Mehrheit. Paris stabilisiert Josts Verwaltung, erhält dabei aber zugleich Sichtbarkeit, Erfahrung und ein glaubwürdiges Leistungsprofil für eine spätere eigene Kandidatur.

Laag ist der Belastungstest für die ganze Gemeinde

Der politisch empfindlichste Raum liegt nicht im Zentrum, sondern in Laag. Dort leben 1.365 der insgesamt 5.530 Einwohnerinnen und Einwohner; die Bürgerliste Laag hält zwei Gemeinderatssitze. Damit besitzt der Ortsteil eine eigene politische Infrastruktur, über die Unzufriedenheit gesammelt und in Stimmen übersetzt werden kann.

Der Streit um nächtlichen Lärm und riskante Fahrmanöver im Bereich der Sportzone zeigt das Muster. Anrainer berichteten 2025 von lauter Musik, nächtlichen Zu- und Abfahrten, manipulierten Motorrädern und Drift-Manövern. Peter Kasal brachte das Thema in den Gemeinderat; Jost kündigte Gespräche mit den Carabinieri an. Für die nächste Wahl wird weniger entscheidend sein, wer die Zuständigkeit korrekt beschrieben hat, sondern ob die Betroffenen eine sichtbare Verbesserung wahrnehmen. Sicherheit und Nachtruhe sind klassische Felder, auf denen ein kleiner Alltagskonflikt zur Erzählung „Im Hauptort wird entschieden, Laag muss warten“ werden kann.

Dazu kommt der lange Konflikt um die Schottergrube St. Florian. Die Landesgenehmigung sah nach der Verlängerung eine Wiederverfüllung und landschaftliche Wiederherstellung bis 2026 vor. Für die SVP ist deshalb nicht nur der formale Verfahrensstand wichtig, sondern ein öffentlich überprüfbarer Endpunkt: Was wurde beendet, was rekultiviert und welche Belastung bleibt? Kasal und die lokale Opposition haben dieses Thema über Jahre besetzt. Bleibt die Abschlusskommunikation unscharf, überlassen Jost und die SVP ihren Gegnern die Deutungshoheit über ein Problem, das die Gemeinde zwar nicht allein entscheiden konnte, für das die Bevölkerung aber trotzdem die Gemeindeführung verantwortlich macht.

Die SVP besitzt mit Karin Pichler eine Ortsvorsteherin in Laag. Das ist organisatorisch ein Vorteil, wird aber zum Risiko, wenn Vermittlung nicht als Ergebnis sichtbar wird. Ein eigener „Laag-Vertrag“ mit wenigen messbaren Punkten – Nachtruhe und Kontrolle, Status St. Florian, Verkehr und konkrete Investitionen – wäre deshalb wirkungsvoller als eine allgemeine Ortsteiloffensive.

Die sprachliche Mitte ist keine automatische SVP-Reserve

Neumarkt ist mit 60,78 Prozent deutsch- und 38,84 Prozent italienischsprachiger Bevölkerung politisch anders aufgebaut als viele ländliche Gemeinden Südtirols. Bei der Wahl 2025 verlor die italienische Vertretung einen Gemeinderatssitz und einen ihrer zuvor zwei Plätze im Ausschuss. Aktuell bündelt Elena Paris einen großen Teil dieser Repräsentation.

Für die SVP entsteht daraus ein doppeltes Problem. Stützt sie sich zu stark auf ihr deutschsprachiges Kernmilieu, kann Insieme die pragmatische, zweisprachige Mitte besetzen. Verlässt sie sich vollständig auf Paris als Brücke zur italienischen Bevölkerung, macht sie sich von einer Partnerin abhängig, die bei der nächsten Wahl zur Konkurrentin werden kann. Die Antwort kann daher nicht nur eine Fortsetzung der Koalitionsarithmetik sein. Die SVP braucht selbst sichtbare zweisprachige Kandidatinnen und Kandidaten sowie Themen, die nicht nach Sprachgruppe sortiert sind: Wohnen, Schule, Mobilität, Sicherheit und verlässliche Gemeindedienste.

Der aktuelle Wohnungsdruck bietet dafür ein Beispiel. Das Land hat 2025 auch für Neumarkt die zeitweilige Unterbringung von Beschäftigten in Gewerbezonen ermöglicht. Dahinter steht ein realer Bedarf der Betriebe; zugleich entstehen Fragen nach Wohnqualität, Integration, Verkehr und einer dauerhaften Perspektive. Wer nur die Interessen der Wirtschaft oder nur die Sorgen der Nachbarschaft anspricht, verengt das Feld. Wer beides zusammenführt, kann die politische Mitte erreichen.

Die Gegner: einzeln begrenzt, gemeinsam gefährlich

Peter Kasal und das Bündnis Neumarkt sind derzeit die stärkste direkte Herausforderung. Kasal erreichte 24,2 Prozent bei der Bürgermeisterwahl, seine Liste 19,7 Prozent und vier Sitze. Sein Vorteil ist die klare Opposition und die glaubwürdige Besetzung konkreter Konflikte – besonders in Laag, bei Raumordnung und Belastungen vor Ort. Sein Problem ist die Reichweite: Für eine Mehrheit muss er über das deutschsprachige Protest- und Kontrollmilieu hinauskommen. Ohne eine glaubwürdige italienischsprachige Brücke bleibt sein Wachstum wahrscheinlich unterhalb der Schwelle, die Jost ernsthaft gefährdet.

Elena Paris und Insieme Miteinander verfügen über drei Sitze und 17,8 Prozent Listenanteil. Paris hat einen anderen Weg zur Konkurrenzfähigkeit: nicht Protest, sondern Verwaltungskompetenz, Zweisprachigkeit und Anschlussfähigkeit. Als Vizebürgermeisterin kann sie zeigen, dass sie Gemeinde führen kann. Gleichzeitig muss sie erklären, warum ein Wechsel nötig wäre, wenn sie bis dahin die Politik Josts mitträgt. Ihr Dilemma lautet daher: Zu viel Distanz gefährdet die laufende Zusammenarbeit, zu wenig Distanz verhindert ein eigenes Profil.

Die Bürgerliste Laag ist keine wahrscheinliche Bürgermeisterpartei, aber mit zwei Mandaten eine Mobilisierungs- und Bündniskraft. Die Grünen können bei Bodenverbrauch, Verkehr, Hochwasserschutz und Lebensqualität programmatisch ergänzen. Forza Italia besitzt einen Sitz, ist allein aber zu schwach für eine Führungsrolle. Entscheidend wäre daher nicht eine große neue Partei, sondern eine Arbeitsteilung der vorhandenen Kräfte.

Das für die SVP gefährlichste Modell wäre ein Abkommen zwischen Kasal und Paris: eine gemeinsame oder zumindest wechselseitig akzeptierte Bürgermeisterkandidatur, verbunden mit einer klaren Aufteilung der künftigen Verantwortung. Politisch ist das wegen unterschiedlicher Milieus schwierig. Rechnerisch ist es aber die einzige Konstellation, die gleichzeitig lokale Protestthemen, deutschsprachige Wechselwähler und die italienischsprachige Mitte erreichen könnte. 2025 kamen Bündnis und Insieme bei den Listen gemeinsam bereits auf 37,5 Prozent – nur 2,8 Punkte weniger als die SVP. Mit Bürgerliste und Grünen existiert im Gemeinderat längst eine Mehrheit außerhalb der SVP. Was ihr fehlt, ist eine gemeinsame Führungserzählung.

Was die SVP bis zur nächsten Wahl tun muss

Erstens muss Josts Entscheidung und die Nachfolge früh geklärt werden. Für Gemeinden dieser Größe sind drei aufeinanderfolgende Amtszeiten möglich. Jost könnte daher bei der nächsten regulären Wahl nochmals antreten. Tut sie das, bleibt sie der stärkste Trumpf der SVP. Tut sie es nicht, darf die Nachfolge nicht erst im letzten Wahljahr beginnen. Die Partei muss Josts persönlichen Vorsprung von 13,6 Punkten in Vertrauen zu einem Team übersetzen. Sonst erbt ein neuer Kandidat zwar das Amtsetikett, aber nicht ihre Stimmen.

Zweitens muss Laag mit Ergebnissen statt Aufmerksamkeit bearbeitet werden. Ein öffentlich nachvollziehbarer Maßnahmenplan zu Sportzone, St. Florian, Verkehr und Ortsteilinvestitionen würde Kasal nicht jedes Thema nehmen, aber seine stärkste Erzählung schwächen: dass Probleme erst nach politischem Druck behandelt werden.

Drittens muss die SVP ihre zweisprachige Eigenständigkeit stärken. Die Zusammenarbeit mit Paris ist sinnvoll, ersetzt aber keine eigene Verankerung im italienischsprachigen Teil der Gemeinde. Kandidatenrekrutierung, Kommunikation und sichtbare Zuständigkeiten müssen diese Verankerung bis zur Wahl zeigen, nicht erst im Wahlkampf behaupten.

Viertens müssen Großprojekte als Vertrauensbilanz geführt werden. Die offizielle Planung für die neue Turnhalle und Mensa des Schulzentrums umfasst mehr als zehn Millionen Euro und sah wesentliche PNRR-Meilensteine bis Ende 2025 beziehungsweise Mitte 2026 vor. Die Gemeinde sollte den aktuellen Stand, die Kosten und die Nutzung transparent und überprüfbar darstellen. Dasselbe gilt für die 400.000 Euro für neue Banden in der Würtharena und später anstehende bauliche Arbeiten. Die Investitionen mögen sachlich begründet sein; politisch werden sie angreifbar, sobald Anrainer gleichzeitig bei Nachtruhe, Verkehr oder Wohnen keine Fortschritte erkennen.

Fünftens muss die Beteiligung zurückgewonnen werden. Der Rückgang um 8,2 Prozentpunkte ist keine bloße Statistik. Für eine lange regierende Kraft sind Nichtwähler oft gefährlicher als direkte Überläufer. Die SVP muss deshalb ortsteil- und sprachgruppenspezifisch wissen, wo ihre früheren Wähler 2025 zu Hause geblieben sind. Ohne diese Diagnose kann sie Josts Mehrheit verteidigen und dennoch weitere Mandate verlieren.

Drei realistische Szenarien für die nächste Wahl

Tritt Jost an und bleibt die Opposition geteilt, ist die SVP klarer Favorit auf das Bürgermeisteramt. Das getrennte Wahlrecht unter 15.000 Einwohnern hilft ihr zusätzlich: Bürgermeister wird, wer die meisten Stimmen erhält; eine Stichwahl gibt es nicht. Eine eigene Mehrheit im Gemeinderat ist dennoch unwahrscheinlich, wenn die Liste ihren Rückgang nicht stoppt.

Tritt Jost an und koordinieren sich Kasal und Paris, bleibt Jost vorne, aber die Wahl wird erstmals wirklich kompetitiv. Ein gemeinsamer Gegner müsste gegenüber den addierten Bürgermeisterstimmen von 2025 noch deutlich zulegen. Gelingt es ihm jedoch, Laag, die zweisprachige Mitte und enttäuschte Nichtwähler in einer Wechselbotschaft zusammenzuführen, kann bereits ein relativ kleiner Verlust bei Jost den Ausgang offen machen.

Tritt Jost nicht an, entsteht der eigentliche Machtwechselmoment. Mit einem früh aufgebauten, zweisprachig anschlussfähigen Nachfolger behielte die SVP einen leichten strukturellen Vorteil. Bei einer späten oder intern umstrittenen Kür würde Kasal als stärkster Oppositionskandidat starten; Paris hätte das größere Potenzial, über Sprachgrenzen hinweg zu wachsen. Eine koordinierte Opposition könnte die Wahl dann zu einem offenen Rennen machen.

Der Kipppunkt ist die ungeklärte Nachfolge

Die SVP hat in Neumarkt kein akutes Mehrheitsproblem im Bürgermeisteramt, wohl aber ein Transferproblem: Josts persönliche Autorität ist nicht automatisch Parteivermögen. Die nächste Wahl entscheidet sich deshalb nicht zuerst an einem großen ideologischen Konflikt. Sie entscheidet sich daran, ob sich mehrere konkrete Unzufriedenheiten zu einer gemeinsamen Erzählung verbinden lassen: Laag werde zu wenig gehört, die italienischsprachige Bevölkerung zu wenig eigenständig vertreten, große Projekte seien leichter sichtbar als gelöste Alltagsprobleme und nach Jost fehle eine klare Führung.

Der Kipppunkt liegt dort, wo Josts Nachfolge ungeklärt bleibt und Kasal sowie Paris aufhören, um dieselben Oppositionsstimmen zu konkurrieren. Verhindert die SVP diese Verbindung durch sichtbare Ergebnisse, eigene Zweisprachigkeit und einen rechtzeitigen Übergang, bleibt sie Favoritin. Verwechselt sie Josts 53,9 Prozent mit einer stabilen SVP-Mehrheit, kann Neumarkt bei der nächsten Wahl schneller offen sein, als das heutige Bürgermeisterergebnis vermuten lässt.

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