Andreas Jungmann wurde im Februar 2024 mit rund 55 Prozent zum Bürgermeister von Brixen gewählt. Die Südtiroler Volkspartei verlor zwar gegenüber 2020 Stimmen, erreichte aber weiterhin 15 der 27 Sitze und damit eine eigene Mehrheit im Gemeinderat. Jungmann führt dennoch die bisherige Zusammenarbeit mit dem Partito Democratico fort. Neben SVP und PD sind Team K, Grüne Bürgerliste, Fratelli d’Italia und Süd-Tiroler Freiheit im Gemeinderat vertreten.

Diese Mehrheit gibt Jungmann politischen Handlungsspielraum. Sie erhöht aber auch die Verantwortung: Wo die SVP Projekte nicht umsetzt, kann sie kaum auf fehlende Mehrheiten verweisen. Das gilt besonders für zwei Themen, die sehr unterschiedliche politische Wirkungen entfalten. Die Plose-Bahn steht für Sichtbarkeit, Zukunft und touristische Entwicklung. Das Wohnen entscheidet darüber, wer sich das Leben in Brixen noch leisten kann.

Die Idee ist knapp zwei Jahrzehnte alt

Die direkte Bahn von der Stadt auf die Plose ist keine neue Idee der Jungmann-Ära. Ihre dokumentierte Grundlage entstand bereits 2007 und 2008. Damals ließen Land und Gemeinde ein Tourismuskonzept von der Schweizer Malik Management Zentrum St. Gallen AG ausarbeiten. Das Ziel war eine stärkere Verbindung von Stadt und Berg.

Die Studie schlug ausdrücklich eine direkte Seilbahnanbindung von Brixen an die Plose vor. Albert Pürgstaller, von 2005 bis 2015 Bürgermeister, machte dieses Konzept anschließend zu einem seiner zentralen politischen Projekte. Im Jahr 2012 trat er gemeinsam mit Vertretern von Stadt und Land für eine Verbindung vom Brixner Bahnhof nach St. Andrä ein. Die Talstation am Bahnhof sollte Eisenbahn, Busverkehr und Seilbahn zu einem Mobilitätszentrum verbinden.

Die Bevölkerung entschied sich 2014 für den Bus

Die damalige Variante sah eine Verbindung zwischen dem Bahnhof und St. Andrä vor. Unterstützt wurde sie auch von der Landesregierung, die 2013 eine Finanzierung von bis zu 75 Prozent in Aussicht stellte. Die damaligen Kostenschätzungen bewegten sich für die Seilbahn bei etwa 18 bis 22 Millionen Euro.

Politisch setzte sich das Projekt dennoch nicht durch. Bei der Brixner Volksbefragung im September 2014 standen drei Möglichkeiten zur Wahl: die Seilbahn vom Bahnhof, eine verbesserte Busverbindung und die Beibehaltung des bestehenden Angebots.

Von den gültigen Stimmen entfielen 5.010 auf den Ausbau der Busverbindung, 4.260 auf die Seilbahn und 623 auf die Beibehaltung des damaligen Zustands. Bei einer Beteiligung von 58,66 Prozent war das Ergebnis gültig. Die Bevölkerung lehnte damit nicht jede Weiterentwicklung der Plose-Anbindung ab, entschied sich aber gegen das konkret vorgelegte Seilbahnprojekt vom Bahnhof.

Pürgstaller gab die Grundidee danach nicht auf. Noch im November 2014 wollte er einen neuen Prozess zur Verbindung von Stadt und Berg einleiten. Bereits damals war erkennbar: Das Ergebnis hatte eine bestimmte Variante gestoppt, die strategische Frage aber nicht gelöst.

Die heutige Variante ist größer – und wesentlich teurer

Zwölf Jahre später arbeitet Brixen wieder an einer direkten Verbindung. Die geplante Talstation soll erneut beim Bahnhof liegen. Von dort soll die Strecke zunächst nach Süden führen, den Bereich der Sportzone Milland queren und über Zwischenstationen in Milland und St. Andrä bis auf die Plose reichen.

Die Planer haben die Trasse verändert, um den Überflug von Wohngebieten zu verringern. Ein ursprünglich vorgesehener unterirdischer Abschnitt und eine zusätzliche Zwischenstation wurden aus Kostengründen gestrichen. Dennoch bewegt sich das Projekt nach Angaben des zuständigen Stadtrats Thomas Schraffl inzwischen im dreistelligen Millionenbereich.

Eine Finanzierung ist noch nicht gesichert. Auch eine Ausschreibung gibt es deshalb nicht. Zunächst soll die Südspange umgesetzt werden, die insbesondere Milland vom Verkehr aus Richtung Ploseberg entlasten soll. Ihre Fertigstellung wird für den Zeitraum zwischen 2029 und 2031 angestrebt. Erst danach könnte die neue Plose-Bahn folgen. Die Stadt versucht vorerst, die planerischen und raumordnerischen Voraussetzungen so weit vorzubereiten, dass das Projekt bei einer späteren Finanzierung umgesetzt werden kann.

Damit handelt es sich nicht um ein unmittelbar bevorstehendes Bauprojekt. Die Bahn ist derzeit eine strategische Option mit ausgearbeiteter Trasse, aber ohne gesicherte Finanzierung und ohne verbindlichen Baubeginn.

Die Bahn könnte mehr sein als ein Tourismusprojekt

Eine direkte Verbindung vom Bahnhof auf die Plose besitzt eine nachvollziehbare Logik. Bahnreisende könnten ohne Auto oder zusätzlichen Buswechsel auf den Berg gelangen. Gleichzeitig könnte die Seilbahn St. Andrä und möglicherweise Milland besser an die Stadt anbinden. Voraussetzung dafür wäre allerdings, dass sie tatsächlich Teil des öffentlichen Verkehrs wird und mit dem Südtirol-Pass genutzt werden kann.

Dann wäre sie nicht nur eine touristische Attraktion, sondern auch ein öffentliches Verkehrsmittel für Beschäftigte, Schülerinnen und Schüler sowie die Bevölkerung am Ploseberg. Das würde die politische Rechtfertigung einer hohen öffentlichen Investition stärken.

Ob die Bahn den Autoverkehr tatsächlich spürbar verringert, hängt aber von Takt, Tarif, Betriebszeiten und Lage der Stationen ab. Eine technisch eindrucksvolle Verbindung allein garantiert noch keine Verkehrsverlagerung. Wird sie vorwiegend von Gästen genutzt, bleibt sie vor allem ein Tourismusprojekt. Wird sie in den Alltag integriert, kann sie zu einem Bestandteil der städtischen Infrastruktur werden.

Der alte Volksentscheid bleibt eine politische Hypothek

Das Ergebnis von 2014 kann nicht einfach auf das heutige Projekt übertragen werden. Trasse, Umfang, Kosten und verkehrspolitische Rahmenbedingungen haben sich verändert. Zugleich darf die damalige Entscheidung nicht so behandelt werden, als habe es sie nie gegeben.

Je länger Planung und Finanzierung hinter verschlossenen Türen vorbereitet werden, desto leichter entsteht der Eindruck, die Bevölkerung solle diesmal erst mit einem weitgehend fertigen Projekt konfrontiert werden. Gerade wegen der Vorgeschichte braucht die Stadt frühzeitig nachvollziehbare Antworten: Welchen konkreten Verkehrsnutzen bringt die Bahn für Einheimische? Wie hoch ist der öffentliche Finanzierungsanteil? Wer übernimmt Bau, Betrieb und wirtschaftliches Risiko? Welche Grundstücke und Wohngebiete werden überflogen? Welche Alternativen wurden untersucht? Und unter welchen Bedingungen würde das Projekt nicht umgesetzt?

Jungmann übernimmt damit nicht nur Pürgstallers Vision, sondern auch die Verpflichtung, aus dem damaligen politischen Konflikt zu lernen. Eine neue Variante benötigt eine neue demokratische Legitimation. Ob dafür eine weitere Volksbefragung notwendig ist, hängt auch davon ab, wie grundlegend sich das Projekt gegenüber 2014 verändert hat.

Beim Wohnen entscheidet sich die soziale Glaubwürdigkeit

Während die Plose-Bahn ein sichtbares Zukunftsbild bietet, liegt die alltägliche Belastung vieler Brixnerinnen und Brixner beim Wohnen. Die Stadt wächst, der Tourismus benötigt Arbeitskräfte und öffentliche sowie soziale Einrichtungen suchen Personal. Gleichzeitig wird es für junge Menschen, Familien und Beschäftigte mit mittleren Einkommen schwieriger, eine leistbare Mietwohnung zu finden.

Eine Erhebung im Zuge des Gemeindeentwicklungsprogramms kam für das Jahr 2024 auf rund 540 Wohnungen, die potenziell leer standen. Die Zahl beruht auf steuerlichen Daten und stellt keine vollständige Leerstandserhebung mit Angaben zur jeweiligen Dauer dar. Zusätzlich verwies die Süd-Tiroler Freiheit auf mehr als 300 Zweit- und Ferienwohnungen. Die beiden Kategorien dürfen nicht undifferenziert zusammengerechnet werden, zeigen aber einen politischen Zielkonflikt: Es gibt Wohnraum, der dem regulären Mietmarkt nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung steht.

Brixen setzt gleichzeitig erste Schritte. In der Wohnbauzone D’Andrea soll das erste gemeinnützige Wohnbauprojekt Südtirols entstehen. Geplant sind 30 Ein- bis Dreizimmerwohnungen, die über einen längeren Zeitraum zu begünstigten Mieten vergeben werden. Die Gemeinde will bei der Reihung besonders junge Brixnerinnen und Brixner sowie Beschäftigte aus sozialen Berufen berücksichtigen.

Das Projekt kann ein wichtiges Modell werden. Gemessen an der strukturellen Nachfrage sind 30 Wohnungen aber ein Anfang und noch keine Lösung. Hinzu kommen kleinere Umwidmungen, durch die konventionierte, geförderte oder preisgedeckelte Wohnungen entstehen sollen. Auch sie zeigen Aktivität, verändern den Markt jedoch nur schrittweise.

Jungmann muss beide Verbindungen schaffen

Politisch bietet die Plose-Bahn Jungmann eine große Bühne. Er kann sich als Bürgermeister präsentieren, der ein lange diskutiertes Projekt technisch verändert und unter neuen Voraussetzungen wieder möglich macht. Gelingt die Verbindung, wäre sie über Jahrzehnte mit seiner Amtszeit verbunden.

Das Risiko liegt in der Reihenfolge der Wahrnehmung. Wenn für eine Seilbahn ein dreistelliger Millionenbetrag diskutiert wird, während Menschen keine leistbare Wohnung finden, entsteht schnell ein einfaches Gegenbild: Für den Berg gibt es eine große Vision, für das Wohnen nur kleine Projekte.

Dieser Vergleich ist finanziell nicht vollständig fair. Eine Seilbahn, sozialer Wohnbau und private Mietwohnungen werden aus unterschiedlichen Töpfen finanziert und folgen unterschiedlichen rechtlichen Bedingungen. Politisch wirkt der Vergleich trotzdem. Bürgerinnen und Bürger beurteilen Prioritäten nicht nur nach Haushaltstiteln, sondern danach, wo sie Entschlossenheit, Tempo und sichtbare Ergebnisse erkennen.

Die SVP verfügt über die Mehrheit, der PD ist Teil der Stadtregierung. Beide können deshalb nicht dauerhaft auf übergeordnete Zuständigkeiten verweisen. Team K und Grüne Bürgerliste können Wirtschaftlichkeit, Umweltverträglichkeit und demokratische Legitimation der Bahn hinterfragen. Die Süd-Tiroler Freiheit hat Wohnen und Leerstand bereits als Angriffspunkt besetzt. Damit zeichnet sich die zentrale politische Auseinandersetzung der kommenden Jahre ab: Investiert Brixen zuerst in seine touristische Reichweite oder in die soziale Tragfähigkeit der Stadt?

Die Plose-Bahn ist keine neue Idee, sondern die Neuauflage eines Projekts aus der Ära Pürgstaller. Jungmann kann beweisen, dass eine fast zwei Jahrzehnte alte Vision unter veränderten Bedingungen doch noch funktionieren kann. Dafür muss die Bahn aber mehr leisten als schöne Bilder und zusätzliche touristische Frequenz. Sie braucht einen erkennbaren Nutzen für den Alltag und eine neue demokratische Legitimation. Vor allem darf sie nicht zum Symbol einer Stadt werden, die den Weg auf den Berg leichter macht als den Zugang zu einer leistbaren Wohnung.

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