Christine Kaaserer (SVP) verfügt über politische Verhältnisse, von denen die meisten Bürgermeisterinnen und Bürgermeister nur träumen können. Ihre Partei erreichte bei der Gemeindewahl 2025 rund 76,8 Prozent und gewann 14 der 18 Sitze. Die gesamte Opposition kommt gemeinsam auf vier Mandate.

Diese Dominanz ist allerdings nicht mit persönlicher Alleinherrschaft gleichzusetzen. Bei der Bürgermeisterwahl erhielt Kaaserer 48,6 Prozent. Ihre parteiinterne Konkurrentin Kunhilde von Marsoner (SVP) kam auf 34,7 Prozent, Karin Meister (Süd-Tiroler Freiheit) auf 16,7 Prozent.

Kaaserer gewann das Amt klar. Gleichzeitig zeigte das Ergebnis, dass sich die breite Zustimmung zur SVP auf unterschiedliche Personen, gesellschaftliche Gruppen und politische Erwartungen verteilt. Genau diese innere Vielfalt wurde bereits wenige Wochen nach der Wahl sichtbar.

Die erste Niederlage kam nicht von der Opposition

Kaaserers erster Vorschlag für den Gemeindeausschuss erhielt im Gemeinderat nur sechs Ja-Stimmen. Acht Mitglieder stimmten dagegen, vier enthielten sich. Der Großteil des Widerstands kam aus der SVP selbst.

Auslöser war vor allem die Nichtberücksichtigung von Günther Bernhart. Der frühere Gemeindesekretär hatte 1.084 Vorzugsstimmen erhalten und war damit der meistgewählte Gemeinderat. Auch Martin Wielander, der in Göflan stark abgeschnitten hatte, war im ursprünglichen Vorschlag nicht vorgesehen.

Kaaserer hatte formal das Recht, jene Personen vorzuschlagen, mit denen sie zusammenarbeiten wollte. Politisch unterschätzte sie jedoch das Gewicht der Vorzugsstimmen und die Bedeutung der verschiedenen SVP-Ortsgruppen und Interessensbereiche. Eine Partei mit 14 Mandaten ist nicht automatisch ein geschlossener Block.

Erst ein zweiter Vorschlag brachte die Einigung. Bernhart und Wielander wurden in den Ausschuss aufgenommen. Gemeinsam mit Vizebürgermeister Jürgen Tragust, Manuel Trojer und Kunhilde von Marsoner bilden sie nun mit Kaaserer die Gemeindeführung. Der Vorschlag erhielt alle 14 Stimmen der SVP; die vier Oppositionsmitglieder enthielten sich.

Der Kompromiss hat Kaaserer nicht geschwächt

Die Aufnahme Bernharts und Wielanders lässt sich als Niederlage der Bürgermeisterin lesen. Das greift jedoch zu kurz. Entscheidend ist, was Kaaserer aus der Korrektur macht.

Sie hat den Konflikt nicht eskalieren lassen, sondern einen zweiten Vorschlag vorgelegt, der das Wahlergebnis, die Vorzugsstimmen und die innerparteilichen Kräfteverhältnisse stärker berücksichtigt. Damit verhinderte sie eine kommissarische Verwaltung und mögliche Neuwahlen.

Der neue Ausschuss ist politisch breiter abgestützt als der erste Entwurf. Er bildet verschiedene Teile der SVP und unterschiedliche Fraktionen der Gemeinde besser ab. Das kann die Führung komplizierter machen, erhöht aber ihre Legitimität.

Für Kaaserer entsteht daraus ein klares Führungsmodell. Sie kann Schlanders nicht wie eine homogene Einparteiengemeinde regieren. Sie muss Mehrheiten innerhalb der Mehrheit organisieren. Gelingt ihr das, wird die Größe der SVP-Fraktion zu einem erheblichen Vorteil. Misslingt es, können persönliche Rivalitäten und lokale Interessen jede strategische Entscheidung verlangsamen.

Das Kasernenareal ist der große politische Test

Kein Projekt bündelt die Konfliktlinien von Schlanders so stark wie die Zukunft des ehemaligen Drusus-Kasernenareals. Es geht um Wohnen, Kultur, Ortsentwicklung, öffentliche Räume, Erinnerung und den Umgang mit der dort entstandenen BASIS Vinschgau.

Die Vorgeschichte ist belastet. Der teilweise Abriss im Jahr 2022 löste einen überregionalen Konflikt über Denkmalschutz und die künftige Nutzung des Areals aus. Inzwischen wurde ein weiterer Gebäuderiegel abgetragen. Der Gemeinderat hat sich in mehreren informellen Sitzungen mit dem ersten Baulos, dem städtebaulichen Umstrukturierungsplan und verschiedenen Wohnformen beschäftigt.

Damit beginnt die entscheidende Phase. Die Gemeinde muss aus einem jahrelangen Streit ein nachvollziehbares Zukunftsprojekt machen. Ein reines Immobilienvorhaben wäre dafür zu wenig. Das Areal liegt zu zentral und besitzt durch die BASIS eine zu große kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung.

Kaaserer braucht deshalb eine erkennbare Verbindung von leistbarem Wohnen, öffentlichem Raum, Kultur, wirtschaftlicher Nutzung und den Bedürfnissen der Ortsteile. Gerade bei einem Projekt mit dieser Vorgeschichte reicht eine formale Mehrheit nicht. Die Entscheidungen müssen politisch erklärt und gesellschaftlich getragen werden.

Beim Wohnen kann Schlanders zum Vorbild werden

Mit dem Projekt „Marillenanger“ entsteht in Schlanders eines der ersten Südtiroler Wohnbauvorhaben mit Preisbindung. Gemeinsam mit der Arche im KVW werden 16 Wohnungen errichtet, die deutlich unter dem Marktpreis vergeben werden sollen.

Das Modell ist politisch interessant, weil es jene Haushalte erreichen kann, die für den freien Markt zu wenig verdienen, aber teilweise über den klassischen Grenzen der Wohnbauförderung liegen. Die Preisbindung gilt 20 Jahre; die Bindung an Ansässige bleibt darüber hinaus bestehen.

Für Kaaserer ist dieses Projekt mehr als eine einzelne Baustelle. Leistbares Wohnen gehörte bereits vor der Wahl zu ihren zentralen Themen. Schlanders kann nun zeigen, ob aus einem Pilotprojekt eine kommunale Strategie entsteht.

Dazu gehört die Frage, welche Wohnformen auf dem Kasernenareal vorgesehen werden, wie junge Familien im Ort gehalten werden, ob ausreichend Mietwohnungen entstehen und wie die Entwicklung der Fraktionen berücksichtigt wird. Sechzehn Wohnungen lösen den gesamten Bedarf nicht. Sie können aber zum Ausgangspunkt eines klaren Schlanderser Wohnmodells werden.

Der europäische Einzelhandelspreis ist Chance und Verpflichtung

Schlanders gewann 2026 den europäischen Wettbewerb „European Capitals of Small Retail“ in der Kategorie der Kleinstädte. Gewürdigt wurden die regionale Nahversorgung, der Branchenmix, Pop-up-Konzepte, die Zusammenarbeit lokaler Akteure, Digitalisierung und nachhaltige Mobilitätsangebote.

Für den Vinschger Hauptort ist das ein bemerkenswerter Erfolg. Schlanders besitzt damit ein positives Gegenbild zur Erzählung vom unvermeidlichen Niedergang kleiner Ortszentren.

Die Auszeichnung darf allerdings nicht zur bloßen Trophäe werden. Auch ein preisgekröntes Zentrum muss mit Leerständen, Veränderungen im Konsumverhalten, Onlinehandel, Erreichbarkeit und der Nachfolge in familiengeführten Betrieben umgehen.

Kaaserers Aufgabe ist es, aus dem Preis ein mehrjähriges Programm zu machen. Dazu gehören ein aktives Leerstandsmanagement, Unterstützung für Betriebsübergaben, neue Nutzungen für Erdgeschoßflächen, Veranstaltungen, digitale Sichtbarkeit und eine gute Verbindung zwischen Bahnhof, Parkplätzen, Fußgängerzone und den Ortsteilen.

Schlanders ist das Versorgungszentrum des Mittelvinschgaus. Diese Rolle muss im Alltag spürbar bleiben – für Einheimische ebenso wie für Besucherinnen und Besucher.

Gesundheit wird zum unmittelbaren Vertrauensproblem

Während große Entwicklungsprojekte langfristig wirken, trifft der Mangel an Hausärzten die Bevölkerung sofort. Nach der kurzfristigen Kündigung einer Ärztin konnte die Stelle bislang nicht dauerhaft nachbesetzt werden. Gemeinde und Sanitätsbetrieb haben eine Übergangslösung eingerichtet.

Die Bürgermeisterin kann den südtirolweiten Ärztemangel nicht allein beheben. Die Zuständigkeit liegt wesentlich beim Sanitätsbetrieb und beim Land. Politisch bleibt das Problem dennoch bei ihr hängen, weil die Menschen ihre Gemeinde als erste Ansprechpartnerin wahrnehmen.

Schlanders ist nicht irgendeine Gemeinde, sondern der Hauptort des Vinschgaus und Standort eines Krankenhauses der Grundversorgung. Daraus entsteht ein besonderer Anspruch an die medizinische Erreichbarkeit.

Kaaserer muss deshalb zweigleisig arbeiten: kurzfristig für verlässliche Übergangsangebote sorgen und gleichzeitig gegenüber Land und Sanitätsbetrieb dauerhaft Druck für eine Nachbesetzung aufbauen. Bei der Gesundheitsversorgung zählt nicht nur die formale Zuständigkeit, sondern vor allem, ob die Bevölkerung tatsächlich einen Arzt erreicht.

Schulen zeigen, dass die Gemeinde umsetzen kann

Bei der energetischen Sanierung des italienischen Kindergartens, der italienischen Grund- und Mittelschule sowie der Musikschule hat die Gemeinde konkrete Ergebnisse geliefert. Die Arbeiten wurden rechtzeitig zum Schuljahr 2026/27 abgeschlossen und teilweise durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

Solche Projekte wirken politisch unspektakulärer als das Kasernenareal, sind für die Bilanz der Bürgermeisterin aber wichtig. Sie zeigen, dass Schlanders Fördermittel nutzen, öffentliche Gebäude modernisieren und komplexe Bauvorhaben termingerecht umsetzen kann.

Gerade diese Umsetzungskompetenz muss Kaaserer nun auf die schwierigeren Zukunftsfragen übertragen. Die Bevölkerung wird nicht nur bewerten, ob Pläne beschlossen werden, sondern ob aus ihnen sichtbare Verbesserungen entstehen.

Mobilität verbindet Hauptort und Fraktionen

Schlanders trägt als Verwaltungs-, Bildungs-, Gesundheits- und Einkaufszentrum Verantwortung weit über das eigentliche Gemeindegebiet hinaus. Gleichzeitig besteht die Gemeinde aus mehreren Fraktionen mit unterschiedlichen Bedürfnissen.

Die Elektrifizierung der Vinschger Bahn, Busverbindungen, Radwege, Parkplatzmanagement und die Erreichbarkeit des Zentrums gehören deshalb zusammen. Ein Verkehrskonzept darf weder ausschließlich auf das Auto noch ausschließlich auf den Hauptort ausgerichtet sein.

Für den Handel ist Erreichbarkeit wichtig. Für Jugendliche und ältere Menschen entscheidet der öffentliche Verkehr über Selbstständigkeit. Für die Fraktionen geht es um die Verbindung zu Schulen, Ämtern, Ärzten und Bahnhof. Für die Aufenthaltsqualität im Zentrum ist entscheidend, wie viel Durchgangs- und Parkverkehr dort tatsächlich notwendig ist.

Kaaserer hatte bereits vor der Wahl das Parkplatzmanagement in Zentrumsnähe als wichtiges Thema bezeichnet. Nun muss daraus ein Gesamtbild werden, das wirtschaftliche Erreichbarkeit und höhere Aufenthaltsqualität nicht gegeneinander ausspielt.

Die Opposition kann kaum blockieren – aber Widersprüche sichtbar machen

Mit zwei Mandaten ist die Süd-Tiroler Freiheit die stärkste Oppositionskraft. Die Bürgerliste und Zukunft Schlanders verfügen jeweils über einen Sitz. Gemeinsam bleiben sie weit von einer Mehrheit entfernt.

Die Opposition kann Projekte der SVP daher nicht aus eigener Kraft verhindern. Ihre politische Chance liegt in der Kontrolle: bei Kosten, Verfahren, Transparenz und der Frage, ob die Gemeindeführung ihre Entscheidungen ausreichend erklärt.

Der gescheiterte erste Ausschussvorschlag hat gezeigt, dass Kritik auch dann Wirkung entfalten kann, wenn sie nicht von einer zahlenmäßig starken Opposition ausgeht. Sobald sie Konflikte innerhalb der SVP berührt, verändert sich das Kräfteverhältnis.

Für Kaaserer bedeutet das: Die Opposition ist rechnerisch schwach, aber politische Fehler können ihr eine größere Bühne verschaffen.

Politischer Befund

Christine Kaaserer führt Schlanders mit einer der stärksten formalen Mehrheiten Südtirols. Die SVP kontrolliert 14 von 18 Sitzen, stellt den gesamten Gemeindeausschuss und kann ihre Vorhaben ohne Unterstützung der Opposition beschließen.

Die erste Ausschusswahl hat jedoch die Grenzen dieser Dominanz offengelegt. Die SVP ist keine einheitliche Gefolgschaft, sondern ein Bündnis aus Persönlichkeiten, Ortsteilen und Interessensgruppen. Vorzugsstimmen schaffen eigenes politisches Gewicht. Wer sie bei der Verteilung von Verantwortung ignoriert, riskiert Widerstand aus der eigenen Mehrheit.

Kaaserer hat diesen Fehler korrigiert und einen breiter legitimierten Ausschuss gebildet. Nun entscheidet sich ihre Amtszeit an der Sacharbeit: beim Kasernenareal, beim leistbaren Wohnen, bei der Zukunft des Ortszentrums, bei der medizinischen Versorgung und bei der Verbindung von Hauptort und Fraktionen.

Kaaserers stärkster Gegner ist nicht die Opposition. Es ist die Gefahr, dass aus 14 SVP-Mandaten 14 unterschiedliche Erwartungen werden. Gelingt es ihr, die innerparteiliche Vielfalt in eine gemeinsame Richtung zu übersetzen, besitzt sie die Macht, Schlanders langfristig zu prägen. Das Kasernenareal kann zum neuen Stadtbaustein werden, das preisgebundene Wohnen zum Modell und der europäische Einzelhandelspreis zum Entwicklungsprogramm. Bleibt die Politik dagegen bei einzelnen Projekten und internen Kompromissen stehen, wird die große Mehrheit kleiner wirken, als sie rechnerisch ist.

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