St. Veit an der Glan geht in die Gemeinderats- und Bürgermeisterwahl 2027 mit einer ungewöhnlich klaren Machtverteilung. Bürgermeister Martin Kulmer (SPÖ) verfügt über starken persönlichen Rückhalt aus der letzten Direktwahl, seine Partei über eine eigene Ratsmehrheit. Gleichzeitig steht die Stadt vor einem finanziellen Anpassungsdruck, der Entscheidungen über Wohnen, Infrastruktur und freiwillige Leistungen politisch empfindlicher macht. Im Herbst 2026 ist das keine Frage für einen fernen Wahltermin mehr: Was jetzt entschieden und umgesetzt wird, prägt die Bilanz, mit der das Rathaus nächstes Jahr vor die Wähler tritt.

Gemeinderatswahl 2021

ParteiStimmenSitze
SPÖ61,80 %20
ÖVP22,03 %7
FPÖ10,84 %3
Grüne5,33 %1

Die ÖVP trat als „St. Veiter Volkspartei – Team Rudi Egger“ an.

Bei der Bürgermeisterwahl gewann Martin Kulmer (SPÖ) mit 68,24 Prozent im ersten Wahlgang. Rudolf Egger (ÖVP) erreichte 20,95 Prozent, Herwig Kampl (FPÖ) 8,28 Prozent und Klaus Knafl (Grüne) 2,52 Prozent.

Beide Wahlen fanden am 28. Februar 2021 statt. Bürgermeisteramt und Gemeinderat werden 2027, also nächstes Jahr, neu gewählt.

Die Mehrheit steht – ihre politische Begründung wird neu geprüft

Für eine gewöhnliche Mehrheit im 31-köpfigen Gemeinderat sind 16 Stimmen erforderlich. Die SPÖ liegt mit 20 Sitzen deutlich darüber; sämtliche anderen Fraktionen zusammen verfügen über elf. Die aktuelle städtische Übersicht weist weiterhin diese Verteilung aus. Kulmer braucht daher keinen Koalitionspartner, um seinen Kurs im Rat zu tragen. Für Beschlüsse mit besonderen Mehrheitserfordernissen gelten andere Regeln.

Das erleichtert Entscheidungen und macht die Verantwortung eindeutig. Die SPÖ kann Erfolge dem eigenen Handeln zurechnen. Bei umstrittenen Prioritäten kann sie die Verantwortung aber auch schwer auf einen notwendigen Regierungspartner verteilen. Der Wettbewerb vor 2027 richtet sich deshalb auf die Qualität und die Folgen der Entscheidungen: Was wird erhalten, was neu begonnen, wo wird gespart und welchen Nutzen haben die Bürger davon?

Kulmers Ausgangsposition beruht auf mehr als dem Bürgermeisteramt. Seit 1997 gehört er dem Gemeinderat an; vor der Übernahme des Rathauses 2020 war er unter anderem Vizebürgermeister und für Wohnungen, Liegenschaften und Personal zuständig. Berufliche Führungserfahrung sammelte er bei FLEX und anschließend bei der Betreuungsgesellschaft BÜM. Das verbindet kommunale Verankerung mit einem praktischen Bezug zu Organisation, Betreuung und Wohnen.

Die SPÖ verfügt außerdem über eine sichtbare zweite Reihe. Silvia Radaelli (SPÖ) und Clemens Mitteregger (SPÖ) sind die beiden Vizebürgermeister. Radaelli tritt aktuell als Wohnungsreferentin bei den Neubauprojekten auf. Das Rathaus wird somit von einer breiteren Mannschaft getragen. Ob dieses Angebot 2027 dieselbe Zustimmung erzielt, ist eine andere Frage als die heutige Beschlussfähigkeit.

Der Sparkurs wird zur Bewährungsprobe vor der Wahl

Das Budget 2026 sieht ein negatives Nettoergebnis von rund 4,42 Millionen Euro vor. Kulmer muss deshalb Prioritäten setzen: Welche Investitionen bleiben möglich, welche Leistungen werden geschützt und wo muss die Stadt sparen?

Der Rechnungsabschluss 2025 fiel allerdings besser aus als geplant. Das gibt dem Bürgermeister ein Argument für seinen bisherigen Kurs. Eine dauerhaft entspannte Finanzlage ist damit noch nicht erreicht.

Vor der Wahl 2027 zählt, wie die Bevölkerung diesen Kurs erlebt. Bleiben Leistungen verlässlich und werden Projekte sichtbar umgesetzt, kann Kulmer trotz knapper Mittel Handlungsfähigkeit zeigen. Werden dagegen Belastungen spürbar oder Vorhaben verschoben, erhält die Opposition konkrete Angriffspunkte. Mit ihrer absoluten Mehrheit trägt die SPÖ dafür die politische Hauptverantwortung.

Wohnen liefert einen sichtbaren Fortschritt – erst nach der Wahl den vollen Nutzen

Gerade beim Wohnen lässt sich die Verbindung zwischen finanzieller Belastung und öffentlichem Nutzen nachvollziehen. In der Grillparzerstraße entstehen drei Häuser mit 40 Gemeindewohnungen. In der Prinzhoferstraße errichtet die gemeinnützige Baugenossenschaft „meine Heimat“ weitere 24 geförderte Mietwohnungen. Die aktuelle Berichterstattung vom 7. und 8. Oktober zeigt laufende Bauarbeiten. Für die insgesamt vier Häuser ist die Fertigstellung 2028 vorgesehen.

Dieser Zeitplan ist für die Wahl 2027 wesentlich. Kulmer und Radaelli können mit einem begonnenen und sichtbar fortschreitenden Vorhaben argumentieren. Die zusätzlichen Wohnungen stehen zur Wahl aber noch nicht als vollständig eingelöste Leistung zur Verfügung. Baufortschritt, Finanzierung und nachvollziehbare Vergabeperspektiven werden deshalb wichtiger als eine bloße Wiederholung der Gesamtzahl.

Für die SPÖ ist das Wohnen ein konkreter sozialpolitischer Schwerpunkt. Es übersetzt den Anspruch auf Leistbarkeit in ein örtliches Angebot. Für die Opposition entsteht daraus eine anspruchsvollere Aufgabe als pauschale Ausgabenkritik: Sie müsste erklären, welche Teile sie anders finanzieren, priorisieren oder organisieren würde. Wer Investitionen kritisiert, muss deren Nutzen und die Folgen eines Verzichts mitbewerten.

Auch die übrigen Vorhaben des Budgets 2026 betreffen den Alltag: Straßen und Wasserleitungen, die Altstadt, das Bad und kommunale Fahrzeuge. Der geplante Investitionsumfang von rund 9,7 Millionen Euro zeigt, dass die Stadt trotz Sparkurs weiter Projekte vorsieht. Er sagt jedoch noch nicht, welche Maßnahmen bis zur Wahl abgeschlossen sind. Für die politische Bilanz zählt die Umsetzung; für die nächste Funktionsperiode zählt zusätzlich, welche Folgekosten tragbar bleiben.

ÖVP und FPÖ greifen die Mehrheit aus verschiedenen Richtungen an

Die ÖVP ist mit sieben Mandaten die größte Gegenkraft im Gemeinderat. Philipp Subosits (ÖVP) und Walter Brunner (ÖVP) sind als Stadträte ausgewiesen. Damit besitzt die Volkspartei kommunale Erfahrung und institutionelle Sichtbarkeit. Ihr Ansatz muss nicht bei der Ablehnung des Sparkurses enden. Sie kann sich als Kraft positionieren, die andere Entwicklungsschwerpunkte setzt und deren wirtschaftlichen Nutzen erklärt.

Subosits machte das im September am Wiesenmarkt fest. Er verlangte eine Vermarktungsoffensive im Großraum Graz, um die bessere Erreichbarkeit durch die Koralmbahn für zusätzliche Gäste und Kaufkraft zu nutzen. Bahnangebote und Kombinationen mit Übernachtungen wurden als Möglichkeiten genannt. Damit entsteht ein wirtschaftspolitischer Gegenentwurf: Die Stadt soll ihre Einnahme- und Standortchancen aktiv erschließen. Ob daraus zusätzliche kommunale Einnahmen entstehen, hängt von Umsetzung und Nachfrage ab.

Die FPÖ verfügt über eine kleinere Ratsmannschaft, tritt aber öffentlich konfliktorientiert auf. Robert Eichwalder (FPÖ) wird in aktueller Berichterstattung als Stadtparteiobmann und Gemeinderat bezeichnet. Gemeinsam mit Herwig Kampl und Dietmar Seer (FPÖ) bildet er die auf der Stadtseite ausgewiesene Dreierfraktion. Im September kritisierte Eichwalder Einschränkungen der Teilnehmerzahlen beim Wiesenmarkt-Umzug; die Stadt verwies auf Organisation und Sicherheit.

Dieser Streit zeigt einen möglichen Zugang zu Vereinen und örtlicher Unzufriedenheit. Er belegt noch keine breite Mehrheit für einen Wechsel im Rathaus. Für die FPÖ wäre entscheidend, solche Konflikte mit einem tragfähigen kommunalen Angebot und einer ausreichend sichtbaren Mannschaft zu verbinden. Der bestehende Ratsstand und ihre bundespolitische Zustimmung liegen weit auseinander.

Das blaue Wählerpotenzial ist größer als die blaue Rathausmacht

Die Wahlkette macht diese Differenz deutlich:

WahlSPÖFPÖÖVP
GR 202161,80 %10,84 %22,03 %
LT 202345,35 %23,15 %15,26 %
EU 202436,37 %31,28 %16,19 %
NR 202430,1 %36,2 %18,1 %

GR: Gemeinderat · LT: Landtag · EU: Europawahl · NR: Nationalrat. Alle Werte beziehen sich auf die Stadt St. Veit an der Glan. Die Europawahlwerte entsprechen der städtischen Schnellauswertung.

Die Ergebnisse zeigen, wie stark sich kommunale und überregionale Zustimmung unterscheiden. Kulmers SPÖ verteidigt 2027 eine klare Gemeinderatsmehrheit in einem inzwischen deutlich günstigeren Umfeld für die FPÖ. Deren überregionales Potenzial ist vorhanden; wie viel davon bei der Gemeindewahl wirksam wird, hängt von Personal, Organisation und örtlichem Angebot ab.

Wahlbeteiligung, Kandidaten und Entscheidungsebene unterscheiden sich. Deshalb lässt sich aus der Abfolge keine einfache Prognose für 2027 errechnen. Sie zeigt aber, dass ein Teil der Bevölkerung bei überregionalen Wahlen bereits deutlich anders entscheidet als bei der letzten Gemeindewahl.

Die Grünen verfügen mit Charly Jerneischek (Grüne) über einen Gemeinderatssitz. Ihr politischer Einfluss entsteht unter diesen Mehrheitsverhältnissen vor allem durch Themen, Anträge und öffentliche Kontrolle. Stadtentwicklung, Energie und Mobilität bieten dafür Anschlussmöglichkeiten. Eine gemeinsame Führungsalternative aller Oppositionsfraktionen folgt aus ihren unterschiedlichen Profilen nicht.

Eine stabile Einwohnerzahl bleibt eine politische Aufgabe

St. Veit hatte am 1. Jänner 2026 nach Statistik Austria 12.178 Einwohner. 2021 waren es 12.211, 2011 noch 12.604. Zwischen 2011 und 2021 konnte eine positive Wanderungsbilanz von 271 Personen das Geburtendefizit von 664 nicht ausgleichen. Wohnen und Standortqualität sind deshalb auch Instrumente, um Bevölkerung zu halten und Zuzug zu ermöglichen.

Zur gesellschaftlichen Struktur gehört Zuwanderung: Die Volkszählung 2021 erfasste 1.646 Menschen mit nichtösterreichischer Staatsangehörigkeit, 13,5 Prozent der Bevölkerung. Die größte ausgewiesene Gruppe entfiel auf EU-Beitrittsstaaten ab 2004. Das ist ein datierter Strukturwert, keine aktuelle Migrationsquote und keine Erklärung für einzelne Wahlergebnisse. Politisch berührt er die alltäglichen Anforderungen an Wohnen, Betreuung und Zusammenleben.

Für die Stadtführung bedeutet das: Ein Sparkurs muss die Standortqualität mitdenken. Unterbleibende Erhaltung kann später höhere Kosten auslösen; zusätzliche Vorhaben können laufende Belastungen erzeugen. Vor der Wahl braucht jede größere Entscheidung deshalb eine verständliche Verbindung zwischen Kosten, Nutzen und zeitlicher Umsetzung. Genau dort können Opposition und Rathaus sachlich miteinander konkurrieren.

Politischer Befund

Kulmer geht mit persönlichem Rückhalt, einer erfahrenen SPÖ-Mannschaft und 20 von 31 Mandaten in die Wahl 2027. Die ÖVP ist die stärkste Gegenkraft im Gemeinderat. Die FPÖ verfügt über deutlich größeres überregionales Wählerpotenzial, muss daraus aber erst ein überzeugendes örtliches Angebot machen.

Entscheidend wird nächstes Jahr, ob Kulmer trotz knapper Finanzen verlässliche Leistungen und sichtbare Fortschritte vorweisen kann. Der bessere Abschluss 2025 stärkt seine Position; spürbare Belastungen oder verschobene Projekte eröffnen der Opposition Angriffspunkte. Die neuen Wohnungen werden erst 2028 fertig – zur Wahl zählt deshalb, wie glaubwürdig ihr Nutzen bereits erkennbar ist.