Als Alexander Radl am 14. September 2025 zum Bürgermeister gewählt wurde, war das Ergebnis eindeutig. 7.075 Stimmen und damit 77 Prozent entfielen auf den SPÖ-Kandidaten. Josef Steinkellner (ÖVP) erreichte 17,57 Prozent, Reinhard Stückler (Grüne) 5,43 Prozent. Eine Stichwahl war nicht notwendig.

Dieses Ergebnis war mehr als eine formale Nachfolgeentscheidung nach dem Tod von Bürgermeister Hannes Primus. Radl erhielt ein eigenes persönliches Mandat. Er trat nicht bloß als von der SPÖ bestimmter Nachfolger ins Amt, sondern wurde von einer deutlichen Mehrheit der teilnehmenden Wählerinnen und Wähler bestätigt.

Allerdings beteiligten sich nur 45,9 Prozent der Wahlberechtigten an der Nachwahl. Radls Sieg ist deshalb zugleich stark und begrenzt: Unter den abgegebenen Stimmen besitzt er eine überwältigende Mehrheit. Ein großer Teil der Bevölkerung blieb der Wahl aber fern. Für die politische Arbeit bedeutet das, dass Zustimmung nicht nur verwaltet, sondern durch sichtbare Ergebnisse verbreitert werden muss.

Die Mehrheit im Gemeinderat stammt noch aus der Ära Primus

Bei der Gemeinderatswahl 2021 erreichte die SPÖ 58,51 Prozent und gewann 22 der 35 Sitze. Gegenüber 2015 legte sie sogar um zwei Mandate zu. Die ÖVP kam auf sechs Sitze, die FPÖ auf fünf und die Grünen auf zwei.

Mit 22 Mandaten verfügt die SPÖ über eine komfortable absolute Mehrheit. Sie kann Budgets, Investitionen und strategische Vorhaben grundsätzlich aus eigener Kraft beschließen. Radl muss keine Koalition bilden und ist bei zentralen Entscheidungen nicht von wechselnden Partnern abhängig.

Diese Mehrheit wurde allerdings unter Hannes Primus errungen. Radl hat sie politisch geerbt. Sein eigenes Ergebnis aus der Bürgermeisterwahl zeigt zwar, dass er persönlich breite Zustimmung besitzt. Noch nicht beantwortet ist aber, ob er diese Zustimmung auch in ein eigenes politisches Profil und ein starkes SPÖ-Ergebnis bei der nächsten Gemeinderatswahl übersetzen kann.

Genau darin liegt der Unterschied zwischen Amtsübernahme und politischem Neustart. Ein Nachfolger kann zunächst von Vertrauen, Bekanntheit und Kontinuität profitieren. Dauerhaft wird er jedoch daran gemessen, welche Prioritäten er selbst setzt und welche Veränderungen mit seinem Namen verbunden werden.

Der finanzielle Spielraum ist fast aufgebraucht

Die größte Begrenzung für Radls Gestaltungsmöglichkeiten liegt im Haushalt. Bereits der Voranschlag 2025 war von erheblichen Abgängen geprägt. Das Land warnte die Stadt eindringlich vor der weiteren Entwicklung. Das damalige Budget wurde ausschließlich mit den Stimmen der 22 SPÖ-Mandatare beschlossen; ÖVP, FPÖ und Grüne stimmten dagegen.

Der erste Nachtragsvoranschlag 2026 weist Erträge von rund 86 Millionen Euro und Aufwendungen von mehr als 93 Millionen Euro aus. Das Nettoergebnis nach Haushaltsrücklagen liegt damit rund 7,4 Millionen Euro im Minus. Radl hatte bereits als geschäftsführender Bürgermeister auf Einsparungen und Mehrparteiengespräche verwiesen. Gleichzeitig machte er deutlich, dass die Finanzprobleme der Gemeinden nicht allein durch kommunale Sparmaßnahmen gelöst werden können.

Das ist sachlich nachvollziehbar. Steigende Umlagen, Inflation, Personalaufwand und wachsende Sozialausgaben belasten viele österreichische Gemeinden. Politisch reicht der Hinweis auf Bund und Land dennoch nicht aus. Die Wolfsberger Bevölkerung wird den Bürgermeister daran messen, ob er trotz dieser Rahmenbedingungen handlungsfähig bleibt.

Radl muss daher offenlegen, welche Leistungen unverzichtbar sind, welche Investitionen verschoben werden und an welchen Stellen strukturelle Veränderungen notwendig werden. Ein pauschales Sparprogramm wäre für eine Stadt mit 25.000 Einwohnerinnen und Einwohnern zu wenig. Es braucht eine politische Prioritätenliste.

Die zentrale Frage lautet: Wofür soll Wolfsberg auch in finanziell schwierigen Jahren Geld ausgeben? Bildung, Kinderbetreuung, Pflege, Straßen, öffentlicher Verkehr, Innenstadt und Wirtschaftsentwicklung konkurrieren um denselben begrenzten Spielraum. Wer nur überall ein wenig kürzt, spart zwar, entscheidet aber nicht.

Die Koralmbahn ist eine Chance – aber noch kein kommunaler Erfolg

Mit der vollständigen Inbetriebnahme der Koralmbahn im Dezember 2025 hat sich die Lage des Lavanttals grundlegend verändert. Graz und Klagenfurt sind näher zusammengerückt, der Bahnhof St. Paul wurde zu einem überregionalen Verkehrsknoten und Wolfsberg ist über die Lavanttalbahn an das neue Netz angebunden.

Für die regionale Wirtschaft entstehen größere Arbeitsmärkte, kürzere Wege und neue Möglichkeiten für Betriebsansiedlungen. Unternehmen können Fachkräfte aus einem größeren Einzugsgebiet erreichen. Beschäftigte erhalten zusätzliche Arbeitsmöglichkeiten, ohne ihren Wohnort zwangsläufig aufgeben zu müssen.

Doch die Koralmbahn wirkt nicht automatisch zugunsten Wolfsbergs. Die Fernzüge halten in St. Paul und nicht im Wolfsberger Zentrum. Entscheidend ist daher, wie zuverlässig, schnell und bequem die Verbindung zwischen Wolfsberg, den Ortsteilen und dem Bahnhof St. Paul funktioniert.

Wenn der Umstieg kompliziert ist, Park-and-ride-Angebote fehlen oder die Anschlüsse nicht zusammenpassen, bleibt ein Teil des wirtschaftlichen Nutzens außerhalb der Stadt. Funktioniert die regionale Mobilitätskette, kann Wolfsberg dagegen als Wohn-, Bildungs- und Wirtschaftsstandort erheblich gewinnen.

Radl braucht deshalb eine kommunale Koralmbahnstrategie. Dazu gehören abgestimmte Bahn- und Busverbindungen, das neue LAVmobil-Angebot, sichere Radverbindungen, Parkmöglichkeiten und eine klare Standortpolitik. Die Bahn darf nicht nur als Verkehrsprojekt behandelt werden. Sie verändert Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Ausbildung im gesamten Lavanttal.

Wolfsberg muss sich als Zentrum des Lavanttals positionieren

Wolfsberg ist Kärntens drittgrößte Stadt und Sitz der Bezirkshauptmannschaft. Seine Bedeutung reicht weit über das eigene Gemeindegebiet hinaus. Die Stadt ist Einkaufs-, Verwaltungs-, Bildungs-, Gesundheits- und Arbeitszentrum für das Lavanttal.

Diese Funktion ist politisch wichtiger als der Vergleich mit Klagenfurt oder Villach. Wolfsberg muss nicht versuchen, eine kleinere Landeshauptstadt zu sein. Die Stadt braucht ein eigenes Modell: regionales Zentrum eines industriell und landwirtschaftlich geprägten Tals, gut erreichbar, alltagstauglich und stark genug, zentrale Leistungen für die umliegenden Gemeinden zu sichern.

Die Koralmbahn erweitert diesen Anspruch. Wolfsberg liegt nicht mehr nur am Rand Kärntens, sondern zwischen zwei wirtschaftlich näher rückenden Zentralräumen. Daraus können Betriebsansiedlungen, zusätzliche Ausbildungsmöglichkeiten und neue Wohnraumnachfrage entstehen.

Diese Entwicklung hat aber auch eine Gegenseite. Gute Bahnverbindungen erleichtern nicht nur das Pendeln nach Wolfsberg, sondern ebenso das Auspendeln nach Graz oder Klagenfurt. Handel und Dienstleistungen können zusätzliche Kundschaft gewinnen – oder Kaufkraft verlieren. Der neue Verkehrsraum wird Gewinner und Verlierer hervorbringen.

Radls Aufgabe besteht darin, die kommunalen Vorteile aktiv zu organisieren: verfügbare Betriebsflächen, rasche Verfahren, Kinderbetreuung, Fachkräfteangebote, leistbares Wohnen und eine lebendige Innenstadt. Erst dann wird aus besserer Erreichbarkeit tatsächliche Wertschöpfung.

Die Innenstadt braucht mehr als einzelne Förderaktionen

Wolfsberg arbeitet seit Jahren an der Belebung seiner Innenstadt. Leerstandsmanagement, Pop-up-Geschäfte und die Aufwertung öffentlicher Räume haben Bewegung gebracht. Dennoch bleibt die Innenstadt unter Druck. Der Onlinehandel, Einkaufszentren, veränderte Konsumgewohnheiten und fehlende Betriebsnachfolgen treffen auch Wolfsberg.

Die Stadt darf Leerstand nicht nur als Immobilienproblem behandeln. Ein funktionierendes Zentrum braucht Wohnen, Handel, Gastronomie, Kultur, Verwaltung und soziale Angebote. Je mehr alltägliche Funktionen aus dem Zentrum verschwinden, desto schwieriger wird es, mit Veranstaltungen allein dauerhaft Frequenz zu erzeugen.

Gerade unter finanziellem Druck ist deshalb eine klare Nutzungspolitik wichtiger als eine lange Liste einzelner Projekte. Die Stadt sollte gemeinsam mit Eigentümern, Wirtschaft und sozialen Trägern festlegen, welche Bereiche des Zentrums welche Funktionen übernehmen sollen.

Neue Wohnungen können zusätzliche Bewohnerinnen und Bewohner bringen. Öffentliche Einrichtungen erzeugen tägliche Wege. Zwischennutzungen verhindern dauerhaft geschlossene Erdgeschoße. Veranstaltungen schaffen Aufmerksamkeit, ersetzen aber kein tragfähiges Nutzungskonzept.

Radl braucht für die Innenstadt ein sichtbares Zielbild. Nur dann kann die Bevölkerung erkennen, ob einzelne Maßnahmen Teile einer gemeinsamen Entwicklung sind oder bloß nebeneinanderstehen.

Bildung, Betreuung und Gesundheit entscheiden über den Standort

Für Familien und Fachkräfte wird die Qualität des Alltags zunehmend zum entscheidenden Standortfaktor. Arbeitsplätze allein reichen nicht, wenn Kinderbetreuung, Schulen, medizinische Versorgung, Pflege und Mobilität nicht funktionieren.

Wolfsberg besitzt hier eine grundsätzlich starke Ausgangslage. Die Stadt verfügt über ein breites Bildungsangebot und ein regional bedeutendes Krankenhaus. Im LKH Wolfsberg wurden rund 38 Millionen Euro in die dritte Baustufe investiert. Die 2025 eröffnete Zentrale Ambulante Erstversorgung stärkte den Standort zusätzlich.

Solche Einrichtungen sind nicht nur Teile der Daseinsvorsorge. Sie sichern qualifizierte Arbeitsplätze und bestimmen darüber, ob Menschen im Lavanttal bleiben oder in größere Städte abwandern. Dasselbe gilt für Kinderbetreuung und Schulen.

Die Stadt muss deshalb trotz knapper Finanzen jene Angebote schützen, die Wolfsbergs regionale Funktion sichern. Gleichzeitig wird nicht jede Leistung dauerhaft in der bisherigen Form finanzierbar sein. Kooperationen mit Nachbargemeinden werden wichtiger – etwa bei Mobilität, Pflege, Freizeitangeboten, Wirtschaftsentwicklung und technischen Dienstleistungen.

Radl kann dabei die Größe Wolfsbergs als Vorteil nutzen. Die Stadt besitzt mehr Verwaltungskraft und Infrastruktur als kleinere Gemeinden des Bezirks. Daraus entsteht aber auch Verantwortung: Wolfsberg muss Leistungen für die Region organisieren, ohne sämtliche Kosten allein zu tragen.

Stadt und Ortsteile dürfen politisch nicht auseinanderdriften

Wolfsberg ist keine kompakte Stadt, sondern eine große Flächengemeinde mit einem urbanen Zentrum und zahlreichen ländlich geprägten Ortsteilen. Die Erwartungen an die Politik unterscheiden sich entsprechend.

Im Zentrum geht es um Leerstände, Parken, Wohnen, Handel und öffentliche Räume. In den Ortsteilen stehen Straßen, Nahversorgung, Feuerwehren, Vereine, Breitband, öffentlicher Verkehr und die Erreichbarkeit kommunaler Leistungen stärker im Vordergrund.

Eine reine Innenstadtstrategie würde daher zu kurz greifen. Umgekehrt kann Wolfsberg seine regionale Attraktivität nicht steigern, wenn Investitionen ausschließlich nach dem Prinzip möglichst gleichmäßiger Verteilung vergeben werden.

Radl muss beides miteinander verbinden: ein starkes Zentrum und verlässliche Ortsteile. Politisch bedeutet das, Prioritäten zu erklären und zugleich vor Ort präsent zu bleiben. Gerade in einer Flächengemeinde entsteht Vertrauen nicht nur durch große Projekte, sondern durch Erreichbarkeit, regelmäßige Gespräche und die Lösung konkreter Alltagsprobleme.

Die Opposition ist schwächer als die finanziellen Probleme

Die ÖVP verfügt über sechs Mandate und stellt mit Josef Steinkellner den stärksten kommunalpolitischen Gegenkandidaten. Sein Ergebnis von 17,57 Prozent bei der Bürgermeisterwahl zeigt jedoch, wie groß der Abstand zu Radl derzeit ist.

Die Grünen besitzen zwei Sitze. Reinhard Stückler erreichte bei der Bürgermeisterwahl 5,43 Prozent. Ihre politische Chance liegt vor allem bei Bodenverbrauch, Mobilität, Stadtentwicklung und Lebensqualität – Themen, die durch die Koralmbahn zusätzliche Bedeutung erhalten.

Die FPÖ verfügt über fünf Mandate, stellte bei der Bürgermeister-Nachwahl aber keinen Kandidaten. Zudem schwächte sie sich 2025 durch einen offenen internen Konflikt und die Abwahl ihrer eigenen Stadträtin Isabella Theuermann. Michael Schüssler übernahm anschließend den Sitz im Stadtrat.

Damit besteht eine ungewöhnliche Situation: Die FPÖ kann von ihrer bundes- und landespolitischen Stärke profitieren, besitzt in Wolfsberg derzeit aber kein ähnlich klares personelles Angebot. Für Radl ist das beruhigend, solange die Stadtpolitik von Stabilität geprägt bleibt. Verschärfen sich Sparmaßnahmen, Leistungskürzungen oder Verteilungskonflikte, kann sich diese Lage rasch verändern.

Die SPÖ sollte die FPÖ deshalb weder unterschätzen noch zum Hauptgegner erklären. Entscheidend ist, ob Radl die finanzielle Konsolidierung nachvollziehbar gestaltet. Wo Entscheidungen erklärt, Alternativen offengelegt und Verantwortung klar zugeordnet werden, bleibt der Raum für pauschalen Protest begrenzt.

Politischer Befund

Alexander Radl besitzt eine außergewöhnlich starke Ausgangslage. Er gewann die Bürgermeisterwahl mit 77 Prozent, die SPÖ verfügt über 22 von 35 Mandaten und keine Oppositionspartei kann ihre Mehrheit gefährden.

Anders als zunächst erwartet, ist Radl nicht bloß der Verwalter von Primus’ Erbe. Das Ergebnis der Nachwahl gibt ihm ein eigenes persönliches Mandat. Seine politische Herausforderung liegt daher nicht in der Legitimation, sondern in der Nutzung dieses Vertrauens.

Bis zur nächsten regulären Gemeinderatswahl muss er drei Dinge sichtbar machen: eine glaubwürdige finanzielle Prioritätensetzung, eine kommunale Strategie für die Chancen der Koralmbahn und ein eigenes politisches Projekt, das Zentrum, Ortsteile und regionale Verantwortung miteinander verbindet.

Radl muss Wolfsberg nicht erst politisch erobern. Die Stadt hat ihm mit 77 Prozent bereits einen außergewöhnlichen Vertrauensvorschuss gegeben. Jetzt muss er zeigen, wofür er ihn einsetzt. Gelingt es ihm, trotz Sparzwang zentrale Leistungen zu sichern und aus der Koralmbahn eine konkrete Standortstrategie zu entwickeln, kann er die geerbte SPÖ-Mehrheit in eine eigene Ära überführen. Bleibt seine Politik dagegen bei Verwaltung, Einsparungen und einzelnen Projekten stehen, wird die nächste Wahl nicht über Primus’ Bilanz entscheiden, sondern darüber, ob Wolfsberg in Radl bereits einen Bürgermeister mit eigener Richtung erkennt.

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