Auf den ersten Blick ist die politische Ordnung in Feldkirch stabil. Manfred Rädler gewann 2025 die Bürgermeisterstichwahl deutlich, die ÖVP blieb stärkste Fraktion und verfügt gemeinsam mit der FPÖ über eine komfortable Mehrheit.
Hinter dieser Kontinuität steckt jedoch ein grundlegender Wandel. Die Feldkircher Volkspartei ist keine dominante Stadtpartei mehr, sondern die stärkste Kraft in einem aufgeteilten politischen System.
Bei der Gemeindevertretungswahl 2025 erreichte sie 35,7 Prozent und 13 der 36 Mandate. 2020 waren es noch 40,5 Prozent und 15 Sitze gewesen. Die FPÖ wuchs im selben Zeitraum von 18,2 auf 24,7 Prozent und von sechs auf neun Mandate. Die Grünen kamen auf 22,3 Prozent und acht Mandate, NEOS auf 10,4 Prozent und vier Sitze. Der SPÖ blieben 6,8 Prozent und zwei Mandate.
Noch 2010 erzielte die ÖVP in Feldkirch Werte von deutlich über 60 Prozent. Aus der schwarzen Hochburg ist innerhalb von fünfzehn Jahren ein politischer Wettbewerbsraum geworden.
Rädlers 60 Prozent sind keine 60 Prozent für die ÖVP
Manfred Rädler gewann die Stichwahl gegen Andrea Kerbleder mit 60,33 Prozent. Im ersten Wahlgang hatte er jedoch lediglich 36,8 Prozent erreicht. Sein Stichwahlergebnis entstand daher wahrscheinlich auch durch zahlreiche Stimmen aus dem grünen, pinken und roten Lager, die eine FPÖ-Bürgermeisterin verhindern wollten.
Rädler besitzt damit ein persönliches Bürgermeistermandat, das über die eigene Partei hinausreicht. Es ist aber kein Beleg dafür, dass die Volkspartei wieder zu alter Stärke zurückgefunden hätte.
Auch geografisch wird die neue Lage sichtbar. In der Innenstadt lag die ÖVP 2025 mit 34,4 Prozent nur knapp vor den Grünen mit 33,2 Prozent. In Altenstadt und Gisingen erreichte die FPÖ rund 30 Prozent. Bei der Bürgermeisterwahl lag Kerbleder in Gisingen sogar knapp vor Rädler.
Die ÖVP bleibt über das gesamte Stadtgebiet hinweg die breiteste Kraft. Sie wird aber von zwei Seiten bedrängt: von Grünen und NEOS in der urbanen, bildungsbürgerlichen Mitte und von der FPÖ in größeren Wohn- und Außenstadtteilen.
Ein Bürgermeisterwechsel ohne politischen Neustart
Rädler übernahm das Bürgermeisteramt 2024 von Wolfgang Matt. Er ist allerdings kein politischer Neueinsteiger, sondern gehört der Feldkircher Stadtvertretung seit Jahrzehnten an. Von 1996 bis 2005 war er Stadtrat und freiheitlicher Spitzenkandidat, ehe er nach der Spaltung der FPÖ zur ÖVP wechselte.
Diese Biografie erklärt mit, weshalb die Fortsetzung der schwarz-blauen Zusammenarbeit für ihn keinen politischen Kulturbruch darstellt. Feldkirch wird bereits seit 2020 von ÖVP und FPÖ gemeinsam geführt. Nach der Wahl 2025 entschied sich die Volkspartei erneut für die Freiheitlichen, obwohl sie zuvor auch mit den Grünen sondiert hatte.
Die Koalition verfügt über 22 der 36 Mandate und ist rechnerisch stabil. Strategisch hat sie für die ÖVP jedoch einen Preis: Die Zusammenarbeit hat die FPÖ nicht klein gehalten. Im Gegenteil – während die Volkspartei weiter verlor, gewann der Koalitionspartner deutlich hinzu.
Die FPÖ kann sich als regierungsfähig und umsetzungsstark präsentieren, ohne die gesamte Verantwortung für Stadtfinanzen, Verwaltung und Montforthaus tragen zu müssen. Diese bleibt beim Bürgermeister und damit letztlich bei der ÖVP.
Wer treibt Feldkirchs Politik tatsächlich voran?
Manfred Rädler: Führungszentrum und Krisenmanager
Rädler ist der zentrale politische Akteur. Seit Juli 2026 verantwortet er wieder selbst Finanzen und Vermögen. Damit liegen Haushaltskonsolidierung, langfristige Finanzplanung und das Programm „Zukunft Stadtverwaltung“ unmittelbar bei ihm.
Auch bei Stadttunnel, Innenstadt, Sicherheit und der umstrittenen Bodenaushubdeponie tritt er als erster Ansprechpartner auf. Seine Stärke liegt in Erfahrung, Präsenz und Vermittlung. Seine Schwäche besteht darin, dass inzwischen fast jedes schwierige Thema beim Bürgermeister landet.
Ob Rädler die ÖVP stabilisiert, entscheidet sich daher nicht an weiteren Ankündigungen, sondern an der finanziellen Sanierung und an einer erkennbaren Vorstellung davon, wie Feldkirch nach Fertigstellung des Stadttunnels aussehen soll.
Andrea Kerbleder und Thomas Spalt: Die blaue Umsetzungsachse
Vizebürgermeisterin Andrea Kerbleder verantwortet Hochbau, Tiefbau, Straßen, Kanal und Wasserbau. Damit begleitet sie fast alle sichtbaren kommunalen Bauprojekte – von Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen über die Montfortbrücke bis zur Innenstadtsanierung.
Thomas Spalt verfügt mit Stadtentwicklung, Raumplanung und Verkehrsplanung über ein mindestens ebenso folgenreiches Ressort. Baudichte, Nachverdichtung, Verkehrsführung, die Bärenkreuzung und die Begleitmaßnahmen zum Stadttunnel laufen politisch über seinen Tisch.
Damit liegt ein erheblicher Teil der sichtbaren und langfristigen Stadtgestaltung bei der FPÖ. Der Bürgermeister setzt den Rahmen, aber Kerbleder und Spalt prägen viele Bilder der konkreten Umsetzung.
Wolfgang Flach: Der Machtorganisator der ÖVP
Wolfgang Flach ist Stadtparteiobmann, war Verhandlungsführer bei der Bildung der schwarz-blauen Koalition und verantwortet Wirtschaft, Tourismus und Unternehmensansiedlung. Zudem steht er dem Aufsichtsrat des Montforthauses vor.
Flach ist damit ein wichtiger Verbindungsmann zwischen Partei, Rathaus, Wirtschaft und Montforthaus. Er wirkt stärker als Organisator und Machtmanager denn als öffentlich sichtbarer Zukunftspolitiker.
Dass das Finanzressort im Dezember 2025 von Rädler zu Flach und bereits im Juli 2026 wieder zurück zum Bürgermeister wanderte, zeigt, dass die Verantwortung für die Konsolidierung zunächst nicht dauerhaft geklärt war. Die neuerliche Bündelung bei Rädler ist folgerichtig, macht die Abhängigkeit der ÖVP vom Bürgermeister aber noch deutlicher.
Grüne und NEOS: Antreiber durch Kontrolle
Clemens Rauch und Natascha Soursos verfügen als grüne Stadträte über reale Gestaltungsmöglichkeiten in Umwelt, Abfall, Kultur und Integration. Gleichzeitig treten sie gemeinsam mit NEOS besonders deutlich als Kontrollkraft auf.
Fabienne Lackner verantwortet Jugend, Wohnen und Leerstandsmobilisierung. Gemeinsam mit Mathias Gehrer besetzt sie vor allem die Themen Finanzen, Verwaltungsreform und Transparenz.
Grüne und NEOS haben die Kritik am Montforthaus, an der schleppenden Budgetkonsolidierung und an der widersprüchlichen Kommunikation zur Bodenaushubdeponie wesentlich vorangetrieben. Sie verfügen zwar über keine Mehrheit, bestimmen aber häufig, worüber sich Bürgermeister und Koalition öffentlich rechtfertigen müssen.
Die SPÖ beteiligt sich an einzelnen gemeinsamen Anfragen, bleibt mit zwei Mandaten und ohne Sitz im Stadtrat derzeit aber politisch nachgeordnet.
Die zweite Reihe der ÖVP bleibt unscharf
Julia Berchtold bearbeitet mit Sozialem, Familie, Pflege, Gesundheit und gemeinnützigem Wohnen zentrale Zukunftsfragen. Bernhard Kiener verantwortet Energie, Stadtwerke und Hochwasserschutz. Andrea Zelzer übernahm im Juli 2026 Bildung, Kinderbetreuung und Sport von Nathalie Koch, die ihre politischen Funktionen zurücklegte.
Das sind bedeutende Ressorts. Öffentlich ist derzeit jedoch keine zweite ÖVP-Persönlichkeit erkennbar, die neben Rädler ein eigenes stadtweites Zukunftsprojekt verkörpert.
Die Volkspartei verfügt über viele Mandatare und eine breite organisatorische Verankerung. Politisch läuft aber sehr viel über Rädler und Flach. Das erschwert Erneuerung und Nachfolgeplanung.
Die Stadtfinanzen überlagern alles
Der Rechnungsabschluss 2025 weist Einnahmen von 121,7 Millionen Euro und Auszahlungen von 149,9 Millionen Euro aus. Der laufende Betrieb schloss mit einem Minus von 3,7 Millionen Euro. Für 2026 ist im Ergebnishaushalt ein Minus von 9,2 Millionen Euro vorgesehen, der Schuldenstand soll auf 120,4 Millionen Euro steigen.
Mit externer Unterstützung wurden rund 500 Einsparungs- und Verbesserungsvorschläge gesammelt, etwa 400 davon sollen vertieft geprüft werden. Sichtbar wurden bislang vor allem höhere Gebühren, eine ausgeweitete Parkraumbewirtschaftung und Einschränkungen bei einzelnen Verwaltungsleistungen.
Grüne und NEOS kritisieren, dass nach mehr als einem Jahr noch immer zu viele Prüfaufträge und zu wenige belastbare Entscheidungen vorliegen. Genau hier liegt Rädlers entscheidende Bewährungsprobe: Gelingt eine strukturelle Sanierung, kann er politische Führung zurückgewinnen. Bleibt es überwiegend bei Gebührensteigerungen und kleineren Kürzungen, trägt die ÖVP den Unmut, während ihre Partner Distanz halten können.
Montforthaus und Deponie belasten das Vertrauen
Das Montforthaus bleibt das Symbol für frühere Großzügigkeit und mangelnde Kontrolle. Nach einem Abgang von fast 3,3 Millionen Euro im Jahr 2025 kamen 2026 noch rund 450.000 Euro für die Sanierung des undichten Glasdachs hinzu. Seit April soll die neue Geschäftsführerin Stefanie Thurner das Haus stärker als Kongress- und Tagungsstandort positionieren.
Politisch sind Rädler, Flach und Kulturstadträtin Soursos gefordert. Die Opposition wird daran messen, ob tatsächlich ein tragfähiges Geschäftsmodell entsteht.
Auch die Bodenaushubdeponie im Tisner und Tostner Ried wurde zu einem Vertrauensproblem. Kurz vor der Wahl 2025 hatte Rädler das Projekt für beendet erklärt. Tatsächlich lief das Verfahren weiter und führte 2026 zu einem positiven Bescheid. Die Stadt legte schließlich Beschwerde ein.
Rädler kann geltend machen, dass die Stadt nicht Bewilligungsbehörde ist. Politisch bleibt dennoch der Eindruck, dass eine zu frühe Erfolgsmeldung später korrigiert werden musste.
Drei mögliche Entwicklungen
Im günstigsten Szenario stabilisiert Rädler die Finanzen, entwickelt gemeinsam mit den Ressortverantwortlichen ein erkennbares Konzept für die Stadt nach dem Tunnelbau und gibt der ÖVP damit wieder ein eigenes politisches Profil.
Im zweiten Szenario bleibt Schwarz-Blau verwaltungstechnisch stabil, während die FPÖ weiterhin sichtbare Projekte und Sicherheitsthemen besetzt. Die ÖVP trägt dann den Sparzwang, der Partner erhält einen größeren Anteil am politischen Erfolg.
Im dritten Szenario entwickeln sich Grüne und NEOS zu einer dauerhaften urbanen Reform- und Kontrollachse. Das würde die ÖVP gleichzeitig rechts an die FPÖ und in der Innenstadt an das grün-pinke Lager verlieren lassen.
Derzeit ist Feldkirch keine Stadt ohne Führung. Sie wird aber auch nicht mehr von einer einzigen Partei angetrieben. Rädler setzt den Rahmen, Kerbleder und Spalt verantworten einen großen Teil der sichtbaren Stadtentwicklung, Rauch, Soursos, Lackner und Gehrer treiben Kontrolle und Debatte voran. Wolfgang Flach hält Partei und wirtschaftspolitische Strukturen zusammen.
Die ÖVP bleibt das Scharnier dieses Systems. Der alleinige politische Motor ist sie nicht mehr.
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