Götzis hat kein Mehrheitsproblem. Die Volkspartei verfügt über 13, die Bürgerbewegung über sieben der insgesamt 33 Mandate. Gemeinsam besitzen die beiden stärksten Listen eine stabile Mehrheit. Bürgermeister Manfred Böhmwalder (ÖVP) und sein früherer Herausforderer Christoph Längle (Bürgerbewegung Götzis) verständigten sich nach der Gemeindewahl 2025 dennoch auf eine breiter angelegte Zusammenarbeit. Längle wurde Vizebürgermeister, nahezu alle Fraktionen erhielten Mitwirkungsmöglichkeiten. Besonders bemerkenswert ist, dass die ÖVP einen ihrer Sitze im achtköpfigen Gemeindevorstand an die SPÖ abgab. Reinhard Rüf wurde dadurch Teil der Gemeindeführung.

Die Einbindung ist keine Machtbeteiligung

Für die SPÖ ist der Vorstandssitz politisch wertvoll, aber er verändert die Mehrheitsverhältnisse nicht. ÖVP und Bürgerbewegung können die Richtung auch ohne die drei SPÖ-Mandate bestimmen. Rüf kann früher auf Informationen zugreifen, Entscheidungen mitvorbereiten und sozialdemokratische Anliegen einbringen. Er kann aber keine eigene Mehrheit organisieren und kein Vorhaben gegen die beiden führenden Listen durchsetzen.

Die Einbindung ist deshalb weniger eine Koalition als ein Angebot zur Mitwirkung. Ihr tatsächlicher Wert hängt davon ab, ob die SPÖ daraus erkennbare Ergebnisse entwickelt. Bleibt sie nur an Beschlüssen beteiligt, ohne eigene Prioritäten sichtbar zu machen, wird ihre Arbeit der gesamten Gemeindeführung und damit vor allem dem Bürgermeister zugerechnet.

Diese Gefahr ist in Götzis besonders groß. Die wichtigsten Entscheidungen der nächsten Jahre betreffen Projekte, die viel Geld binden und den Ort langfristig verändern. Für die Volksschule Markt werden rund 34 Millionen Euro veranschlagt. Der Voranschlag 2026 sieht Darlehensaufnahmen von rund 6,7 Millionen Euro vor; der Schuldenstand bewegt sich in Richtung 43 Millionen Euro. Gleichzeitig stehen Hochwasserschutz, Bahnhofsentwicklung, Altstoffsammelzentrum und weitere Investitionen auf der kommunalen Agenda.

Böhmwalder profitiert bereits

Böhmwalder kann die breite Einbindung als Beleg eines kooperativen Führungsstils präsentieren. Er hat seinen stärksten früheren Konkurrenten zum Vizebürgermeister gemacht und selbst einer kleinen Oppositionspartei einen Platz im Gemeindevorstand ermöglicht. Damit verringert er die Wahrscheinlichkeit, dass sich gegen die großen Projekte früh ein geschlossenes Gegenlager bildet.

Politisch ist das klug. Verantwortung wird auf mehrere Schultern verteilt, die zentrale Steuerung bleibt aber beim Bürgermeister und der von ÖVP und Bürgerbewegung getragenen Mehrheit. Wenn Projekte gelingen, kann Böhmwalder die gemeinsame Arbeit als Erfolg seiner Führung verbuchen. Wenn Kosten steigen oder Zeitpläne nicht halten, tragen jene Fraktionen, die früh eingebunden waren, einen Teil der Verantwortung mit.

Für die SPÖ entsteht damit ein schwieriges Gleichgewicht. Sie darf die Mitarbeit nicht verweigern, weil sie sonst auf drei Mandate und eine reine Beobachterrolle zurückfällt. Sie darf aber auch nicht so eng in der gemeinsamen Verantwortung aufgehen, dass niemand mehr erkennt, welche Entscheidungen ohne sie anders ausgefallen wären.

Rüfs Erfahrung löst die Zukunftsfrage nicht

Reinhard Rüf, Jahrgang 1953, ist seit vielen Jahren in der Götzner Gemeindepolitik aktiv. Seine Erfahrung kann im Gemeindevorstand wertvoll sein. Er kennt die Abläufe, die Akteure und die Geschichte zahlreicher Projekte. Gerade in einer finanziell angespannten Umsetzungsphase ist institutionelles Wissen kein Nachteil.

Doch genau diese Erfahrung macht die personelle Frage dringlich. Rüf ist 73 Jahre alt. Öffentlich ist derzeit keine Nachfolgerin und kein Nachfolger als künftige Führungsperson der SPÖ Götzis aufgebaut. Die Partei verfügt neben ihm nur über Karin Weber und Michelle Posch in der Gemeindevertretung.

Weber besitzt das stärkste institutionelle Profil. Als Vorsitzende des Wohnungsausschusses verantwortet sie ein Feld, das soziale Politik unmittelbar mit der Entwicklung des Ortes verbindet. Leistbares Wohnen, Vergabekriterien, Nachverdichtung und die Folgen steigender Grundstückspreise können der SPÖ ein eigenständiges Thema geben. Posch ist die längerfristige personelle Option. Bislang ist jedoch bei keiner der beiden Frauen öffentlich erkennbar, dass sie systematisch als politische Nachfolgerin Rüfs aufgebaut wird.

Der Vorstandssitz müsste zur Übergabestation werden

Nachhaltigen Nutzen bringt die Einbindung der SPÖ nur, wenn sie für einen geordneten Übergang genutzt wird. Rüf müsste Informationen, Erfahrung und politische Autorität schrittweise an die nächste Generation weitergeben. Weber braucht über den Wohnungsausschuss hinaus Sichtbarkeit bei der sozialen Entwicklung von Götzis. Posch braucht ein eigenes Feld, an dem ihre politische Arbeit erkennbar und überprüfbar wird.

Das verlangt eine bewusste Arbeitsteilung. Rüf vertritt die SPÖ im Gemeindevorstand und sichert den Zugang zu den zentralen Entscheidungen. Weber übersetzt die großen Investitionen in Fragen des Wohnens und der sozialen Infrastruktur. Posch übernimmt ein Zukunftsthema, das nicht nur intern bearbeitet, sondern auch öffentlich mit ihr verbunden wird. So könnte aus einem einzelnen Vorstandssitz eine personelle Brücke entstehen.

Ohne diese Übergabe bleibt die Struktur fragil. Scheidet Rüf später aus, verliert die SPÖ nicht nur einen erfahrenen Vertreter, sondern möglicherweise auch den wichtigsten Zugang zur informellen Abstimmung in der Gemeindeführung. Dann hätte die Partei zwar mehrere Jahre mitgearbeitet, aber keine neue Führung aufgebaut.

Mitarbeit darf nicht zur Unsichtbarkeit führen

Die landes- und bundespolitische Lage erleichtert der SPÖ diese Aufgabe nicht. Bei der Vorarlberger Landtagswahl 2024 blieb sie einstellig, während die FPÖ stark zulegte und die ÖVP trotz Verlusten klar stärkste Kraft blieb. Auch bundespolitisch steht die SPÖ unter Druck. Solche Tendenzen entscheiden keine Götzner Gemeindepolitik, sie beeinflussen aber Aufmerksamkeit, Mobilisierung und die Erwartungen an kleinere Ortsorganisationen.

Gerade deshalb muss die SPÖ ihren kommunalen Nutzen konkret zeigen. Sie sollte nicht jede Entscheidung der Gemeindeführung nachträglich als gemeinsamen Erfolg reklamieren. Sie muss vor wichtigen Beschlüssen benennen, welche Bedingungen sie stellt, und danach erklären, was durch ihre Beteiligung erreicht wurde.

Beim Schulbau kann das die Leistbarkeit der Nachmittagsbetreuung, die Nutzung durch Vereine oder die sichere Erreichbarkeit betreffen. Beim Bahnhof geht es um Barrierefreiheit, Umstiege und die Verbindung der Ortsteile. Beim Wohnen muss Weber zeigen, welche Entscheidungen Mieterinnen, jungen Familien und Menschen mit mittleren Einkommen tatsächlich helfen. Entscheidend ist nicht die Zahl der Wortmeldungen, sondern ein sichtbarer Unterschied im Ergebnis.

Befund

Böhmwalder hat mit der breiten Einbindung ein politisch stabiles Modell geschaffen. Die ÖVP führt, die Bürgerbewegung sichert die Mehrheit und die SPÖ darf an zentralen Entscheidungen mitarbeiten. Für den Bürgermeister ist das bereits ein Erfolg: Er verbindet Steuerungsfähigkeit mit dem Bild einer offenen Gemeindeführung.

Für die SPÖ ist die Bilanz noch offen. Der Vorstandssitz verschafft ihr Zugang, aber keine Richtungsentscheidung. Rüfs Erfahrung stärkt ihre unmittelbare Arbeitsfähigkeit, löst jedoch das personelle Problem nicht. Solange Weber und Posch nicht mit eigenständigen Aufgaben und sichtbaren Ergebnissen aufgebaut werden, bleibt die Partei von einem 73-jährigen Schlüsselakteur abhängig.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob die SPÖ in Götzis eingebunden ist. Sie lautet, ob sie diese Einbindung nutzt, um nach Rüf politisch handlungsfähig und erkennbar zu bleiben. Gelingt die Übergabe, kann der Platz im Gemeindevorstand zur Grundlage einer Erneuerung werden. Gelingt sie nicht, stärkt die Mitarbeit vor allem Böhmwalder – und die SPÖ sitzt zwar mit am Tisch, ohne ihre eigene Zukunft vorbereitet zu haben.

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