Eine starke persönliche Stellung

Robert Scherer führt Meersburg seit 2017. Der in der Stadt geborene Bauingenieur setzte sich damals mit 70,2 Prozent durch. Bei der Bürgermeisterwahl am 19. Januar 2025 erhielt er 87,65 Prozent der gültigen Stimmen. Seine zweite Amtszeit reicht bis 2033.

Scherer ist parteilos, gehört im Kreistag aber zur Freie-Wähler-Fraktion. Diese Verbindung ist für seine politische Einordnung relevant: Er steht für ein kommunales Netzwerk über Meersburg hinaus. Seine persönliche Zustimmung darf dennoch nicht als Stimmenanteil der örtlichen Freien Wähler gelesen werden.

Die Wiederwahl war eindeutig; die Beteiligung lag allerdings bei 39,75 Prozent. Scherer besitzt damit ein starkes Mandat der abgegebenen Stimmen. Ob dieses Vertrauen auch große Veränderungen am Seeufer trägt, muss sich jeweils am konkreten Vorhaben zeigen.

Sieben Kräfte, keine beherrschende Mehrheit

Die Gemeinderatswahl vom 9. Juni 2024 brachte 19 gewählte Mandate, darunter einen Ausgleichssitz der SPD. Hinzu kommt der Bürgermeister. Die CDU bleibt mit fünf Sitzen die größte Fraktion. Die Freie Wählervereinigung Meersburg (FWV) hat vier, die Unabhängige Meersburger Bürgerliste (UMBO) und die SPD jeweils drei Mandate. Bündnis 90/Die Grünen hält zwei Sitze, Umweltgruppe und FDP jeweils einen.

Partei / Liste2019: Anteil / Sitze2024: Anteil / SitzeVeränderung
CDU28,7 % / 526,0 % / 5−2,7 Pp. / ±0
FWV15,8 % / 319,5 % / 4+3,7 Pp. / +1
UMBO14,5 % / 317,3 % / 3+2,8 Pp. / ±0
SPD11,5 % / 214,2 % / 3+2,7 Pp. / +1
Grüne14,1 % / 210,9 % / 2−3,2 Pp. / ±0
Umweltgruppe10,0 % / 28,3 % / 1−1,7 Pp. / −1
FDP5,4 % / 13,8 % / 1−1,6 Pp. / ±0

CDU und FWV kommen zusammen auf neun der 19 gewählten Sitze. Auch mit Scherers Stimme wäre daraus bei vollständiger Besetzung keine Mehrheit gegen die übrigen zehn Stimmen gegeben. Für tragfähige Beschlüsse braucht es weitere Partner. Eine feste Koalition lässt sich aus dieser Sitzverteilung nicht ableiten.

Die SPD gehört zu den Gewinnern der Kommunalwahl. Unter ihrem Fraktionsvorsitzenden, dem Rechtsanwalt Boris Mattes (SPD), verfügt sie über drei Mandate. Ihr örtliches Gewicht liegt damit deutlich über dem, was ihr jüngstes Landtagswahlergebnis vermuten ließe. Für sie bietet sich ein konkretes Profil bei bezahlbarem Wohnen und der Finanzierung öffentlicher Angebote an.

Das Hämmerle-Areal bündelt den Konflikt

Zwischen Therme, Stadteingang und Ufer soll ein Hotel mit rund 100 Zimmern entstehen. Zum vorgesehenen Gesamtkonzept gehören außerdem ungefähr 30 Wohnungen. Die Stadt begründet diese Ergänzung mit der wirtschaftlichen Tragfähigkeit des Hotelprojekts. Bezahlbarer Wohnraum soll als Ausgleich an anderer Stelle im Stadtgebiet geschaffen werden.

Nach der städtischen Bürgerinformation sollen die Investoren auch Altlasten entsorgen sowie eine öffentliche WC-Anlage und einen Kiosk errichten. Die Liegewiese soll frei zugänglich bleiben. Ihre Uferrevitalisierung ist ein eigenständiges Vorhaben; sie ist keine vorgesehene Hotelbaufläche.

Die Bürgerinitiative stellt vor allem die zusätzliche Wohnbebauung in dieser exponierten Lage infrage. Mitte Juli wurden 763 Unterschriften übergeben. Das ist ein sichtbarer Ausdruck organisierter Gegenwehr, aber kein Nachweis einer Mehrheit in der gesamten Stadt.

Am 15. September erklärte der Gemeinderat das Bürgerbegehren für unzulässig. Nach der veröffentlichten Begründung fehlte der notwendige Kostendeckungsvorschlag. Zugleich ließ der Rat alternative Vorgehensweisen prüfen, parallel zu den Verhandlungen mit der vorgesehenen Investorengruppe. Der Konflikt ist damit politisch weiter offen.

Der Haushaltsdruck erhöht das Gewicht des Bauprojekts

Für 2026 stehen ordentlichen Erträgen von 26,24 Millionen Euro ordentliche Aufwendungen von 28,27 Millionen Euro gegenüber. Das geplante ordentliche Defizit beträgt rund 2,03 Millionen Euro. Auch im laufenden Zahlungsverkehr sieht der Haushalt einen Fehlbetrag vor: Die Auszahlungen übersteigen die Einzahlungen um etwa 1,24 Millionen Euro.

Beim Hämmerle-Areal verweist die Verwaltung auf mögliche Verkaufseinnahmen und wiederkehrende Einnahmen aus dem Hotelbetrieb. Ihre Septembervorlage nennt einen rechnerischen Bodenrichtwertbezug von rund 8,51 Millionen Euro. Sie warnt ausdrücklich davor, diesen Betrag mit dem endgültigen Verkaufspreis oder dem Nettoerlös gleichzusetzen. Stellplatzkosten und weitere Vertragsbestandteile waren noch nicht abschließend verhandelt.

Die erhofften Einnahmen sind damit noch nicht gesichert. Ein Grundstücksverkauf könnte einmalig Mittel für Investitionen bereitstellen. Zusätzliche Einnahmen aus dem späteren Hotelbetrieb würden dagegen von dessen tatsächlicher Entwicklung abhängen.

Die politische Prüfung muss deshalb über eine große Verkaufssumme hinausgehen: Welche Einnahmen bleiben der Stadt tatsächlich? Welche Verpflichtungen entstehen dauerhaft? Und wann wird der zugesagte bezahlbare Wohnraum verfügbar? Diese Fragen verbinden Haushaltsverantwortung mit den Interessen der Einwohner.

Der Alltag entscheidet über die Stadtentwicklung

Die Aufgaben reichen über das Seeufer hinaus. Die im September vorgelegte Maßnahmenliste zu „Meersburg 2040“ umfasst unter anderem eine Wohnraumstrategie, die Umsetzung der Ferienwohnungssatzung, Verkehrs- und Parkierungsplanung, sichere und barrierefreie Fußwege sowie die Weiterentwicklung von Bildungs- und Betreuungsangeboten. Die Nutzung von Seewärme gehört ebenfalls dazu.

Diese Liste beschreibt Vorhaben und Prüfaufträge; sie ist kein Nachweis bereits finanzierter Umsetzung. Für die politische Bewertung zählt daher die Reihenfolge: Welche Maßnahmen werden verbindlich begonnen, welche finanziert und welche bleiben längerfristige Ziele?

Beim Wohnen muss sich zeigen, ob die Entwicklung auch Menschen erreicht, die dauerhaft in Meersburg leben und arbeiten wollen. Beim Verkehr treffen Gäste, Einwohner, Fährverkehr und die engen Wege der Altstadt aufeinander. Sichtbare Verbesserungen in diesen Bereichen können Vertrauen schaffen, das für größere Entscheidungen gebraucht wird.

Überregionale Stimmen folgen anderen Mustern

Bei der Europawahl 2024 erreichte die CDU in Meersburg 34,9 Prozent, die Grünen 15,2, die SPD 12,4 und die AfD 9,8 Prozent. Bei der Bundestagswahl 2025 lag die CDU erneut vorne. Der Vergleich mit 2021 zeigt zugleich die Verschiebungen:

Bundestagswahl: Zweitstimmen20212025Veränderung
CDU29,1 %36,0 %+6,9 Pp.
Grüne19,4 %17,1 %−2,3 Pp.
SPD20,2 %13,7 %−6,5 Pp.
AfD6,5 %13,8 %+7,3 Pp.
FDP15,3 %7,7 %−7,6 Pp.
Linke2,9 %5,0 %+2,1 Pp.

Bei der Landtagswahl am 8. März 2026 führten hingegen die Grünen mit 34,4 Prozent der Zweitstimmen vor der CDU mit 32,0 Prozent. Die AfD erreichte 13,4 Prozent, die FDP 6,4 und die SPD 4,4 Prozent. Die kommunale SPD ist damit erkennbar stärker als das jüngste Landesergebnis ihrer Partei.

Die AfD verfügt über Wählerpotenzial, hat aber kein Mandat im Meersburger Gemeinderat. Organisatorisch wird die Stadt von ihrem Ortsverband Markdorf erfasst. Daraus lässt sich weder eine eigene Meersburger Liste noch eine kommunale Kandidatur ableiten. Bis zur regulär nächsten Gemeinderatswahl 2029 wird entscheidend, welche Kräfte ihre überregionalen Stimmen in ein glaubwürdiges örtliches Angebot übersetzen können.

Politischer Befund

Scherer verfügt über eine starke persönliche Stellung, muss im vielfältigen Gemeinderat aber Mehrheiten für konkrete Entscheidungen gewinnen. Am Hämmerle-Areal treffen Haushaltsdruck, touristische Entwicklung und die Sorge um das Ortsbild unmittelbar aufeinander. Der Umgang mit diesem Konflikt wird seine zweite Amtszeit wesentlich prägen.

Meersburg braucht nachvollziehbare Entscheidungen darüber, was wirtschaftliche Entwicklung den Einwohnern bringt. Verbindliche Zusagen zu öffentlichem Uferzugang, bezahlbarem Wohnen und finanziellen Verpflichtungen können Zustimmung schaffen. Wer diese Zusagen im Alltag einlöst, gewinnt politischen Rückhalt; wer nur auf Wahlzahlen oder formale Beschlüsse verweist, lässt Raum für neue Gegenkräfte.

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