Für Thomas Fußenegger und die Hohenemser Volkspartei entsteht daraus ein Dilemma: Unterstützen sie erfolgreiche Projekte, stärkt das in erster Linie Eggers Bilanz. Treten sie gegen diese Projekte auf, wirken sie angesichts der sichtbaren Entwicklung der Stadt schnell destruktiv. Übernehmen sie Ressortverantwortung, tragen sie das Risiko von Problemen, während Erfolge weiterhin dem Bürgermeister zugerechnet werden können.

Die zentrale Frage lautet daher nicht nur, ob die ÖVP gute Politik macht. Sie lautet, ob sie neben einem dominanten Bürgermeister überhaupt noch als eigenständige politische Kraft wahrgenommen werden kann.

Egger dominiert Partei und Bürgermeisterwahl

Bei der Gemeindevertretungswahl 2025 erreichte die Liste von Bürgermeister Dieter Egger 48,3 Prozent und 18 der 36 Mandate. Gemeinsam mit der entscheidenden Stimme des Bürgermeisters kann sie bei einem Patt praktisch allein entscheiden. Die übrigen 18 Mandate verteilen sich auf sechs Fraktionen.

KraftStimmenanteilMandate
FPÖ und Parteifreie48,3 %18
Grüne und Parteifreie16,8 %6
ÖVP und Parteifreie13,3 %5
Ems isch üsr12,1 %4
NEOS3,6 %1
Emser Liste3,1 %1
SPÖ und Parteifreie2,8 %1

Noch deutlicher ist Eggers persönliche Dominanz. Bei der Bürgermeisterwahl erhielt er 63,5 Prozent. Thomas Fußenegger kam als ÖVP-Kandidat auf 9,1 Prozent und blieb damit 4,2 Prozentpunkte hinter seiner eigenen Liste. Bernhard Amann von „Ems isch üsr“ erreichte 16,7 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei lediglich 50,1 Prozent.

Egger liegt damit mehr als 15 Prozentpunkte über dem Ergebnis seiner Liste. Fußenegger lag unter dem Ergebnis der ÖVP. Darin zeigt sich der entscheidende Unterschied: Egger erweitert das Potenzial seiner Partei, während Fußenegger bei der Wahl 2025 noch nicht das gesamte Potenzial der Volkspartei ausschöpfen konnte.

Egger besetzt die politische Mitte

Eggers Stärke beruht nicht ausschließlich auf einer traditionellen freiheitlichen Wählerschaft. Er tritt kommunal als handlungsfähiger Bürgermeister auf, der Projekte vorantreibt, Entscheidungen trifft und die Stadt nach außen vertritt.

Die Entwicklung der Innenstadt liefert ihm dafür eine außergewöhnlich starke Kulisse. Aus einem lange von Leerstand und Verfall geprägten Zentrum entstand schrittweise ein mehrfach ausgezeichnetes Stadtentwicklungsprojekt. Rund 40 historische Gebäude wurden saniert. Nach Angaben der Stadt siedelten sich etwa 50 neue Gewerbebetriebe an, 165 Arbeitsplätze wurden geschaffen. Das Rathausquartier erweitert diese Entwicklung um Verwaltung, Wohnen, Handel und öffentlichen Raum.

Damit besetzt Egger Stadt- und Wirtschaftsentwicklung, Investitionen, Infrastruktur, Standortattraktivität und pragmatische Führung. Die ÖVP kann deshalb nicht einfach auf ihr traditionelles Profil zurückgreifen. Dieses politische Gelände ist bereits besetzt – von einem FPÖ-Bürgermeister, der in der kommunalen Wahrnehmung weit über die Grenzen seiner Partei hinausreicht.

Die ÖVP hat mehr als ein Kandidatenproblem

Die Hohenemser Volkspartei erreichte 2015 noch 31,6 Prozent. 2020 fiel sie auf 20,1 Prozent, 2025 auf 13,3 Prozent. Innerhalb eines Jahrzehnts wurde aus der früheren Bürgermeisterpartei die drittstärkste Kraft.

Diese Entwicklung kann nicht allein Fußenegger zugerechnet werden. Er übernahm eine Partei, die bereits zuvor erheblich an politischer Bedeutung verloren hatte. Das strukturelle Problem liegt tiefer: Eggers Liste besetzt Führung, Wirtschaft und Umsetzung. Die Grünen sind bei Umwelt und Klimaschutz profiliert. „Ems isch üsr“ verfügt über ein eigenständiges lokales und soziales Profil. NEOS können Transparenz und Kontrolle ansprechen.

Die ÖVP besitzt damit keinen Themenbereich mehr automatisch. Sie muss ihre kommunale Bedeutung aus ihrer aktuellen Arbeit neu aufbauen.

Fußenegger trägt ein Schlüsselressort

Thomas Fußenegger sitzt im Stadtrat und verantwortet Raum- und Stadtplanung, Verkehrsplanung, öffentlichen Verkehr, Abfall und Grünmüllverwertung. Seine Zuständigkeiten betreffen unmittelbar die weitere bauliche Entwicklung, Wohnbau und Nachverdichtung, Verkehrsbelastung, Fuß- und Radwege, öffentlichen Verkehr sowie Grün- und Freiräume.

Das bietet ihm die Möglichkeit, über mehrere Jahre fachliche und politische Kompetenz aufzubauen. Gleichzeitig ist gerade dieses Ressort besonders konfliktanfällig. Neue Wohnungen können Anrainerproteste auslösen. Verdichtung kann als Verlust von Grünraum wahrgenommen werden. Verkehrsberuhigung erzeugt Widerstand. Verbesserungen im öffentlichen Verkehr sind von Finanzierung und regionaler Kooperation abhängig.

Fußenegger muss daher Entscheidungen vertreten, deren Nutzen häufig erst später sichtbar wird, deren Belastungen aber sofort wahrgenommen werden.

Die asymmetrische Verantwortung

Für die ÖVP entsteht eine ungünstige politische Verteilung von Erfolg und Verantwortung:

EntwicklungWahrscheinliche öffentliche Zurechnung
Ein großes Projekt gelingtBürgermeister und Stadtführung
Ein Verkehrsprojekt verzögert sichZuständiger ÖVP-Stadtrat
Eine neue Planung wird präsentiertBürgermeister und Verwaltung
Anrainer protestieren gegen VerdichtungRaumplanungsstadtrat
Die Innenstadt entwickelt sich positivEgger und Stadtmarketing
Eine Verbindung funktioniert nichtFußeneggers Ressort

Diese ungleiche Zurechnung entsteht bereits aus dem Amt. Der Bürgermeister eröffnet, repräsentiert, kommuniziert und steht bei großen Projekten im Mittelpunkt. Für Fußenegger besteht deshalb die Gefahr, viel Verantwortung zu tragen, ohne im selben Maß politische Autorität aufzubauen.

Zustimmung kann die ÖVP zusätzlich unsichtbar machen

Das Budget 2026 wurde mit 30 zu sechs Stimmen beschlossen. Die ÖVP stimmte zu. Der Voranschlag sieht einen operativen Überschuss von rund zwei Millionen Euro, ein Nettoergebnis vor Rücklagenbewegungen von minus 1,6 Millionen Euro und einen Rückgang der Pro-Kopf-Verschuldung von 2.048 auf 1.944 Euro vor. Das Investitionsvolumen beträgt 4,35 Millionen Euro.

Die Zustimmung war sachpolitisch begründbar. Politisch verstärkt sie aber das Problem: Die ÖVP trägt den Konsolidierungskurs mit, während die öffentliche Kommunikation von Stadt und Bürgermeister bestimmt wird. Sie kann nicht glaubwürdig behaupten, Eggers gesamte Finanzpolitik sei falsch. Sie muss genauer sichtbar machen, welche Entscheidungen sie mitträgt, wo sie Risiken erkennt und welche Prioritäten sie anders setzen würde.

Bereits beim Budget 2025 warnte die ÖVP davor, laufende Ausgaben und Infrastruktur zunehmend durch Grundstücksverkäufe zu finanzieren. Diese Kritik ist substanziell, wenn daraus eine langfristige Haltung zum Umgang mit städtischem Eigentum, Investitionen und Folgekosten entsteht.

Gute Politik allein reicht nicht

Die ÖVP darf aus dieser Lage nicht den falschen Schluss ziehen, sachliche Zusammenarbeit durch permanente Konfrontation ersetzen zu müssen. Wer angesichts der sichtbaren Entwicklung von Hohenems alles schlechtredet, verliert seine Glaubwürdigkeit.

Ebenso wenig genügt es aber, gute Arbeit zu leisten und darauf zu vertrauen, dass die Bevölkerung die Urheberschaft von selbst erkennt. Kommunalpolitik wird selten im Detail verfolgt. Was in Ausschüssen und Verhandlungen als eigenständige ÖVP-Leistung entsteht, kann in der öffentlichen Wahrnehmung Teil der allgemeinen Bürgermeisterbilanz werden.

Die Volkspartei benötigt deshalb ein politisches Gedächtnis ihrer eigenen Arbeit. Sie muss laufend belegen können, welche Probleme sie aufgegriffen, welche Lösungen sie eingebracht und welche Veränderungen sie erreicht hat. Das ist noch keine Positionierung. Es ist die Voraussetzung dafür, dass überhaupt eine entstehen kann.

Die besondere Schwierigkeit nach einer erfolgreichen Stadtentwicklung

Oppositionsparteien haben es leichter, wenn eine Stadt sichtbar schlecht geführt wird. In Hohenems ist die Lage komplizierter. Die Innenstadtentwicklung wird überregional positiv wahrgenommen, das Rathausquartier ist fertiggestellt, die Stadt hat stark in Bildung und Infrastruktur investiert, und Egger verfügt über eine außergewöhnlich hohe persönliche Zustimmung.

Die ÖVP muss deshalb zwei Aussagen gleichzeitig glaubwürdig vertreten: In Hohenems wurde vieles richtig gemacht. Für die nächste Entwicklungsphase braucht die Stadt dennoch politische Vielfalt, Kontrolle und zusätzliche Ideen.

Dieser Balanceakt ist anspruchsvoll. Zu viel Zustimmung macht die Partei unsichtbar. Zu viel Kritik lässt sie missgünstig erscheinen.

Auch Eggers Dominanz schafft noch keine Alternative

Anfang 2026 entzog Bürgermeister Egger der grünen Stadträtin Maria Benzer ihre Ressorts. Raum- und Verkehrsplanung gingen an Fußenegger. Die ÖVP profitierte organisatorisch von einer Entscheidung, die zugleich Fragen über Führungsstil und Machtverteilung aufwarf. Sie kann die übertragenen Aufgaben sachlich wahrnehmen, ohne jede Entscheidung des Bürgermeisters politisch legitimieren zu müssen.

Auch bei der Neuwahl des Vizebürgermeisters im Juli 2026 zeigte sich Eggers Stärke. Obwohl den 18 Mandaten seiner Liste rechnerisch 18 Mandate der übrigen Fraktionen gegenüberstehen, wurde Simon Aberer bereits im ersten Wahlgang gewählt.

Eine rechnerische Gegenhälfte ist damit noch keine politische Alternative. Die sechs anderen Fraktionen verfolgen unterschiedliche Ziele und bilden kein gemeinsames Lager. Für die ÖVP wäre es falsch, ihre Zukunft auf ein geschlossenes Anti-Egger-Bündnis zu bauen. Sie muss eigenständig stärker werden.

Was innerhalb der ÖVP geklärt werden muss

Fußenegger blieb bei der Bürgermeisterwahl hinter dem Ergebnis seiner Liste. Die Partei muss deshalb nüchtern aufarbeiten, ob seine Bekanntheit zu gering war, ob er zu spät aufgebaut wurde, wie die damalige Doppelspitze verstanden wurde und wohin frühere ÖVP-Wähler wechselten.

Gleichzeitig darf sie nicht erneut erst kurz vor einer Wahl eine Person als Herausforderer präsentieren. Fußenegger kann nur dann als mögliche Führungspersönlichkeit wachsen, wenn seine Ressortarbeit nachvollziehbar wird und neben ihm weitere Verantwortliche für Finanzen, Wirtschaft, Familien, Vereine und Stadtteile sichtbar werden.

Eine tragfähige Positionierung lässt sich nicht künstlich aus einem Slogan ableiten. Sie muss aus der tatsächlichen Arbeit entstehen: aus gelösten Konflikten, vorangebrachten Projekten, erkennbaren Prioritäten und der Art, wie Fußenegger schwierige Entscheidungen führt.

Die größten Risiken

  1. Fußenegger wird zum Ressortverwalter unter Egger. Er trägt Verantwortung, entwickelt aber keine eigene politische Autorität.
  2. Erfolge verschwinden in der Bürgermeisterbilanz. Was gemeinsam erreicht wird, wird öffentlich vor allem mit Egger verbunden.
  3. Die ÖVP verwechselt Sichtbarkeit mit Streit. Ein künstlicher Dauerkonflikt könnte den Bürgermeister zusätzlich stärken.
  4. Die Partei wartet zu lange auf ein eigenes Profil. Politische Autorität kann nicht erst im letzten Wahljahr aufgebaut werden.
  5. Die ÖVP bleibt personell zu schmal. Ohne mehrere erkennbare Persönlichkeiten bleibt sie die geschwächte ehemalige Bürgermeisterpartei.
  6. Gute Sachpolitik wird mit Zustimmung verwechselt. Wer konstruktiv mitarbeitet, muss Unterschiede und eigene Leistungen trotzdem erkennbar machen.

Gesamtbewertung

Die schwierige Lage der Hohenemser ÖVP entsteht nicht ausschließlich aus eigenen Fehlern. Sie steht einem Bürgermeister gegenüber, der persönlich weit über seine Partei hinausreicht, sichtbare Erfolge für sich verbuchen kann und zugleich einen großen Teil des traditionellen ÖVP-Profils besetzt.

Thomas Fußenegger verfügt mit Raumplanung und Verkehr über ein wichtiges Ressort. Gute Arbeit dort ist notwendig, schafft aber noch keine eigenständige Positionierung. Solange seine Leistungen als Teil der allgemeinen Stadt- und Bürgermeisterbilanz wahrgenommen werden, stärkt er mit seiner Ressortarbeit möglicherweise Hohenems und Egger stärker als die eigene Partei.

Die ÖVP muss diesen Widerspruch aushalten und strategisch bearbeiten. Sie darf weder Erfolge schlechtreden noch in der gemeinsamen Bilanz verschwinden. Ihr Auftrag lautet zunächst, sichtbar Verantwortung zu übernehmen, die eigene Urheberschaft zu belegen und aus konkreten Leistungen schrittweise ein eigenständiges politisches Profil zu entwickeln.

Ob Fußenegger daraus eine glaubwürdige Alternative zu Egger formen kann, ist offen. Genau darin liegt die besondere Herausforderung der Hohenemser Volkspartei.

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