Die Nachfolgefrage in Südtirol beginnt mit einer Gewissheit: Arno Kompatscher steht 2028 nicht mehr zur Verfügung. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob ihm noch eine weitere Amtszeit gelingt, sondern: Was und wer kommt jetzt? Für die SVP geht es dabei um wesentlich mehr als um den Austausch einer Person an der Spitze der Landesregierung.
Kompatscher erfüllt drei Funktionen zugleich. Er ist der mit Abstand stärkste persönliche Stimmenanker der Partei, er hält unterschiedliche Lager innerhalb der SVP zusammen und er verhandelt Koalitionen, Autonomie und das Verhältnis zu Rom mit eigener Autorität. Im derzeit sichtbaren Feld gibt es niemanden, der alle drei Aufgaben bereits in vergleichbarer Stärke verbindet. Deshalb sucht die SVP keinen Erben. Sie muss ein neues Machtmodell bauen, in dem sich diese Funktionen auf mehrere Personen verteilen – oder sie entscheidet sich für eine Person, die erst im Amt zur überragenden Figur werden soll.
Zwei Wahlergebnisse, zwei Wahrheiten
Die Landtagswahl 2023 zeigte die Verwundbarkeit der SVP. Sie fiel von 41,9 auf 34,5 Prozent und von 15 auf 13 Mandate. Gegenüber 2018 verlor sie rund 22.000 Stimmen. Kompatscher selbst erhielt jedoch 58.771 Vorzugsstimmen. Er war damit nicht bloß der Spitzenkandidat einer geschwächten Partei, sondern ihr persönlicher Schutzwall. Der Abstand zum übrigen Feld ist für die Nachfolge zentral: Hubert Messner kam auf 30.605 Vorzugsstimmen, Philipp Achammer auf 16.812, Peter Brunner auf 14.375 und Rosmarie Pamer auf 12.289.
Die Gemeindewahlen 2025 lieferten die zweite Wahrheit. Die SVP blieb in mehr als hundert Gemeinden im Bürgermeisteramt und meldete landesweit einen Anstieg ihres Listenanteils von 53 auf 58 Prozent. Diese Werte sind wegen unterschiedlicher Listen, Bündnisse und lokaler Persönlichkeiten nicht direkt mit einer Landtagswahl vergleichbar. Sie zeigen aber: Die Organisation ist wesentlich stabiler als das Ergebnis von 2023 vermuten lässt. Die Partei besitzt weiterhin Bürgermeister, Bezirksstrukturen und lokale Netzwerke. Was ihr nach Kompatscher fehlt, ist nicht die Fläche, sondern die landesweit bindende Spitze.
Vier mögliche Richtungen
Aus dem sichtbaren Feld ergeben sich vier unterschiedliche Wege. Dieter Steger steht für die Macht des Parteiapparats und eine wirtschaftsnahe, in Rom erfahrene Führung. Rosmarie Pamer und Peter Brunner verkörpern eine geordnete Übergabe aus der amtierenden Landesregierung. Meinhard Durnwalder wäre der konservative und ländliche Gegenentwurf. Julia Unterberger sowie das von Karl und Katharina Zeller geprägte Meraner Modell stehen für eine Öffnung zur urbanen, liberalen und sprachgruppenübergreifenden Mitte.
Diese Wege lassen sich nicht beliebig kombinieren. Wer die gegenwärtige Rechtskoalition im Land als strategische Heimat der SVP versteht, kann Unterbergers Kurs kaum zugleich zum Zukunftsmodell erklären. Wer den Meraner Erfolg als Blaupause nimmt, müsste die Zusammenarbeit mit progressiven und italienischsprachigen Kräften wieder als Wachstumsstrategie behandeln. Die Personalfrage ist deshalb eine verdeckte Koalitions- und Identitätsfrage.
Dieter Steger: der strukturelle Favorit
Steger besitzt derzeit die stärkste Ausgangsposition. Er wurde 2024 mit 95,47 Prozent des Delegiertengewichts zum SVP-Obmann gewählt, sitzt in der Abgeordnetenkammer und verbindet Parteiorganisation, Wirtschaftskontakte und Erfahrung in Rom. Kein anderer möglicher Nachfolger kontrolliert einen ähnlich wichtigen Teil des Auswahlverfahrens. Wenn die SVP heute entscheiden müsste, wäre Steger deshalb der wahrscheinlichste Kandidat.
Seine Stärke ist zugleich sein Risiko. Für eine landesweite Spitzenkandidatur fehlt ihm ein aktueller persönlicher Vorzugsstimmennachweis. Ein Obmann, der das Nachfolgeverfahren organisiert und am Ende selbst daraus hervorgeht, braucht eine breitere Legitimation als eine geschlossene Funktionärsmehrheit. Sonst entsteht das Bild einer Partei, die den Machtverlust von außen durch noch stärkere Selbstrekrutierung im Inneren beantwortet. Steger kann Kompatschers organisatorische Funktion übernehmen; ob er auch dessen Wählerbonus erzeugt, ist bisher nicht gemessen.
Pamer und Brunner: die Kandidaten der geordneten Übergabe
Rosmarie Pamer ist erste Landeshauptmannstellvertreterin, ehemalige Bürgermeisterin von St. Martin in Passeier und im Burggrafenamt organisatorisch verankert. Ihr Sozialprofil könnte die SVP in einem Wahlkampf tragen, in dem Wohnen, Pflege, Familien und Leistbarkeit wichtiger werden als der nächste Autonomieerfolg. Sie steht für Kontinuität ohne bloße Kopie Kompatschers. Was ihr fehlt, ist bislang ein landesweit dominierendes persönliches Ergebnis.
Peter Brunner bringt als ehemaliger Brixner Bürgermeister und Landesrat für Umwelt, Energie und Raumentwicklung kommunale und administrative Erfahrung zusammen. Seine 14.375 Vorzugsstimmen von 2023 geben ihm eine belastbare, aber keine überragende Basis. Brunner wäre der Kandidat einer leistungsorientierten Mitte: sachlich, regierungserfahren und für unterschiedliche Parteiflügel anschlussfähig. Sein Risiko liegt im selben Mechanismus wie bei Pamer. Eine gute Ressortbilanz macht noch keine landesweit emotionale Führungsfigur.
Eine Übergabe an Pamer oder Brunner wäre für die SVP die risikoärmste institutionelle Lösung. Parteiobmann und Landeshauptmann blieben auf zwei Personen verteilt; Steger könnte integrieren, während die Regierungsspitze aus dem bestehenden Team kommt. Politisch wäre dieses Modell aber nur dann stabil, wenn Kompatscher den Übergang aktiv unterstützt und die Partei den Eindruck eines bloßen Verwaltungskompromisses vermeidet.
Meinhard Durnwalder: der konservative Gegenentwurf
Meinhard Durnwalder ist seit 2018 Senator, Jurist und SVP-Bezirksobmann im Pustertal. Er verbindet Autonomie- und Verfassungswissen mit einer klaren ländlich-konservativen Basis. Damit wäre er nicht bloß ein weiterer Kandidat, sondern das Angebot einer politischen Rückverankerung: stärkere Minderheitenpartei, deutlicheres Traditionsprofil und engere Bindung an jene Milieus, die sich von einer urbaner werdenden SVP entfernt fühlen.
Der Gewinn wäre Geschlossenheit im konservativen Lager. Das Risiko wäre eine doppelte Verengung. Erstens könnte seine Kandidatur als Rückkehr zu einem bekannten Familiennamen statt als eigenständiger Zukunftsentwurf gelesen werden. Zweitens würde eine konservative Sammlung jene liberalen, urbanen und italienischsprachigen Wähler schwerer erreichen, die für eine Rückkehr über 35 Prozent notwendig sein dürften. Meinhard Durnwalder kann ein Lager festigen; offen ist, ob er die Sammelpartei verbreitern könnte.
Julia Unterberger: nicht nur eine Person, sondern eine Richtungsentscheidung
Julia Unterberger führt im Senat die Autonomiegruppe und besitzt in Rom ein eigenständiges Profil: sozialliberal, feministisch und klar gegen eine Normalisierung rechter Positionen. Gerade deshalb ist sie im derzeitigen Koalitionsgefüge keine einfache Konsenskandidatin. Eine Spitzenkandidatur Unterbergers wäre nur glaubwürdig, wenn die SVP ihre gegenwärtige Allianz mit rechten Parteien grundsätzlich neu bewertet.
Ihre realistischere Rolle ist daher jene einer Richtungsgeberin und Mehrheitsbeschafferin. Sie kann mitentscheiden, ob die SVP nach Kompatscher konservativ konsolidiert oder wieder stärker in die liberale Mitte ausgreift. Das macht sie auch ohne eigene Kandidatur relevant. Wer Unterberger aus der Nachfolgerechnung streicht, übersieht, dass nicht nur Namen, sondern auch Koalitionsfähigkeit und Deutungshoheit über den zukünftigen Kurs verteilt werden.
Karl und Katharina Zeller: das Meraner Gegenmodell
Karl Zeller ist kein Kandidat für 2028. Als Verfassungsjurist, früherer Parlamentarier und Stratege beeinflusst er jedoch die Debatte darüber, wie die SVP wieder wachsen kann. Nach dem Meraner Wahlsieg seiner Tochter Katharina formulierte er die politische Lehre: Die SVP könne als Sammelpartei mit guten Führungspersönlichkeiten und progressiver Zusammenarbeit gewinnen. Julia Unterberger ist Katharina Zellers Mutter. Damit verbindet sich in dieser Familie parlamentarische Erfahrung, strategische Prägung und ein aktueller kommunaler Wahlerfolg.
Katharina Zeller gewann 2025 die Stichwahl um das Meraner Bürgermeisteramt mit 57,43 Prozent. Die SVP-Liste stieg dort von 19,4 auf 29,7 Prozent; anschließend bildete sie eine breite Stadtregierung mit Bürgerlisten, PD und Team K. Das ist der stärkste aktuelle Beleg dafür, dass die SVP nicht nur durch konservative Sammlung, sondern auch durch sprachgruppenübergreifende Öffnung wachsen kann.
Für 2028 kommt dieser Erfolg möglicherweise zu früh. Zeller ist für die Periode 2025 bis 2030 als Bürgermeisterin gewählt. Ein Wechsel nach drei Jahren würde sofort den Vorwurf auslösen, Meran sei lediglich die Zwischenstation einer geplanten Landeskarriere gewesen. Hinzu käme das Bild einer politischen Familiendynastie. Ihr langfristiges Erneuerungspotenzial ist dennoch größer als jenes der meisten derzeitigen Landespolitiker. Für die SVP ist deshalb zunächst das Zeller-Modell wichtiger als eine Zeller-Kandidatur: breite Bündnisse, persönliche Führung und Anschlussfähigkeit über die deutsche Sprachgruppe hinaus.
Das weitere Feld
Das Kabinett enthält weitere Personen, die bei einem Bruch der heutigen Ordnung aufrücken können. Hubert Messner besitzt mit 30.605 Vorzugsstimmen den stärksten persönlichen Ausgangswert hinter Kompatscher. Als Gesundheitslandesrat muss er diesen Vertrauensvorschuss jedoch erst in eine belastbare Leistungsbilanz und in parteiinterne Macht übersetzen. Daniel Alfreider verbindet als Landeshauptmannstellvertreter Regierungserfahrung, Mobilität und die ladinische Sprachgemeinschaft; sein Weg zur Gesamtführung wäre aber strukturell anspruchsvoll.
Waltraud Deeg bringt langjährige Regierungserfahrung und 10.985 Vorzugsstimmen mit, hat im aktuellen Machtgefüge aber an Zentralität verloren. Luis Walcher steht für Landwirtschaft und ländliche Verwurzelung, bislang ohne landesweite Führungsrolle. Philipp Achammer besitzt weiterhin Organisationserfahrung und erreichte 2023 16.812 Vorzugsstimmen. Eine Rückkehr des früheren Obmanns an die Spitze würde jedoch eher wie eine Korrektur der Vergangenheit als wie ein neues Machtmodell wirken. Das weitere Feld wird relevant, wenn einer dieser Akteure bis 2027 ein herausragendes Sachthema gewinnt oder das Rennen zwischen Partei und Regierung blockiert ist.
Die Vorentscheidung fällt 2027
Der Kipppunkt liegt nicht erst im Wahljahr 2028, sondern bei der italienischen Parlamentswahl 2027. Steger sitzt in der Kammer, Unterberger und Meinhard Durnwalder im Senat. Ihre Wiederaufstellung oder Rückkehr nach Südtirol wird zeigen, ob sie ihre Zukunft weiterhin in Rom sehen oder den Weg an die Landesspitze vorbereiten. Besonders für Steger ist die Entscheidung heikel: Als Obmann beeinflusst er die Nominierungen und zugleich seine eigene Ausgangslage.
Werden alle drei erneut für Rom nominiert, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Nachfolge aus der Landesregierung – also Pamer oder Brunner, mit Steger als starkem Parteiobmann. Kehrt Steger zurück und sichert sich früh eine breite innerparteiliche Legitimation, wird aus seinem strukturellen Vorteil eine klare Favoritenrolle. Kehrt Meinhard Durnwalder zurück, deutet dies auf einen konservativen Richtungswettbewerb. Und gewinnt das Meraner Bündnismodell bis dahin weiter an Zustimmung, wächst der Druck, die Landeskoalition und nicht nur das Spitzenpersonal neu zu denken.
Kompatschers Erbe ist größer als die Autonomiereform
Die am 23. Juni 2026 in Kraft getretene Autonomiereform gibt Kompatscher ein starkes institutionelles Vermächtnis. Für seine Nachfolge kann genau das zur Falle werden. Wer lediglich den Schutz der Autonomie fortsetzt, erscheint kleiner als der Vorgänger. Der nächste Landeshauptmann oder die nächste Landeshauptfrau muss die erweiterten Zuständigkeiten in sichtbare Alltagsergebnisse übersetzen: beim Wohnen, in der Gesundheit, bei der Leistbarkeit und in der Fähigkeit, die Sprachgruppen zusammenzuhalten.
Kompatscher kann den Übergang erleichtern, wenn er rechtzeitig Rollen klärt und den Nachfolger nicht erst kurz vor der Wahl schützt. Er kann ihn aber auch erschweren, wenn jede mögliche Nachfolgefigur bis 2028 im Vergleich mit seiner persönlichen Autorität klein bleibt. Die SVP braucht daher vor der Kandidatenkür eine Entscheidung über die Architektur: starke Parteiführung plus regierende Integrationsfigur – oder wieder die Konzentration beider Funktionen in einer Person.
Schlussbefund
Die wahrscheinlichste Nachfolge heißt derzeit Dieter Steger. Seine Kontrolle über Parteiorganisation, sein Rom-Netzwerk und seine wirtschaftspolitische Verankerung geben ihm einen Vorteil, den kein anderer Kandidat in dieser Form besitzt. Der Nachweis, dass er auch außerhalb der Funktionärsstruktur eine Kompatscher-ähnliche Zugkraft entwickeln kann, fehlt.
Die sicherste Übergabe käme aus der Landesregierung: Pamer oder Brunner könnten Kontinuität sichern, während Steger die Partei führt. Der konservative Gegenentwurf heißt Meinhard Durnwalder. Das größte langfristige Erneuerungspotenzial besitzt Katharina Zeller, für die 2028 wahrscheinlich früher kommt, als es ihrer kommunalen Glaubwürdigkeit guttut. Unterberger und Karl Zeller sind vor allem deshalb wichtig, weil sie den alternativen Kurs einer wieder breiteren Sammelpartei verkörpern und beeinflussen.
Damit lautet die eigentliche Entscheidung nicht Steger gegen Pamer, Brunner oder Meinhard Durnwalder. Sie lautet: konservative Konsolidierung oder Rückkehr zur breiten, sprachgruppenübergreifenden Sammelpartei. Erst wenn die SVP diese Frage beantwortet, weiß sie, welche Person sie tatsächlich braucht.
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