Markus Gartner gewann 2025 für die Südtiroler Volkspartei (SVP) das Bürgermeisteramt. Mit etwas mehr als der Hälfte der Stimmen setzte er sich gegen Barbara Nöckler von der Liste Ahrntal – Für’s Toul und Florian Mölgg von der Süd-Tiroler Freiheit durch. Damit blieb das wichtigste Amt bei der SVP. Das Ergebnis des Gemeinderates zeigt jedoch ein wesentlich engeres Kräfteverhältnis.

Die SVP verfügt über neun der 18 Mandate. Die Liste Ahrntal – Für’s Toul hält sieben Sitze, die Süd-Tiroler Freiheit zwei. Neun Mandate machen die SVP zur stärksten Fraktion, ergeben aber keine eigenständige Mehrheit. Für Entscheidungen braucht sie zumindest einen Partner.

Der Bürgermeister führt – die Bürgerliste regiert mit

Die Machtteilung zeigt sich besonders deutlich im Gemeindeausschuss. Neben Bürgermeister Markus Gartner, Vizebürgermeister Georg Hainz und Michael Hofer von der SVP gehören ihm Anita Strauss, Ulrike Hilber und Wolfgang Hofer von der Liste Ahrntal an. Beide politischen Lager stellen damit jeweils drei Mitglieder.

Diese Konstruktion ist mehr als eine rechnerische Lösung. Die Bürgerliste trägt Verantwortung für zentrale Entscheidungen und verfügt über direkten Einfluss auf die laufende Gemeindeführung. Die SVP kann den politischen Kurs deshalb nicht allein festlegen, obwohl sie den Bürgermeister stellt.

Ein offener Bruch zwischen den beiden Kräften ist derzeit nicht erkennbar. Die Machtteilung entstand aber auch nicht freiwillig aus einer Position uneingeschränkter Stärke. Nach der Wahl musste für die Besetzung des Gemeindeausschusses eine Lösung zwischen SVP und Bürgerliste gefunden werden. Das Ergebnis war eine gemeinsame Führung, in der keine Seite die andere übergehen kann.

Die Liste Ahrntal ist dauerhaft zum Gegenpol geworden

Die Konkurrenz zur SVP ist im Ahrntal keine vorübergehende Protestbewegung. Bereits 2020 erreichte Barbara Nöckler im Rennen um das Bürgermeisteramt 40 Prozent. Damals einigten sich SVP und Bürgerliste auf einen Kompromiss über die Besetzung des Vizebürgermeisteramtes. 2025 bestätigte die Liste mit sieben Gemeinderatsmandaten ihre Verankerung.

Damit hat sich neben der SVP ein zweites kommunales Machtzentrum etabliert. Die Liste Ahrntal kann Personen ansprechen, die eine stärkere örtliche Unabhängigkeit wünschen, ohne deshalb zwingend gegen die gesamte bisherige Gemeindepolitik aufzutreten. Gerade diese Position macht sie gefährlicher als eine reine Protestliste: Sie kann zugleich Alternative und Regierungspartnerin sein.

Für die Bürgerliste entsteht daraus allerdings ein eigenes Risiko. Wer im Gemeindeausschuss mitentscheidet, kann Missstände nicht mehr ausschließlich der SVP zurechnen. Erfolge werden häufig dem Bürgermeister zugeschrieben, unpopuläre Kompromisse treffen dagegen alle Beteiligten. Die Liste muss daher erkennbar machen, welchen Unterschied ihre Mitwirkung für das Ahrntal tatsächlich bewirkt.

Die Süd-Tiroler Freiheit bleibt außerhalb der Machtteilung

Die Süd-Tiroler Freiheit verfügt über zwei Mandate und bildet den klarsten Gegenpol zur gemeinsamen Gemeindeführung. Sie kann Entscheidungen von SVP und Bürgerliste kritisieren, ohne selbst Verantwortung für die gefundenen Kompromisse zu tragen. Ihr Einfluss auf konkrete Beschlüsse bleibt begrenzt, politisch kann sie aber von jeder Enttäuschung über die geteilte Führung profitieren.

Für die SVP besteht die zentrale Herausforderung deshalb nicht in einem offenen Streit. Gefährlicher wäre, wenn sich bei den Wählerinnen und Wählern der Eindruck verfestigt, dass die Partei zwar weiterhin den Bürgermeister stellt, für stabile Mehrheiten und sichtbare Ergebnisse aber dauerhaft auf die Bürgerliste angewiesen ist.

Politischer Befund

Die SVP ist im Ahrntal nicht verdrängt worden. Sie hält das Bürgermeisteramt, ist stärkste Fraktion und bleibt organisatorisch breit verankert. Ihre frühere Dominanz ist jedoch begrenzt: Neun von 18 Mandaten reichen nicht zum Alleinregieren, und der Gemeindeausschuss wird paritätisch mit der Liste Ahrntal geführt.

Markus Gartner muss daher zweierlei gleichzeitig beweisen: dass die gemeinsame Führung handlungsfähig bleibt und dass die SVP darin weiterhin die politisch prägende Kraft ist. Gelingt ihm das, kann die Machtteilung als Ausdruck verantwortungsvoller Zusammenarbeit wirken. Gelingt es nicht, wird die Liste Ahrntal beim nächsten Urnengang nicht mehr nur als notwendige Partnerin, sondern als mögliche neue Führungsalternative antreten.