Trumau trägt einen erheblichen Teil der Energiewende sichtbar vor der eigenen Haustür. 2014 stimmten bei einer Volksbefragung rund zwei Drittel für das Windkraftprojekt. Fast zehn Jahre später ging das Hybridkraftwerk mit acht Windrädern und 17.888 Photovoltaikmodulen in Betrieb. Es erzeugt nach Angaben von Wien Energie jährlich rund 61 Millionen Kilowattstunden – bilanziell etwa zehnmal so viel, wie alle Trumauer Haushalte verbrauchen.
Doch genau hier beginnt die politische Leistung erst. Viele Gemeinden stellen Flächen bereit, tragen Sichtbarkeit und Konflikte, während der wirtschaftliche Nutzen erneuerbarer Anlagen für die Bevölkerung abstrakt bleibt. Trumau wollte diese Lücke schließen: Wer Windräder und Photovoltaik im Ort akzeptiert, soll einen verlässlichen Vorteil in der eigenen Geldbörse sehen.
Vom Energiestandort zum kommunalen Kostendämpfer
Die Energiegemeinschaft Trumau eGen wurde von der Marktgemeinde gemeinsam mit der Trumauer Kommunal GmbH gegründet. Haushalte können in der aktuellen Ausbaustufe bis zu 2.500 Kilowattstunden pro Jahr um 12 Cent brutto beziehen, Betriebe und Vereine bis zu 4.000 Kilowattstunden. Der Preis ist nicht indexiert und soll 20 Jahre unverändert gelten. Eine spätere Ausbaustufe sieht höhere Bezugsmengen vor.
Der Einstieg bleibt bewusst niedrigschwellig. Ein Genossenschaftsanteil kostet einmalig zehn Euro, wird beim Austritt zurückbezahlt und die Mitgliedschaft kann monatlich beendet werden. Im März 2026 nahmen rund 800 Haushalte teil – etwa ein Drittel des Ortes. Diese Zahl beweist keine allgemeine politische Zustimmung. Sie zeigt aber, dass das Angebot im Alltag tatsächlich angenommen wird.
Damit wird aus Klimapolitik Daseinsvorsorge. Die Gemeinde verspricht nicht nur mehr erneuerbare Erzeugung, sondern Planbarkeit in einem Markt, der zuletzt von starken Preissprüngen geprägt war. Kollross verdichtet den Anspruch in einem Satz: „Planungssicherheit ersetzt Preissprünge, Verlässlichkeit ersetzt Unsicherheit.“
Das gallische Dorf ist nicht stromautark
Der Begriff Energieunabhängigkeit braucht dennoch eine klare Grenze. Trumau ist keine vom öffentlichen Netz getrennte Insel. Die Energiegemeinschaft ist auch kein Vollversorger. Mitglieder behalten ihren bisherigen Stromlieferanten, der den Restbedarf deckt. Je nach Verbrauch, Jahreszeit und Wetter kommen nach Angaben der Gemeinde durchschnittlich 70 bis 90 Prozent des Jahresbedarfs aus der Gemeinschaft. Die Netzgebühren fallen in der aktuellen Ausbaustufe weiterhin an.
Auch die Herkunft muss präzise beschrieben werden. Ein Teil des Gemeinschaftsstroms stammt aus kommunalen Photovoltaikanlagen in Trumau. Der übrige Strom wird vom Vertragspartner BLOCH3/Heimwatt aus erneuerbaren Quellen bereitgestellt. Die große Produktion des Hybridkraftwerks im Gemeindegebiet und die Belieferung der Energiegemeinschaft sind daher nicht deckungsgleich.
Das schmälert den Ansatz nicht, verändert aber seine Bedeutung. Trumaus Autonomie ist vorerst wirtschaftlich und politisch: Die Gemeinde organisiert einen lokalen Schutz gegen Marktvolatilität und gewinnt Gestaltungsmacht zurück. Technische Stromautarkie ist damit nicht erreicht. Das gallische Dorf bleibt am Netz – aber es schafft sich einen eigenen Gegenpol zum Energie-Imperium.
Der erste Anlauf mit Verbund führte nicht ans Ziel
Ein erster, zunächst gemeinsam mit Verbund geprüfter Weg führte nicht zu jenem Modell, das Kollross für Trumau wollte. Der entscheidende Punkt war nicht ein beliebiges Etikett „Energiegemeinschaft“, sondern ein dauerhaft spürbarer Vorteil für möglichst viele Verbraucherinnen und Verbraucher im Ort.
Aus diesem Anlauf zog Trumau eine strategische Lehre: Das Ziel blieb gleich, die Konstruktion wurde verändert. Mit der kommunalen Gesellschaft, der Genossenschaft sowie den Partnern BLOCH3/Heimwatt und Nobile entstand ein Modell, das den günstigen Bezug in den Mittelpunkt stellt. Private Betreiber von Photovoltaikanlagen speisen nicht in die Gemeinschaft ein, sondern können ihren Strom weiterhin dort verkaufen, wo sie den besseren Erlös erzielen. So wird der Konflikt zwischen möglichst hohem Einspeisepreis und möglichst niedrigem Bezugspreis bewusst getrennt.
Gerade dieser Umweg macht den Fall übertragbar. Kommunale Innovation besteht nicht darin, dass der erste Partner oder die erste Konstruktion funktionieren muss. Sie besteht darin, einen politischen Zweck so lange neu zu organisieren, bis Struktur und Nutzen zusammenpassen.
Kollross baut ein Modell über seine Amtszeit hinaus
Bürgermeisterprojekte hängen häufig an der Person, die sie antreibt. Trumau versucht, diese Abhängigkeit zu verringern. Die Genossenschaft, die Trumauer Kommunal GmbH und die vertraglich angelegte 20-jährige Preisgarantie geben dem Modell eine längere Zeitachse als jede einzelne Gemeinderatsperiode.
Das ist der eigentliche politische Nachlass von Kollross: nicht nur ein Windpark, nicht nur ein günstiger Tarif und auch nicht bloß eine Kampagne. Er hinterlässt eine kommunale Organisation, die erneuerbare Energie in einen konkret wahrnehmbaren Nutzen übersetzt. Ob die Garantie über die gesamte Laufzeit wirtschaftlich trägt und der Anteil lokaler Erzeugung wie geplant wächst, muss sich weiterhin beweisen. Die Konstruktion ist aber darauf angelegt, einen Bürgermeisterwechsel zu überstehen.
Übertragbar ist das Prinzip, nicht die Kopie
Nicht jede Gemeinde verfügt über acht Windräder, große Photovoltaikflächen oder eine eigene Kommunalgesellschaft. Das Trumauer Modell lässt sich deshalb nicht einfach kopieren. Sein politischer Mechanismus ist dennoch klar: Lokale Belastung und lokaler Nutzen werden verbunden, die öffentliche Hand übernimmt eine organisierende Rolle, der Einstieg bleibt einfach und die Preiszusage schafft einen langen Planungshorizont.
Trumau wird so zum gallischen Dorf im Energie-Imperium – nicht, weil es sich abschottet, sondern weil es die Abhängigkeit vom großen Markt dort begrenzt, wo eine Gemeinde tatsächlich handeln kann. Erneuerbare Energie wird politisch belastbarer, wenn die Menschen nicht nur die Anlagen sehen, sondern ihren Anteil am Nutzen. Genau darin liegt der Wert dieser Energiegemeinschaft als kommunale Daseinsvorsorge und als Kostendämpfer.
Lässt sich dieser Ansatz auf Ihre Gemeinde übertragen?
Wir prüfen Voraussetzungen, Anpassungsbedarf und einen realistischen Weg zur Umsetzung.
Übertragbarkeit prüfen
