Dass Schwaz trotzdem vergleichsweise geschlossen handelt, ist Webers größte politische Leistung. Es ist aber auch ihr größtes Risiko: Je besser das gemeinsame Regieren funktioniert, desto schwerer wird es für die Bürgermeisterin, Erfolge ausschließlich für sich und ihr Team zu beanspruchen.
Der Wahlsieg gab Weber (SPÖ) das Amt, nicht die Mehrheit
Der Machtwechsel von 2022 war deutlich. In der Stichwahl setzte sich Victoria Weber (SPÖ) mit 58,5 Prozent gegen Hans Lintner (ÖVP) durch. Nach einem Vierteljahrhundert wechselte damit das Bürgermeisteramt.
Im Gemeinderat blieb die bisherige Machtordnung aber teilweise erhalten. Das Bürgermeisterteam Hans Lintner (ÖVP) erreichte 36,64 Prozent und acht Mandate. Webers Team Zukunft (SPÖ-geführt, mit Unabhängigen) kam auf 27,36 Prozent und sechs Sitze. WIR für Schwaz (Bürgerliste) von Martin Wex hält drei Mandate, die IgLS – Die Grünen (GRÜNE) zwei. Die FPÖ Schwaz (FPÖ) und die MFG Schwaz (MFG) verfügen über jeweils einen Sitz.
Für eine Mehrheit werden elf Stimmen benötigt. Weber fehlen daher fünf Mandate. Sie kann nicht allein regieren und auch nicht mit nur einem kleineren Partner. Das SPÖ-geführte Team Zukunft ist im Rathaus zwar die Bürgermeisterpartei, bleibt im Gemeinderat aber nur die zweitstärkste Liste.
Schwaz wird über Ressorts regiert
Die politische Macht verteilt sich auf mehrere Zentren. Victoria Weber (SPÖ) selbst führt die Bereiche Finanzen und Personal. Ihr Team Zukunft (SPÖ-geführt, mit Unabhängigen) verantwortet darüber hinaus unter anderem Bildung, Soziales, Jugend und Wohnen.
Das Bürgermeisterteam Hans Lintner (ÖVP) hält wichtige Ressorts wie Wirtschaft und Innovation, Kultur, Familie, Sport und Senioren. Politisch wird es inzwischen von Vizebürgermeister Matthias Zitterbart (ÖVP) geführt, der 2025 auch den Vorsitz der Schwazer Volkspartei übernommen hat. Der Listenname erinnert weiterhin an Hans Lintner (ÖVP), die operative politische Verantwortung liegt aber längst bei einer neuen Generation.
Martin Wex (WIR für Schwaz; früher ÖVP) ist nicht nur Vizebürgermeister. Er leitet mit Stadtentwicklung und Bau eines der politisch einflussreichsten Ressorts. Seine Bürgerliste WIR für Schwaz stellt außerdem den Vorsitz im Überprüfungsausschuss. Damit verbindet Wex Gestaltungsmacht mit einer Kontrollfunktion.
Auch die IgLS – Die Grünen (GRÜNE) ist trotz ihrer nur zwei Mandate fest in die Stadtregierung eingebunden. Viktoria Gruber (GRÜNE) verantwortet Umwelt, Klima und Abfall, Hermann Weratschnig (GRÜNE) führt den Ausschuss für Mobilität und Infrastruktur.
Rein rechnerisch können das Team Zukunft (SPÖ), WIR für Schwaz und die Grünen gemeinsam genau elf Stimmen erreichen. Das Bürgermeisterteam Hans Lintner (ÖVP) wiederum erreicht bereits zusammen mit WIR für Schwaz eine Mehrheit. Eine Zusammenarbeit der beiden großen Listen von SPÖ und ÖVP hätte 14 Stimmen. Diese Zahlen beschreiben keine feste Koalition, zeigen aber, wie viele unterschiedliche Mehrheiten in Schwaz möglich sind.
Die Finanzen sind Webers (SPÖ) stärkstes Argument
Am klarsten kann sich Victoria Weber (SPÖ) über die Stadtfinanzen profilieren. Der Rechnungsabschluss 2025 wurde einstimmig genehmigt. Der Ergebnishaushalt schloss mit einem Plus von rund 960.000 Euro, der Finanzierungshaushalt mit einem positiven Saldo von 8,65 Millionen Euro. Das Vermögen der Stadt erhöhte sich um 13,1 Millionen Euro auf 187,7 Millionen Euro. Gleichzeitig konnte der Schuldenstand reduziert werden.
Das ist ein belastbares Ergebnis. Es erlaubt Weber, sich als sorgfältige Verwalterin der Stadtfinanzen zu präsentieren. Gleichzeitig gehört ein einstimmig beschlossener Rechnungsabschluss politisch allen Fraktionen. Auch hier zeigt sich das Schwazer Grundproblem: Die Bürgermeisterin führt, aber die positive Bilanz wird gemeinsam beschlossen.
Hinzu kommt, dass die finanzielle Lage nicht dauerhaft bequem ist. Weber selbst verweist auf gekürzte oder verzögerte Förderungen sowie auf wachsende Ausgaben für Schulen, Gesundheit und die Sanierung öffentlicher Gebäude. Der derzeitige Überschuss schafft Spielraum, ist aber kein Freibrief für neue Dauerausgaben.
Die Projekte schaffen eine gemeinsame Erfolgsbilanz
Schwaz kann derzeit mehrere sichtbare Vorhaben vorweisen. Die neue Rad- und Fußgängerbrücke im Osten verbindet Schwaz mit Stans. Der Ausbau und die Sanierung des Marienheims werden fortgeführt. Mit „Wärme Schwaz“ wird eine regional ausgerichtete Wärmeversorgung aufgebaut. Neue Betriebsansiedlungen haben zugleich die Einnahmen aus der Kommunalsteuer gestärkt.
Diese Projekte vermitteln Handlungsfähigkeit. Sie sind aber keinem politischen Lager allein zuzuordnen. Die Finanzierung liegt bei der Bürgermeisterin Victoria Weber (SPÖ), die Stadtentwicklung bei Martin Wex (WIR für Schwaz), Wirtschaftsfragen bei Matthias Zitterbart (ÖVP) und Umwelt- beziehungsweise Mobilitätsthemen bei der IgLS – Die Grünen (GRÜNE).
Für Schwaz ist diese Aufteilung zunächst ein Vorteil. Projekte müssen über Fraktionsgrenzen hinweg abgestimmt werden und können daher nicht bei jedem politischen Wechsel sofort wieder infrage gestellt werden. Für Weber entsteht daraus jedoch ein strategisches Problem: Sie trägt als Bürgermeisterin die Gesamtverantwortung, während sich die Ressortverantwortlichen die jeweils populären Teile der Bilanz herauslösen können.
Zitterbart (ÖVP) muss aus Lintners Erbe eine eigene Zukunft machen
Matthias Zitterbart (ÖVP) verfügt mit den acht Mandaten des Bürgermeisterteams Hans Lintner (ÖVP) über die stärkste Fraktion im Gemeinderat. Er führt die Schwazer Volkspartei und verantwortet als Vizebürgermeister den Bereich Wirtschaft und Innovation. Damit besitzt er sowohl organisatorische als auch inhaltliche Voraussetzungen für eine größere politische Rolle.
Seine Ausgangslage ist dennoch widersprüchlich. Das Bürgermeisterteam Hans Lintner (ÖVP) ist stark genug, um bei fast jeder Entscheidung benötigt zu werden. Gleichzeitig ist es so eng in die Stadtregierung eingebunden, dass eine klassische Oppositionsstrategie wenig glaubwürdig wäre.
Zitterbart muss daher eine Antwort auf die Frage finden, wofür ein von ihm geführtes Schwaz grundsätzlich anders stehen würde. Der Verweis auf die acht Mandate oder auf die frühere Ära Lintner reicht dafür nicht. Er muss aus einer erfolgreichen Traditionsliste eine eigenständige politische Alternative formen, ohne die gemeinsam erzielten Ergebnisse schlechtzureden.
Solange diese Abgrenzung nicht gelingt, bleibt Zitterbart ein starker Mitregierender, aber noch kein zwangsläufiger Herausforderer Webers.
Wex (WIR; früher ÖVP) sitzt an der entscheidenden politischen Kreuzung
Strategisch besonders interessant ist Martin Wex (WIR für Schwaz; früher ÖVP). Seine drei Mandate können in unterschiedlichen Mehrheitsvarianten entscheidend sein. Gleichzeitig kontrolliert er mit Stadtentwicklung und Bau genau jene Bereiche, in denen die nächsten politischen Auseinandersetzungen zu erwarten sind.
WIR für Schwaz (Bürgerliste) positioniert sich bereits sichtbar zu Nachverdichtung, Stadtentwicklung und zur Zukunft des Pfundplatzes. Bei den bekannt gewordenen Überlegungen für Wohnbau auf Flächen des Paulinums erklärte Wex, persönlich den Erhalt der Grünflächen zu bevorzugen.
Das ist noch kein beschlossener Konflikt, sondern ein Frühindikator. Er zeigt jedoch, dass die nächste Trennlinie in Schwaz zwischen zusätzlichem Wohnraum, baulicher Verdichtung und dem Schutz bestehender Freiräume verlaufen könnte.
Wex besitzt dabei eine ungewöhnliche Doppelrolle. Er kann sich als Gestalter präsentieren, weil er für Stadtentwicklung verantwortlich ist. Gleichzeitig kann seine Bürgerliste über den Überprüfungsausschuss Transparenz und Kontrolle einfordern. Das verschafft ihm Profil, macht es aber schwer, sich später als unbeteiligter Kritiker der Stadtpolitik darzustellen.
Für Wex stellt sich deshalb langfristig eine Richtungsfrage: Will er unverzichtbarer Mehrheitsbeschaffer und inhaltlicher Taktgeber bleiben – oder aus dieser Position heraus selbst den Anspruch auf die Führung der Stadt entwickeln?
Die Grünen bestimmen stärker mit, als ihre zwei Mandate vermuten lassen
Die IgLS – Die Grünen (GRÜNE) verfügt nur über zwei Sitze, führt aber mit Umwelt, Klima, Abfall, Mobilität und Infrastruktur zentrale Zukunftsbereiche. Für eine Mehrheit jenseits der beiden großen Listen von SPÖ und ÖVP werden ihre Stimmen regelmäßig wichtig.
Ihre Chance liegt darin, Projekte wie den Ausbau des Radverkehrs, die Wärmewende und eine klimaverträgliche Stadtentwicklung als eigene Erfolge sichtbar zu machen. Ihre Schwierigkeit besteht darin, dass diese Projekte meist gemeinsam mit der Stadtspitze und anderen Ressorts umgesetzt werden.
Besonders bei Wohnbau und Nachverdichtung könnten die Grünen künftig unter Druck geraten. Sie müssen leistbares Wohnen ermöglichen, ohne ihre Glaubwürdigkeit beim Boden- und Grünraumschutz zu verlieren. Genau an dieser Frage könnte aus der bisherigen Zusammenarbeit erstmals ein deutlich sichtbarer politischer Richtungsstreit entstehen.
Die FPÖ Schwaz (FPÖ) und die MFG Schwaz (MFG) bleiben mit jeweils einem Mandat strukturell schwächer. Bei knappen Abstimmungen können sie dennoch den Ausschlag geben. Einen eigenen Sitz in der engeren Stadtregierung besitzen beide derzeit nicht.
Der nächste Konflikt wird um Prioritäten geführt
Schwaz leidet derzeit nicht an einer akuten politischen Blockade. Die zentrale Frage lautet vielmehr, was passiert, wenn nicht mehr für alle wichtigen Projekte ausreichend Geld vorhanden ist.
Dann müssen Prioritäten gesetzt werden: zwischen Wohnbau und Grünraum, zwischen neuen Investitionen und der Sanierung bestehender Gebäude, zwischen Innenstadtgestaltung und anderen Infrastrukturvorhaben sowie zwischen kurzfristiger Entlastung und langfristiger Energiepolitik.
Solange die finanziellen Ergebnisse positiv sind und sichtbare Projekte umgesetzt werden, können die Fraktionen ihre Zusammenarbeit als Erfolg verkaufen. Sobald Entscheidungen Gewinner und Verlierer erzeugen, wird sich zeigen, ob die Schwazer Mehrheitsarchitektur tatsächlich belastbar ist.
Politischer Befund
Victoria Weber (SPÖ) besitzt derzeit die stärkste persönliche Ausgangsposition. Sie hat das Bürgermeisteramt, führt die Finanzen und kann auf eine funktionierende Zusammenarbeit im Gemeinderat verweisen. Eine eigene parteipolitische Dominanz hat sie daraus aber noch nicht entwickelt.
Ihr Team Zukunft (SPÖ-geführt, mit Unabhängigen) bleibt mit sechs Mandaten hinter dem Bürgermeisterteam Hans Lintner (ÖVP) mit acht Mandaten zurück. Weber muss deshalb aus einer gemeinschaftlichen Rathausbilanz eine erkennbare eigene politische Linie formen, ohne jene Zusammenarbeit zu beschädigen, auf die sie angewiesen ist.
Matthias Zitterbart (ÖVP) muss beweisen, dass die stärkste Fraktion nicht nur mitregieren, sondern wieder führen kann. Martin Wex (WIR für Schwaz; früher ÖVP) muss entscheiden, ob er Mehrheitsbeschaffer, Kontrolleur oder möglicher Herausforderer sein will. Die IgLS – Die Grünen (GRÜNE) wiederum muss zeigen, welche konkreten Veränderungen ohne ihre Beteiligung nicht zustande gekommen wären.
Schwaz befindet sich damit nicht in einem Machtvakuum, sondern in einer Phase geteilter Macht. Weber hat dieses System bislang regierbar gemacht. Die nächste politische Entscheidung wird deshalb weniger davon abhängen, ob Schwaz funktioniert, sondern davon, wem die Bevölkerung zuschreibt, dass es funktioniert.
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