Der Pedibus funktioniert fast genauso wie ein gewöhnlicher Schulbus. Er beginnt an einer festgelegten Endhaltestelle, folgt einer geprüften Route und nimmt die Kinder an markierten Haltestellen zu bestimmten Uhrzeiten auf. Wer den Pedibus verpasst, muss wie bei einem echten Bus auf andere Weise zur Schule kommen.

In Bergamo begleiten jeweils zwei erwachsene Freiwillige die Gruppe. Der „Autista“ führt sie an, der „Controllore“ geht am Ende und achtet darauf, dass kein Kind zurückbleibt. Der Pedibus geht bei jedem Wetter und orientiert sich am Schulkalender.

Die Idee stammt nicht aus Bergamo

Bergamo hat den Pedibus nicht erfunden. Das heute international verbreitete Konzept des „Walking School Bus“ wird meist dem australischen Stadt- und Verkehrsplaner David Engwicht zugeschrieben, der es 1992 als Antwort auf den zunehmenden Autoverkehr vor Schulen bekannt machte.

Die Vorgeschichte reicht allerdings weiter zurück. In Japan gingen Schulkinder bereits Jahrzehnte zuvor organisiert in Gruppen zur Schule. Neu war in den 1990er-Jahren daher weniger das gemeinsame Gehen als seine Übertragung auf die Logik eines Linienbusses: feste Routen, Haltestellen, Fahrpläne und wechselnde Begleitpersonen.

Von Australien aus verbreitete sich das Modell nach Neuseeland, Kanada, Großbritannien, in die USA und in zahlreiche europäische Länder. In Italien wurde daraus der „Piedibus“ oder „Pedibus“. Im Bergamasker Stadtteil Monterosso wurde 2001 eine der frühen italienischen Linien eingerichtet. Aus einer Schulaktion wurde dort schrittweise ein regelmäßig angebotener Dienst.

Wie aus Elternbegleitung ein Linienbetrieb wird

Das Grundprinzip ist einfach: Die Schule erhebt, aus welchen Richtungen ausreichend viele Kinder kommen. Gemeinde, Schule und möglichst auch die Polizei prüfen anschließend die Route. Erst danach werden Haltestellen, Zeiten und ein Dienstplan für die Begleitpersonen festgelegt.

Die Aufgaben sind verteilt. Die Gemeinde schafft den organisatorischen Rahmen und sorgt für sichere Wege, Versicherung und sichtbare Haltestellen. Die Schule stellt den Kontakt zu den Familien her. Elternvereine oder Elternkomitees koordinieren Anmeldung und Begleitdienste. Für den täglichen Betrieb braucht jede Linie mindestens zwei Erwachsene und eine belastbare Vertretungsregelung.

Bergamo führt eine laufend aktualisierte Linienkarte. Familien erfahren über die Elternorganisation ihrer Schule, welche Linien bestehen und wie sie teilnehmen können. Damit wird aus einer privaten Absprache zwischen einzelnen Eltern ein erkennbares kommunales Mobilitätsangebot.

Bergamo verbindet Fußweg und öffentlichen Verkehr

Eine Besonderheit des Bergamasker Modells ist die Verbindung mit dem öffentlichen Nahverkehr. Kinder bis elf Jahre, die regelmäßig am Pedibus teilnehmen, erhalten kostenlos die Junior B-Card für das lokale Verkehrsnetz. Voraussetzung sind mindestens 15 dokumentierte Pedibus-Wege.

Die Stadt belohnt damit nicht nur das Zufußgehen. Sie führt Kinder zugleich an unterschiedliche Formen selbstständiger Mobilität heran. Der Pedibus wird nicht als Gegenmodell zu Bus und Straßenbahn behandelt, sondern als deren einfachste und früheste Linie.

Die Erfahrungen sind positiv – aber nicht automatisch dauerhaft

Kinder bewegen sich regelmäßig, lernen ihren Ort kennen und üben unter Begleitung, Straßen sicher zu überqueren. Sie kommen mit anderen Kindern in Kontakt und gewinnen schrittweise jene Selbstständigkeit, die ihnen beim Transport im elterlichen Auto fehlt.

Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen diese Richtung. Eine 2024 veröffentlichte randomisierte Studie an 22 Schulen stellte bei den teilnehmenden Kindern einen messbaren Anstieg aktiver Schulwege und durchschnittlich rund vier zusätzliche Minuten intensiverer Bewegung pro Tag fest. Eine Auswertung von zwölf früheren Studien verband Walking-School-Bus-Programme ebenfalls überwiegend mit mehr Fußwegen und zusätzlicher körperlicher Aktivität, auch wenn die Wirkung nicht überall gleich stark ausfiel.

Die größte Schwierigkeit ist nicht der Start, sondern die Dauerhaftigkeit. Zeitmangel, zu wenige Begleitpersonen und Sicherheitsbedenken der Eltern lassen viele gut gemeinte Linien nach einer Pilotphase wieder verschwinden. Hängt der gesamte Betrieb an zwei besonders engagierten Eltern, endet er oft mit dem Schulwechsel ihrer Kinder.

Der Pedibus ersetzt keine sicheren Straßen

Ein Pedibus kann Kinder auf einer geeigneten Route sicher begleiten. Er kann aber keinen fehlenden Gehsteig, keine unübersichtliche Kreuzung und keinen gefährlichen Autoverkehr beseitigen. Die Prüfung der Linien macht solche Schwachstellen vielmehr sichtbar.

Gemeinden sollten den Pedibus daher mit einer Schulweganalyse verbinden. Gefährliche Übergänge, schlechte Sichtbeziehungen und fehlende Gehwege bleiben kommunale Aufgaben. Das organisierte Gehen darf nicht zum Argument werden, notwendige bauliche Verbesserungen aufzuschieben.

Auch die Verkehrsreduktion tritt nicht automatisch ein. Wenn hauptsächlich Kinder teilnehmen, die vorher ohnehin zu Fuß gegangen wären, sinkt die Zahl der Elterntaxis kaum. Die größte Wirkung entsteht dort, wo tatsächlich Autofahrten ersetzt werden.

Österreich und die Schweiz haben das Modell übernommen

In Österreich bestehen Pedibus-Angebote mittlerweile in allen Bundesländern. In Niederösterreich heißt das Modell „SchulGehBus“, in Vorarlberg „Kinderzügle“. Umsetzungen gibt es unter anderem in Wien, Salzburg und mehreren steirischen Gemeinden. Bundeseinrichtungen stellen dafür Anleitungen, Haltestellentafeln, Warnwesten und Organisationsmaterial bereit.

Auch Südtirol nutzt das Prinzip. Meran bietet für das Schuljahr 2026/27 Pedibus-Dienste auf sieben ausgewählten Schulwegen an. In der Schweiz besteht ein Netz mit Hunderten Linien. Dort reichen bereits zwei interessierte Familien aus, um eine kleine Linie zu beginnen; als gut handhabbare Routenlänge gilt ungefähr ein Kilometer.

Diese Orte haben nicht Bergamo im engeren Sinn kopiert. Sie haben denselben internationalen Ansatz an ihre örtlichen Gegebenheiten angepasst. Genau darin liegt die Stärke des Modells: Der Pedibus benötigt kein einheitliches Großprojekt, sondern eine lokal passende und dauerhaft tragfähige Organisation.

Die wichtigste Ressource ist Verlässlichkeit

Der finanzielle Aufwand bleibt überschaubar. Benötigt werden vor allem Koordination, Versicherung, Warnwesten, Haltestellenschilder und Informationsmaterial. Die knappste Ressource ist nicht Geld, sondern die Bereitschaft, den Dienst jeden Morgen zuverlässig zu übernehmen.

Erfolgreiche Modelle verteilen diese Aufgabe auf mehrere Schultern, benennen eine koordinierende Stelle und sorgen für Ersatz, bevor jemand ausfällt. Erst dadurch wird aus einer guten Idee ein belastbarer Teil des Schulalltags.

Der Pedibus ist dann besonders erfolgreich, wenn er sich nicht selbst dauerhaft unentbehrlich macht. Kinder sollen auf dem gemeinsamen Weg lernen, Gefahren einzuschätzen, Verkehrsregeln anzuwenden und sich zunehmend selbstständig im Ort zu bewegen.

Bergamos wichtigste Lehre lautet daher nicht, dass Kinder gemeinsam zur Schule gehen können. Sie lautet, dass aus dieser einfachen Idee erst durch klare Zuständigkeiten ein verlässliches Verkehrsmittel wird. Der Pedibus braucht keinen Motor. Aber er braucht eine Organisation, die jeden Morgen anspringt.

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