Peter Volgger vor dem Rathaus von Sterzing; weiß-rote SVP-Fahne vollständig abgesenkt am Boden. Redaktionelles Symbolbild mit authentischer Porträtreferenz.
Peter Volgger (Für Sterzing Wipptal), Bürgermeister von Sterzing.

Sterzing steht damit für eine größere Herausforderung der SVP: Persönliche Bekanntheit, kommunale Erfahrung und lokale Netzwerke sind nicht mehr selbstverständlich an die Partei gebunden. Zugleich konkurriert sie auf Landesebene mit rechten Gruppierungen, die Unzufriedenheit mit Regierung, politischen Entscheidungen und gesellschaftlichen Veränderungen aufgreifen.

Dahinter liegt eine veränderte Erwartung an Politik. Der wirtschaftliche Erfolg Südtirols und die historische Bedeutung der SVP reichen als Begründung für politische Gefolgschaft weniger weit, wenn Menschen ihre eigenen Lebensbedingungen als unsicher erleben. Besonders deutlich wird das beim Wohnen.

2015: Der Bürgermeister ging – und nahm das Rathaus mit

Der Ausgangspunkt in Sterzing war eine Spaltung innerhalb des bisherigen Führungslagers. Messner verließ vor der Wahl 2015 gemeinsam mit Vizebürgermeister Markus Larch und mehreren Stadträten die SVP. Mit „Für Sterzing Wipptal“ trat ein Team an, das bereits über Erfahrung, Bekanntheit und kommunale Verantwortung verfügte.

Die Bürgerliste musste ihre Regierungsfähigkeit deshalb nicht erst grundsätzlich beweisen. Messner konnte seine Arbeit unter einem neuen Listenzeichen fortsetzen. Die SVP musste dagegen erklären, warum die Stadt einen Wechsel brauchte, obwohl der amtierende Bürgermeister und mehrere bisherige Regierungsmitglieder weiterhin zur Verfügung standen.

Der entscheidende Verlust betraf damit mehr als ein Parteizeichen am Rathaus. Mit dem Bürgermeister gingen Personen, Beziehungen und ein Teil der örtlichen Regierungserfahrung. Die Bürgerliste konnte darauf aufbauen.

Bürgermeisterwahlen Sterzing 2015, 2020 und 2025

WahlErgebnisBürgermeisteramt
2015Fritz Karl Messner: 54,5 %; Dieter Thaler (SVP): 45,5 %Für Sterzing Wipptal
2020Peter Volgger: 50,1 %; Walter Gögl (SVP): 49,9 %Für Sterzing Wipptal
2025Peter Volgger: 62,95 %; Daniel Seidner (SVP): 28,07 %; Massimo Bessone (sìAmo Vipiteno): 4,83 %; Jonas Gasser (Süd-Tiroler Freiheit): 4,15 %Für Sterzing Wipptal

2020: Die beste Rückkehrchance blieb ungenutzt

Messners Ausscheiden wegen der Amtszeitbegrenzung öffnete 2020 ein Fenster. Der langjährige Amtsinhaber stand nicht mehr zur Wahl; Volgger musste sich erstmals als Bürgermeisterkandidat durchsetzen.

Die SVP kam dem Rathaus damals ausgesprochen nahe. Drei Stimmen entschieden zugunsten Volggers. Der anschließende Rekurs gegen die Bewertung von Stimmzetteln blieb erfolglos. Das Verwaltungsgericht erklärte ihn mangels geeigneter Beweisansätze für unzulässig.

Die Bürgerliste überstand damit gerade jene Wahl, bei der Messners persönlicher Rückhalt nicht mehr unmittelbar über seine eigene Kandidatur wirkte. Sie erwies sich als tragfähiger als ein ausschließlich auf ihren Gründer zugeschnittenes Projekt.

Politisch liegt darin ein entscheidender Schritt: Aus der Abspaltung eines Bürgermeisters wurde eine Organisation, die dessen Nachfolge selbst regeln konnte. Volgger erhielt anschließend eine volle Amtsperiode, um ein eigenes Profil als Bürgermeister zu entwickeln.

2025: Die SVP verlor ihren früheren Herausforderer

Besonders deutlich wird die Verschiebung an Walter Gögl. Der SVP-Bürgermeisterkandidat von 2020 trat 2025 für die Bürgerliste an und zog für sie in den Gemeinderat ein. Mit 302 Vorzugsstimmen gehörte er dort zu den stärksten Kandidaten.

SVP-Bezirksobmann Sebastian Helfer räumte nach der Wahl ein, dass der Seitenwechsel seiner Partei geschadet habe. Wie viele Stimmen dadurch tatsächlich wechselten, lässt sich nicht beziffern. Die politische Bedeutung ist dennoch erheblich: Der Mann, der Volgger fünf Jahre zuvor beinahe geschlagen hätte, verstärkte nun dessen Liste.

Das verschärft das Rückkehrproblem der SVP. Wer mit ihrer örtlichen Aufstellung unzufrieden ist, findet bei der Bürgerliste eine etablierte Alternative. Frühere Parteizugehörigkeit sichert deshalb weder Kandidaturen noch persönliche Netzwerke dauerhaft.

„Für Sterzing Wipptal“ kann auf diese Weise einen Teil jener kommunalen Breite aufnehmen, die früher die Stärke der SVP ausmachte. Die Liste entstand aus dem früheren SVP-Führungslager, tritt inzwischen aber als eigenständige kommunale Kraft auf.

Die Bürgerliste hat keine eigene Mehrheit – ihr Bündnis schon

Volggers persönlicher Wahlerfolg und die Mehrheitsverhältnisse im Gemeinderat müssen getrennt betrachtet werden.

Gemeinderatswahl Sterzing 2025

ListeErgebnisMandate
Für Sterzing Wipptal46,8 %8
SVP24,1 %4
Insieme – Zusammen für Sterzing16,5 %4
sìAmo Vipiteno6,0 %1
Süd-Tiroler Freiheit4,1 %1
Fratelli d’Italia2,4 %0
Gesamt18

„Für Sterzing Wipptal“ bleibt auf Zusammenarbeit angewiesen. Mit der interethnischen Bürgerliste „Insieme per Vipiteno – Zusammen für Sterzing“ besteht jedoch eine langjährige Regierungsverbindung. Zusammen verfügen beide Listen über zwölf der 18 Sitze. Fabio Cola und Chiara Martorelli (beide Insieme) gehören dem Stadtrat an.

Die SVP steht damit einem Bündnis gegenüber, das ohne sie regieren kann. Ihre vier Mandate machen sie zu einer relevanten Oppositionskraft, verschaffen ihr aber keine entscheidende Rolle bei der Mehrheitsbildung.

Was Sterzing mit Südtirol verbindet

Auf Landesebene ist die nachlassende Bindung an die SVP ebenfalls sichtbar. Die Landtagswahl 2023 brachte deutliche Verschiebungen.

Landtagswahlen Südtirol 2018 und 2023

Partei20182023
SVP41,9 % · 15 Mandate34,5 % · 13 Mandate
Team K15,2 % · 6 Mandate11,1 % · 4 Mandate
Süd-Tiroler Freiheit6,0 % · 2 Mandate10,9 % · 4 Mandate
Grüne6,8 % · 3 Mandate9,0 % · 3 Mandate
JWA–5,9 % · 2 Mandate
Die Freiheitlichen6,2 % · 2 Mandate4,9 % · 2 Mandate

Die Unzufriedenheit findet unterschiedliche politische Ausdrucksformen. Bürgerlisten können örtliche Erfahrung und persönliche Beziehungen übernehmen. Rechte Gruppierungen bieten eine stärker ideologisch und protestpolitisch geprägte Alternative. Andere Oppositionsparteien setzen soziale, ökologische oder institutionelle Gegenpositionen.

Auf Gemeindeebene bleiben die örtlichen Voraussetzungen entscheidend. 2025 verlor die SVP Andrian und Welschnofen an Bürgerlisten, gewann aber Eppan und Wolkenstein zurück. In Sterzing gelang die Rückkehr erneut nicht.

Das gemeinsame Thema ist der Wettbewerb um Vertrauen. Die SVP kann ihren historischen Führungsanspruch zunehmend weniger als selbstverständliche Bindung voraussetzen.

Woher die Unzufriedenheit kommt

Der stärkste empirische Befund betrifft die Wohnkosten. In einer repräsentativen Untersuchung von Eurac und ASTAT nannten 80 Prozent hohe Immobilien- und Mietpreise als drängendes Problem beim Wohnen und Bauen. Rund ein Drittel hatte Schwierigkeiten, die Wohnkosten zu bewältigen.

Zwei Drittel widersprachen der Vorstellung, Leistung und Fleiß reichten aus, um sich in Südtirol angemessenen Wohnraum leisten zu können. Hoher Wohnkostendruck ging zugleich mit geringerem Vertrauen in die Politik einher.

Politisch entsteht daraus eine scharfe Spannung: Ein erfolgreiches Land kann für seine Einwohner im persönlichen Alltag trotzdem schwer leistbar sein. Wer arbeitet, aber keine verlässliche Wohnperspektive findet, beurteilt Regierungspolitik auch danach, ob sie die eigenen Lebenschancen verbessert.

Für die SVP als langjährig führende Regierungspartei ist das besonders anspruchsvoll. Ihr werden Erfolge zugerechnet, zugleich trägt sie die politische Verantwortung für als ungelöst empfundene Probleme. Der Verweis auf Wohlstand und wirtschaftliche Stärke verliert an Wirkung, wenn dieser Erfolg im eigenen Haushalt nicht ausreichend ankommt.

Hinzu kommen Konflikte innerhalb der Partei. Eurac-Politologin Verena Wisthaler verwies nach der Landtagswahl 2023 ausdrücklich auf die innerparteilichen Streitigkeiten, die in der Bevölkerung als störend wahrgenommen worden seien. Zugleich könne die SVP ihren früheren Anspruch, die deutsch- und ladinischsprachige Bevölkerung mit einer Stimme zu vertreten, nicht mehr einlösen.

Wenn eine Partei mit sich selbst beschäftigt erscheint und zugleich zentrale Alltagsprobleme ungelöst bleiben, verliert ihr Führungsanspruch an Überzeugungskraft.

Warum daraus unterschiedliche Gegenkräfte entstehen

In Sterzing hat sich die Ablösung kommunal organisiert: mit bekannten Personen, einem eigenen Bürgermeister und einem stabilen Partner. Ein Wechsel zur Bürgerliste bedeutet dort die Unterstützung einer bereits bewährten Stadtregierung.

Bei rechten Gruppierungen stehen andere Angebote im Vordergrund. Volkstumspolitik, Selbstbestimmung, konservative Positionen und Protest gegen Regierung beziehungsweise Coronamaßnahmen spielten im Umfeld der Landtagswahl 2023 unterschiedliche Rollen.

EntwicklungWas dahinterstehtBedeutung für die SVP
Dauerhafte BürgerlistenEigenständige Teams, persönliche Beziehungen und RegierungserfahrungKommunale Bindungen bestehen außerhalb der Partei weiter.
Gewinne rechter GruppierungenIdentitätsfragen, konservative Positionen und ProtestUnterschiedliche Teile des früheren Sammelpartei-Angebots werden eigenständig vertreten.
Soziale UnzufriedenheitHohe Wohnkosten und als unsicher erlebte ZukunftsperspektivenWirtschaftlicher Erfolg muss sich im Alltag bewähren.
Innerparteiliche KonflikteAuseinandersetzungen um Personen, Einfluss und RichtungDas Bild einer verlässlich führenden Partei wird beschädigt.

Auch Rückzug gehört zum Bild. Euracs Langzeitauswertung dokumentiert seit 2000 eine sinkende kommunale Wahlbeteiligung und weniger Kandidaturen. In beinahe jeder dritten Bürgermeisterwahl tritt inzwischen nur eine Person an.

Damit steht die SVP vor mehreren Aufgaben gleichzeitig: örtliche Teams zusammenhalten, gesellschaftliche Interessen verbinden und konkrete Verbesserungen im Alltag glaubwürdig machen. Diese Aufgaben lassen sich nicht allein durch eine neue Spitzenkandidatur lösen.

Woran sich die Konkurrenz in Sterzing konkret zeigt

Sachliche Konflikte sind vorhanden. Beim geplanten Parkhaus an der Roßkopf-Talstation wurde im Februar 2026 über rund 5,8 Millionen Euro Projektkosten diskutiert. Seidner unterstützte das Vorhaben grundsätzlich, fragte aber nach der Wirtschaftlichkeit. Eva Frick (SVP) kritisierte die fehlende konkrete Berechnung; Werner Graus (SVP) verlangte eine umfassende Prüfung. Volgger erklärte, gebaut werde nur, wenn sich das Vorhaben selbst trage.

Hier wird die Rolle der SVP als Opposition greifbar: Sie stellt Fragen zu Finanzierung und wirtschaftlicher Absicherung. Die weitergehende politische Herausforderung besteht darin, aus einzelnen Einwänden ein erkennbares Gesamtbild für die Entwicklung der Stadt zu formen.

Volggers Stärke liegt darin, dass sein Bündnis bereits regiert und kommunale Kontinuität verkörpert. Die SVP muss deshalb einen zusätzlichen Nutzen des Wechsels erkennbar machen. Ihr früherer Status als führende Partei beantwortet diese Frage nicht.

Politischer Befund

Die SVP hat Sterzing durch eine Abspaltung aus dem eigenen Führungslager verloren. Seither hat sich außerhalb der Partei eine dauerhafte Regierungsalternative entwickelt. Darin liegt die Verbindung zur größeren Südtiroler Entwicklung: Politische Zugehörigkeit bindet weniger selbstverständlich, während leistbares Wohnen, glaubwürdige Problemlösung und persönliche Verlässlichkeit an Gewicht gewinnen. Bürgerlisten übernehmen kommunale Beziehungen und Erfahrung; rechte Gruppierungen greifen andere Formen der Unzufriedenheit auf. Für die SVP entscheidet sich die Rückgewinnung von Vertrauen daran, ob sie wieder überzeugend vermitteln kann, welchen konkreten Unterschied ihre Führung für das Leben der Menschen macht.

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