Ein persönliches Mandat mit knapper Mehrheit

Zeitlers Wiederwahl war eine Bestätigung seiner Arbeit und zugleich ein enges Rennen. Im ersten Wahlgang am 10. November 2024 lag Hahn mit 40,37 Prozent vor dem Amtsinhaber, der 36,56 Prozent erreichte. In der Stichwahl am 1. Dezember setzte sich Zeitler mit 50,61 Prozent durch. Zwischen beiden Kandidaten lagen 111 Stimmen. Seine zweite Amtszeit begann im Februar 2025.

Zeitler verfügt damit über ein eigenständiges persönliches Mandat. Als SPD-Mitglied führt er eine Stadt, in deren Gemeinderat die Sozialdemokraten drei von 26 gewählten Sitzen halten. Seine Wiederwahl lässt sich deshalb nicht allein aus der Stärke seiner Partei erklären. Sie zeigt, dass er Menschen über das sozialdemokratische Umfeld hinaus erreicht.

Der knappe Ausgang bedeutet allerdings auch, dass ein großer Teil der Wählerschaft eine andere Rathausführung bevorzugte. Für Zeitler kommt es darauf an, diesen Teil der Stadt bei den kommenden Entscheidungen einzubeziehen. Seine Stellung beruht auf dem Amt, der Verwaltungserfahrung und der Fähigkeit, für konkrete Vorhaben Zustimmung zu gewinnen.

Die nächste reguläre Kommunalwahl steht nach dem von der Stadt veröffentlichten Wahlfenster im Frühjahr 2029 an. Ein genauer Wahltag wird damit noch nicht benannt. Für die politische Bewertung im Herbst 2026 stehen deshalb Leistungsbilanz, Umsetzung und langfristiger Personalaufbau im Vordergrund. Wer heute für ein Projekt stimmt, wird später auch an dessen Ergebnis gemessen.

Im Gemeinderat entscheidet die Verbindung zwischen den Gruppen

Bei der Kommunalwahl vom Juni 2024 wurde LBU/Die Grünen stärkste Kraft. Dahinter folgen CDU und FWV/ÜfA. SPD und FDP verfügen jeweils über drei Sitze; die AfD ist mit zwei Mitgliedern vertreten.

ListeStimmenanteil 2024SitzePolitisches Gewicht
LBU/Die Grünen26,9 %7Größte Gruppe, besonders wichtig bei Stadtentwicklung und Umwelt
CDU21,6 %6Zweitgrößte Gruppe, für zahlreiche Mehrheiten entscheidend
FWV/ÜfA20,1 %5Starkes kommunales Gewicht zwischen den größeren Parteien
SPD11,8 %3Verbindung zum Oberbürgermeister und eigenständige fachliche Verankerung
FDP10,7 %3Kann bei knappen Abstimmungen den Ausschlag geben
AfD8,9 %2Kleine Ratsvertretung mit öffentlichem Oppositionsanspruch

Die Sitzverteilung eröffnet mehrere Möglichkeiten. CDU, FWV/ÜfA und FDP kommen zusammen auf 14 gewählte Mitglieder. LBU/Die Grünen und SPD verfügen gemeinsam über zehn; mit dem stimmberechtigten Oberbürgermeister wären es elf Stimmen. Bei vollständiger Teilnahme aller 27 Stimmberechtigten und ohne Enthaltungen wären 14 Stimmen eine Mehrheit. Das sind rechnerische Möglichkeiten, keine nachgewiesenen festen Koalitionen.

Überlingen muss seine Mehrheiten von Thema zu Thema organisieren. Eine Verständigung über den Haushalt bedeutet noch keine gemeinsame Linie beim Wohnungsbau. Gerade deshalb haben die Fraktionssprecher Gewicht: Ulf Janicke (LBU/Die Grünen), Günter Hornstein (CDU), Robert Dreher (FWV/ÜfA), Raimund Wilhelmi (FDP) und Rainer Röver (SPD). Eine parteipolitische Zuordnung von FWV/ÜfA zur überregionalen Partei FREIE WÄHLER wird dabei nicht unterstellt.

Die Personen bringen mehr mit als Parteizugehörigkeit

Überlingens Kommunalpolitik wird von Menschen getragen, deren berufliche und gesellschaftliche Erfahrungen in die Ratsarbeit hineinreichen.

Bei LBU/Die Grünen stehen dafür unter anderem Janicke, Bettina Dreiseitl-Wanschura und Herbert Dreiseitl. Janicke ist selbstständiger Physiker und engagiert sich auch in sozialen Zusammenhängen. Dreiseitl-Wanschura bringt Erfahrungen als Landschaftsökologin und Moderatorin ein, Dreiseitl als Landschaftsarchitekt und Künstler. Dazu kommen Verbindungen in Vereine und örtliche Initiativen. Die Gruppe kann deshalb Umweltpolitik mit konkreter Fachkenntnis über Planung, Landschaft und Stadtgestaltung verbinden.

Die CDU verfügt mit Alexander Bruns über einen Akteur, dessen Bedeutung über das Rathaus hinausreicht. Der Universitätsprofessor gewann bei der Landtagswahl im März 2026 das Direktmandat im Wahlkreis Bodensee. Damit besitzt die örtliche CDU eine direkte personelle Verbindung zum Landtag. Das eröffnet Möglichkeiten, kommunale Anliegen auf Landesebene zu vertreten; zusätzliche Mittel für einzelne Vorhaben folgen daraus allerdings nicht automatisch.

Auch die SPD ist personell breiter verankert, als ihre drei Mandate zunächst erkennen lassen. Röver ist Allgemeinmediziner und verbindet die Fraktionsführung mit Erfahrungen aus der Gesundheitsversorgung. Die SPD-Gemeinderätin Kirsten Stüble bringt einen Hintergrund in Physiotherapie sowie Politik- und Verwaltungswissenschaften mit; ihre berufliche Selbstdarstellung umfasst außerdem den Betrieb eines Secondhandgeschäfts mit ihrer Mutter. Michael Wilkendorf (SPD) ist Diplomingenieur und ehemaliger Ortsbaumeister. Gesundheit, soziale Alltagsfragen und kommunales Bauen sind damit innerhalb der kleinen Fraktion konkret vertreten.

Diese Verankerung ist eine politische Ressource. Sie ermöglicht Kontakte zu Menschen, die nicht über Parteiveranstaltungen erreicht werden. Ob daraus zusätzlicher Einfluss entsteht, hängt davon ab, wie sichtbar diese Erfahrungen in Lösungen für die Stadt werden.

Beim Wohnungsbau hat die Bürgerschaft eine Grenze gezogen

Der Bürgerentscheid zu Rauensteinstraße Ost war der deutlichste Eingriff in die jüngere Stadtentwicklungspolitik. Am 14. Dezember 2025 stimmten 69,25 Prozent für die Beendigung des Bebauungsplanverfahrens. Die Beteiligung betrug 41,2 Prozent; das erforderliche Zustimmungsquorum wurde erreicht. Die Stadt beendete daraufhin das Verfahren.

Der Entscheid betrifft einen konkreten Standort. Aus ihm lässt sich keine allgemeine Ablehnung neuer Wohnungen ableiten. Politisch zeigt er aber, dass der Hinweis auf Wohnraumbedarf allein keine ausreichende Zustimmung schafft. Lage, Umfang, Eingriff in Grünflächen und die Verbindlichkeit sozialer Ziele gehören zur Bewertung eines Vorhabens.

Schon die vorausgehende Ratsdebatte verlief quer zu einem einfachen Gegensatz zwischen Parteien. Die SPD unterstützte das Vorhaben; innerhalb anderer Gruppen wurden unterschiedliche Positionen sichtbar. Damit war der Konflikt auch eine Auseinandersetzung darüber, welche Bedingungen Wohnungsbau in Überlingen erfüllen muss.

Ein Ansatz für neue Zusammenarbeit ist die Diskussion über eine Wohnbaugenossenschaft südlich Härlen. Im März 2026 luden SPD und LBU/Die Grünen gemeinsam zu einem Informationsabend ein. Das belegt die Bereitschaft, trotz unterschiedlicher Positionen bei Rauensteinstraße Ost an anderen Lösungen zu arbeiten. Eine solche Veranstaltung ersetzt noch keine gegründete Genossenschaft oder gesicherte Bauplanung. Sie zeigt aber eine politische Verbindung, die für die weitere Entwicklung bedeutsam werden kann.

Große Investitionen, kleiner werdender Spielraum

Überlingen verfügt über erhebliche finanzielle Reserven und setzt ein umfangreiches Investitionsprogramm an. Der Doppelhaushalt 2026/2027 wurde im Dezember 2025 beschlossen und im März 2026 vom Regierungspräsidium genehmigt.

Die Planung sieht zugleich eine deutliche Veränderung der finanziellen Lage vor: Der Schuldenstand soll von rund 16,2 Millionen Euro zu Beginn des Jahres 2026 auf rund 32,1 Millionen Euro Ende 2027 steigen. Die nicht zweckgebundene Liquidität soll im selben Zeitraum von rund 87,9 auf 41,2 Millionen Euro zurückgehen. Das sind Planwerte. Sie beschreiben den vorgesehenen Einsatz von Reserven und Krediten, keine bereits vollständig eingetretene Entwicklung.

Die politische Aufgabe besteht darin, notwendige Infrastruktur zu erneuern und zugleich die spätere Handlungsfähigkeit zu sichern. Schulen und Feuerwehr binden Mittel über Jahre. Kostensteigerungen können deshalb andere Vorhaben unmittelbar unter Druck setzen.

LBU/Die Grünen unterstützen die Umsetzung der großen Projekte, verbinden dies aber mit einer klaren Forderung nach Kostendisziplin. Ihre Haushaltsstellungnahme verweist außerdem auf die Abhängigkeit von einem einzelnen großen Gewerbesteuerzahler. Hohe Einnahmen schaffen Möglichkeiten; sie machen die Stadt zugleich empfindlich gegenüber Veränderungen dieser Einnahmequelle.

Die Projekte werden zum Maßstab für die Rathausführung

VorhabenStandBedeutung für die StadtPolitische Bewährungsprobe
GymnasiumBaubeschluss für ein Projekt von rund 70 Millionen Euro im September 2026Langfristige BildungsinfrastrukturKosten, Zeitplan und praktische Umsetzung
Wiestorcampus/Bunte VillaErster Bauabschnitt im InvestitionsprogrammSchulische und soziale InfrastrukturÜbergangslösungen und verlässliche Abfolge
FeuerwehrgebäudeGroßes Vorhaben der FinanzplanungLeistungsfähigkeit der GefahrenabwehrBedarfsgerechter Bau im finanziellen Rahmen
WohnungsbauNach dem Bürgerentscheid müssen weitere Standorte und Modelle überzeugenWohnraum und soziale TeilhabeBezahlbarkeit und Zustimmung zusammenbringen

Beim Gymnasium liegt inzwischen der Baubeschluss vor. Damit verschiebt sich die politische Verantwortung stärker in Richtung Umsetzung. Entscheidend werden die Einhaltung des finanziellen Rahmens, belastbare Termine und der Umgang mit Schwierigkeiten während des Projekts.

Auch kleinere Entscheidungen zeigen, wie anspruchsvoll kommunale Verständigung ist. Die aktuelle Debatte über barrierefreie Bushaltestellen in der Lippertsreuter Straße verbindet Schulwege, Fuß- und Radverkehr, Busbetrieb und die Anforderungen von Einsatzfahrzeugen. Eine tragfähige Lösung muss diese Interessen am konkreten Ort zusammenführen.

Bei der Windenergie kam eine andere Unsicherheit hinzu. ABO Energy zog im Februar 2026 sein Angebot für das Vorhaben Hochbühl aus Gründen der wirtschaftlichen Unternehmensentwicklung zurück. Damit fiel der vorgesehene Umsetzungspartner aus. Überlingens energiepolitische Ziele müssen nun mit einer neuen Perspektive für die praktische Realisierung verbunden werden.

Lokale Stärke folgt einer eigenen Logik

Bei der Europawahl 2024 erreichte die CDU in Überlingen 30,6 Prozent, bei der Bundestagswahl 2025 waren es 33,8 Prozent. Die Grünen kamen bei diesen beiden Wahlen auf 18,0 beziehungsweise 17,8 Prozent. Bei der Landtagswahl 2026 kehrte sich die Reihenfolge um: Die Grünen erreichten 36,1 Prozent der Zweitstimmen, die CDU 31,1 Prozent. Beide besitzen damit eine erhebliche Wählerbasis, die je nach Wahlebene unterschiedlich mobilisiert wird.

Die SPD erzielte bei der Europawahl 10,4 Prozent, bei der Bundestagswahl 13,7 Prozent und bei der Landtagswahl 5,0 Prozent der Zweitstimmen. Röver erhielt bei der Landtagswahl dagegen 11,4 Prozent der Erststimmen. Zusammen mit Zeitlers Wiederwahl spricht das für eine erkennbare persönliche Verankerung sozialdemokratischer Akteure. Für die SPD liegt darin eine Chance, ihre fachlichen Erfahrungen und örtlichen Kontakte stärker in politische Zustimmung zu übersetzen.

Die AfD erreichte bei der Europawahl 11,2 Prozent, bei der Bundestagswahl 15,6 Prozent und bei der Landtagswahl 13,4 Prozent der Zweitstimmen. Gegenüber ihren 8,9 Prozent bei der Kommunalwahl zeigt das ein größeres überkommunales Wählerreservoir. Daraus entsteht noch keine entsprechend starke örtliche Mannschaft. Auch die FDP muss ihre kommunalen 10,7 Prozent gesondert bewerten: Bei der Bundestagswahl erreichte sie 6,3 Prozent, bei der Landtagswahl 4,9 Prozent.

Diese Ergebnisse beschreiben Unterschiede zwischen Wahlebenen. Sie belegen keine individuellen Wählerwanderungen und liefern keine direkte Prognose für 2029. Kommunal bleiben Personen, örtliche Arbeit und die Bewertung konkreter Entscheidungen entscheidend.

Zwei mögliche Wege bis zur nächsten Kommunalwahl

Im günstigeren Verlauf gelingt Zeitler eine gemeinsame Umsetzungsbilanz mit mehreren Ratsgruppen: Die großen Bauvorhaben bleiben finanziell beherrschbar, und ein neues Wohnungsprojekt findet Zustimmung über die bisherige Konfliktlinie hinaus. Dann kann sich sein persönlicher Rückhalt weiter festigen. Die SPD könnte daran gewinnen, wenn ihre eigenen Beiträge zu Gesundheit, sozialen Fragen und Wohnen erkennbar werden. LBU/Die Grünen und CDU hätten zugleich die Möglichkeit, ihre Mitwirkung als eigene Leistung sichtbar zu machen.

Im zweiten Verlauf treffen steigende Baukosten auf neue Konflikte um Flächen und Wohnungsbau. Dann verschärft sich die Konkurrenz darüber, wer die finanzielle und planerische Verantwortung trägt. LBU/Die Grünen könnten ihre Stärke als größte Ratsgruppe nutzen, die CDU ihre Rolle als Alternative mit Zugang zum Landtag. FWV/ÜfA und FDP würden bei Mehrheitsentscheidungen wichtiger. Ob die AfD daraus kommunal zusätzliches Gewicht gewinnt, hinge auch von einer belastbaren örtlichen Mannschaft ab.

Der entscheidende Kipppunkt wäre ein weiteres größeres Wohnbauvorhaben, das sowohl eine tragfähige Ratsmehrheit als auch öffentliche Zustimmung erreicht. Damit könnte die Stadt zeigen, dass sie aus dem Bürgerentscheid eine praktisch wirksame Verständigung entwickelt hat. Ein erneutes Scheitern würde dagegen die Zweifel an ihrer Fähigkeit verstärken, Wohnraumbedarf, Flächenschutz und Akzeptanz zusammenzubringen.

Politischer Befund

Zeitler besitzt durch sein Amt und die persönliche Wiederwahl derzeit den stärksten Ausgangspunkt für die Führung der Stadt. Seine nächsten Erfolge werden davon abhängen, ob er für Investitionen und Wohnungsbau verlässliche Mehrheiten und öffentliche Zustimmung verbindet. LBU/Die Grünen haben als größte Ratsgruppe erheblichen Einfluss, die CDU verbindet ihre kommunale Stärke mit einem direkt gewählten Landtagsabgeordneten. Die SPD verfügt über fachlich und gesellschaftlich verankerte Personen, deren Potenzial über drei Mandate hinausreicht. Der Bürgerentscheid hat die Anforderungen an neue Bauvorhaben geschärft, während das Investitionsprogramm den finanziellen Spielraum der kommenden Jahre bindet. Entscheidend wird, ob Überlingen aus diesen unterschiedlichen Kräften gemeinsame Ergebnisse schafft: gute Bildungsinfrastruktur, verlässliche öffentliche Leistungen und Wohnraum, dessen Nutzen für die Stadt nachvollziehbar ist.